August 12, 2026

Lappland im Sommer: Sámi, Rentiere und die Magie der Mitternachtssonne

Ich wollte ein einziges Ren­tier sehen. Ich bekam hun­dert – und noch viel mehr, das ich nicht erwartet hat­te: eine Kirche mit­ten in der Wild­nis, eine Insel, die man nicht betreten darf, und eine Sonne, die um Mit­ter­nacht ein­fach nicht untergeht.

Was wusste ich eigentlich über Lap­p­land, bevor ich dor­thin fuhr? Nicht beson­ders viel, wie ich später fest­stellen sollte.

Ich hat­te Bilder im Kopf von end­losen Wäldern, lan­gen, eisi­gen Win­tern und geheimnisvollen Nordlichtern. Ich wusste, dass im Nor­den die Sámi leben und dass Ren­tiere zu Lap­p­land gehören wie Pal­men zu einer Südseeinsel.

Meine Reisezeit war allerd­ings Mitte Juli. Nordlichter würde ich also keine sehen. Dafür erwarteten mich helle Nächte und, wenn alles stimmte, die Mitternachtssonne.

Und ich hat­te noch einen ganz per­sön­lichen Wun­sch: Ich wollte wenig­stens ein einziges Ren­tier sehen.

Mein Ziel war Inari, eine kleine Ortschaft weit im Nor­den Finn­lands am Inari-See. Von Helsin­ki lagen rund 1.200 Kilo­me­ter vor mir. Man hat­te mir ger­at­en zu fliegen. Schließlich würde ich son­st einen beträchtlichen Teil mein­er ein­wöchi­gen Reise im Auto verbringen.

Aber ich wollte nicht so ein­fach über Finn­land hin­wegfliegen. Ich wollte selb­st sehen und erleben, wie sich das Land verän­dert, je weit­er man nach Nor­den kommt.

Also stieg ich an einem Don­ner­stag­mit­tag in Helsin­ki in meinen Miet­wa­gen und fuhr los.


Der Weg nach Lap­p­land: 1.200 Kilo­me­ter Wald

Schon bald hin­ter Helsin­ki verän­derte sich die Landschaft.

Und dann blieb sie erst ein­mal ziem­lich lange gleich.

Bäume. Wald. Noch mehr Wald.

Nadel­bäume und Birken, dazwis­chen immer wieder Seen, die zwi­schen den Stäm­men auf­blitzten und eben­so schnell wieder ver­schwan­den. Kleine Flüsse, größere Flüsse. Manch­mal war ich mir gar nicht sich­er, ob die Brücke ger­ade einen Fluss oder den schmalen Arm eines Sees überquerte.

Hin und wieder kam eine Ortschaft. Oft waren es nur wenige Häuser, viele davon die typ­isch rot gestrich­enen Holzhäuser mit weißen Fensterrahmen.

Fahrt nach Lappland: Lichtung mit Häusern

Fahrt nach Lap­p­land: Lich­tung mit den typ­is­chen roten Holzhäusern mit weißen Fensterrahmen

Und manch­mal sah ich über­haupt keine Häuser. Nur eine schmale Straße oder einen Weg, der zwi­schen den Bäu­men ver­schwand. Am Beginn standen mehrere Postkästen nebeneinander.

Irgend­wo tief im Wald mussten also Häuser liegen. Die Briefträger hat­ten es immer­hin prak­tisch: Sie mussten nicht jeden einzel­nen dieser Wege hine­in­fahren, son­dern kon­nten die Briefe gle­ich an der Haupt­straße loswerden.

Postkästen an der Strasse in Lappland

Postkästen an der Strasse in Lap­p­land: prak­tisch für Briefträger

Mehr als tausend Kilo­me­ter führte meine Reise durch eine Land­schaft, die wenig spek­takulär und ger­ade dadurch ein­drucksvoll war.

Keine drama­tis­chen Bergket­ten. Keine tief eingeschnit­te­nen Täler. Keine Land­schaft, die alle paar Kilo­me­ter eine neue Postkartenkulisse präsentierte.

Wald, Seen, Weite, Stille und dieser harzige, erdi­ge Geruch begleit­eten mich.

Am ersten Abend über­nachtete ich nach etwa fünf Stun­den Fahrt in Kuo­pio. Am näch­sten Mor­gen ging es weit­er nach Nor­den. Am frühen Nach­mit­tag erre­ichte ich Rovaniemi.

Dort legte ich meinen ersten län­geren Halt ein und besuchte das Arktikum.

Das Ark­tikum in Rovanie­mi: Hin­ter jed­er Tür eine andere Welt

Rovanie­mi liegt unmit­tel­bar am nördlichen Polarkreis und gilt als inof­fizielle Haupt­stadt Finnisch-Lapplands.

Und ja, ange­blich wohnt dort auch der Wei­h­nachts­mann mit seinen Ren­tieren. Ich habe das nicht über­prüft. Diese Frage muss also offen bleiben.

Mich inter­essierte etwas anderes: das Ark­tikum, ein Muse­um und Wis­senschaft­szen­trum, in dem es um Lap­p­land und die ark­tis­chen Regio­nen der Welt geht.

Schon das Gebäude ist sehenswert.

Ein langer gläsern­er Gang zieht sich durch den Bau. Links und rechts davon Türen, viele Türen, hin­ter denen sich kleinere und größere Ausstel­lungsräume verbergen.

Irgend­wann musste ich an den Bea­t­les-Film Yel­low Sub­ma­rine denken.

Eine Tür, noch eine Tür und noch eine. Und hin­ter jed­er öffnete sich eine neue Welt.

Das Arktikum in Rovaniemi: Hinter jeder Tür eine andere Welt

Das Ark­tikum in Rovanie­mi: Hin­ter jed­er Tür eine andere Welt

Ur- und Frühgeschichte. Sámi-Kul­tur. Tiere und Pflanzen der Ark­tis. Geschichte Lapplands.

Und irgend­wo dazwis­chen stand mein erstes Ren­tier: aus­gestopft, ziem­lich groß.

Als Erfül­lung meines Reisewun­sches — ein Ren­tier zu sehen — wollte ich das allerd­ings nicht akzeptieren.

Im Ark­tikum begann ich aber auch erst­mals zu begreifen, was für eine außergewöhn­liche Region ich ger­ade bereiste.

Draußen hat­te es angenehme Som­mertem­per­a­turen von über zwanzig Grad. Gle­ichzeit­ig liegen auf ähn­lichen geografis­chen Bre­it­en in anderen Teilen der Ark­tis – etwa in Grön­land – gewaltige Eisflächen.

Der Grund dafür liegt unter anderem in den unter­schiedlichen kli­ma­tis­chen Bedin­gun­gen: Während der Golf­strom und der Nor­dat­lantik­strom Nordeu­ropa erwär­men, prä­gen in Grön­land der riesige Eiss­child und die eis­be­deck­ten Meere das Klima.

„Ark­tisch“ bedeutet also keineswegs über­all dasselbe.

Men­schen, Tiere und Pflanzen haben unter sehr unter­schiedlichen Bedin­gun­gen Wege gefun­den, dort zu leben und zu gedeihen.

Und dann begeg­nete mir eine Geschichte, von der ich vorher prak­tisch nichts gewusst hatte.

1944 wurde Rovanie­mi im Lap­p­land­krieg weit­ge­hend zer­stört. Rund neun­zig Prozent der dama­li­gen Gebäude wur­den zer­stört. Rund 104.000 Men­schen wur­den aus Nordfinn­land evakuiert, viele von ihnen nach Schweden.

Die Men­schen kehrten zurück. Sie baut­en wieder auf. Und lebten ihr Leben weiter.

Endlich ein Rentier!

Am näch­sten Mor­gen startete ich früh zur let­zten Etappe mein­er Reise, die mich nach Inari führen sollte.

Nördlich von Rovanie­mi stand es plöt­zlich am Straßen­rand. Ein echt­es, leben­des Rentier.

Es hob kurz den Kopf.

Ich erkan­nte es sofort, denn schließlich hat­te ich am Nach­mit­tag zuvor im Muse­um ein aus­gestopftes Exem­plar aus näch­ster Nähe gesehen.

Und bevor ich über­haupt richtig begrif­f­en hat­te, dass mein Reisewun­sch ger­ade in Erfül­lung gegan­gen war, ver­schwand es wieder zwi­schen den Bäumen.

Anhal­ten und fotografieren? Keine Chance.

Ein klein wenig war ich enttäuscht.

Ich hat­te „mein“ Ren­tier gese­hen, für ein paar Sekun­den und keine Erin­nerung in Form eines Fotos daran.

Diese Ent­täuschung hätte ich mir sparen können. 

Denn in den näch­sten Tagen sah ich nicht ein Ren­tier. Ich sah auch nicht zehn. Ich sah ver­mut­lich an die hundert.

Ren­tiere sind in Lap­p­land überall.

Sie spazieren am Straßen­rand ent­lang, über­queren Über­land­straßen und ste­hen mit­ten in Dörfern.

Ich sah Mut­tertiere mit ihren Jun­gen auf der Fahrbahn tra­ben und ganze Her­den links und rechts der Straße grasen.

Zwei Ren­tiere spazierten in Inari quer über die Straße Rich­tung Super­markt und sorgten bei den Touris­ten für Begeisterung.

Zwei Rentiere in Inari

Zwei Ren­tiere mit­ten in Inari

Mein per­sön­lich­er Favorit war jenes gescheck­te Ren­tier, das am Straßen­rand offen­bar beson­ders köstliche Blu­men ent­deckt hatte.

Sein Vorderteil befand sich neben der Straße, sein Hin­terteil mit­ten auf der Fahrbahn.

Das Ren­tier fraß, die Autos brem­sten und fuhren vor­sichtig um seinen Hin­tern herum.

Das Ren­tier küm­merte es nicht, es zupfte genüsslich eine Blume nach der anderen.

Zumin­d­est die Tiere, denen ich begeg­nete, wirk­ten erstaunlich gelassen. 

Die finnis­chen Aut­o­fahrer scheinen auf Begeg­nun­gen mit Ren­tieren und Elchen eingestellt zu sein. Sobald ein Ren­tier in die Nähe der Straße kam, wurde gebremst. Ent­ge­genk­om­mende Fahrzeuge warn­ten sich gegen­seit­ig mit Lichtzeichen.

Ich entsch­ied jedoch nach etlichen Begeg­nun­gen mit Ren­tieren, dass die deutsche Beze­ich­nung unpassend sei.

Ren­nen sah ich keines. Sie spazierten, sie trot­teten, manch­mal tra­bten sie. Eigentlich sollte man sie Spaziertiere nennen.

Später lernte ich, dass es in Finn­land über 180.000 Ren­tiere gibt. Die meis­ten sind keine her­ren­lose Wildtiere. Gehal­tene Ren­tiere haben Eigen­tümer und reg­istri­erte Ohrmarken.

Und noch etwas ist wichtig: Ren­tier­hal­tung ist eng mit der Geschichte und Kul­tur der Sámi ver­bun­den. Aber nicht jedes Ren­tier gehört einem Sámi, und längst nicht alle Sámi leben von Rentierhaltung.

Das stereo­type Bild vom Sámi mit Ren­tier­herde ist unge­fähr so hil­fre­ich wie die Vorstel­lung, jed­er Öster­re­ich­er sei Bergbauer.

Um mehr über die Sámi zu erfahren, musste ich weit­er nach Nor­den, nach Inari.

Inari und das Sii­da – wo die Land­schaft Geschicht­en erzählt

Inari ist ein kleines Dorf. Die weni­gen Gebäude des Zen­trums liegen zwi­schen Wald, Straßen und See verstreut.

Und trotz­dem ist der Ort eines der kul­turellen Zen­tren der Sámi in Finnland.

Für die näch­sten Tage wurde dieser Ort meine Basis.

Gle­ich am ersten Tag besuchte ich das Sii­da, das Sámi-Muse­um und Naturzentrum.

Siida Sámi Museum in Inari

Sii­da Sámi Muse­um in Inari

Mein Muse­ums­be­such begann nach der vier­stündi­gen Anreise im Muse­ums-Restau­rant mit Kaf­fee und aus­geze­ich­netem Blaubeer-Kuchen.

Das passt dur­chaus zu Finn­land: Die Finnen gehören inter­na­tion­al zu den großen Kaf­feetrinkern. Eine Kaf­feep­ause wed­er in Öster­re­ich noch in Finn­land eine Nebensache.

Im Inneren des Muse­ums erfährt man viel über die Geschichte, Kul­tur, Sprachen und Lebensweisen der Sámi.

Beson­ders beein­druckt hat mich jedoch das Freigelände.

Zwi­schen Bäu­men und am Ufer ste­hen Häuser, Zelte, Vor­ratsspe­ich­er und andere his­torische Gebäude. Man sieht Unterkün­fte für Men­schen und für Tiere, Geräte, Jagdfall­en und Kon­struk­tio­nen, die aus einer Zeit stam­men, in der man sehr genau wis­sen musste, wie man Nahrung sich­er durch den Win­ter brachte.

Außenbereich des Siida Museums in Inari

Außen­bere­ich des Sii­da Muse­ums in Inari

Zwi­schen den his­torischen Gebäu­den sah ich plöt­zlich ein riesiges rotes Eichhörnchen.

Es richtete sich auf und blick­te sich aufmerk­sam um. Es sah dabei fast wie ein Murmelti­er aus, dem jemand einen Eich­hörnchen­schweif mon­tiert hatte.

Riesiges Eichhörnchen in Inari

Riesiges Eich­hörnchen in Inari

Später recher­chierte ich, was das wohl für ein Tier gewe­sen sei. Tat­säch­lich war es ein Eich­hörnchen, allerd­ings eine deut­lich größere Vari­ante als die Exem­plare, die ich aus mein­er Heimat kenne. Aufgerichtet kön­nen diese Tiere mehr als 30 Zen­time­ter groß werden.

Auch beim Fell zeigt sich, wie sehr das Leben hier oben vom Wech­sel der Jahreszeit­en geprägt ist: Im Som­mer ist es braun bis rötlich, im Win­ter grau, nur der Bauch bleibt immer weiß.

Damit ist es hier oben nicht allein. Auch Schnee­hase, Schnee­huhn, Polar­fuchs und Her­melin wech­seln mit den Jahreszeit­en ihr Kleid. Eine weit­ere Erin­nerung daran, wie sehr sich in Lap­p­land alles dem Rhyth­mus und den Extremen der Natur anpasst.

Dann ver­schwand das große rote Eich­hörnchen unter einem der kleinen Vorratshäuser.

Solche Spe­ich­er wur­den erhöht gebaut, damit Tiere nicht an die Lebens­mit­tel herankamen.

Wieder eines dieser kleinen Beispiele dafür, worum es beim Leben in dieser Region immer wieder ging: 

Wie nutzt man, was die Umge­bung bietet? Wie passt man sich an ihre Bedin­gun­gen an? Und wie schützt man das, was man zum Leben braucht?

Wer sind die Sámi?

Die Sámi sind das einzige anerkan­nte indi­gene Volk der Europäis­chen Union.

Ihr tra­di­tionelles Sied­lungs­ge­bi­et heißt Sáp­mi und hält sich nicht an heutige Staats­gren­zen. Es erstreckt sich über Teile Nor­we­gens, Schwe­dens, Finn­lands und Russlands.

In Finn­land leben rund 10.000 Sámi.

Schon an diesem Punkt zer­fällt eines der ein­fachen Bilder, die man als Besuch­er leicht mitbringt.

Es gibt nicht die eine samis­che Kultur.

In Finn­land wer­den drei samis­che Sprachen gesprochen: Nord­sá­mi, Inar­isá­mi und Skoltsámi.

Auch Klei­dung, Tra­di­tio­nen und his­torische Lebensweisen unter­schei­den sich regional.

Sámi-Hochzeitstracht (Foto aus dem Arktikum in Rovaniemi)

Sámi-Hochzeit­stra­cht (Foto aus dem Ark­tikum in Rovaniemi)

Und noch etwas wurde mir im Sii­da klar:

Was für mich wie Wild­nis aus­sah, war keineswegs unberührtes Land.

Die Wälder, Seen, Flüsse und Wei­dege­bi­ete sind seit sehr langer Zeit Teil einer Kulturlandschaft.

Die Sámi lebten tra­di­tionell nach einem jahreszeitlichen Rhythmus.

Sie wan­derten nicht ziel­los durch die Gegend.

Fam­i­lien nutzten zu bes­timmten Jahreszeit­en bes­timmte Fis­chgründe, Jagdge­bi­ete, Wei­den und Win­ter­plätze. Die Natur bes­timmte den Rhyth­mus, aber inner­halb dieses Rhyth­mus gab es feste Struk­turen, Rechte und über Gen­er­a­tio­nen weit­ergegebenes Wissen.

Man lebte nicht gegen die Jahreszeit­en. Man bewegte sich mit ihnen.

Je länger ich darüber nach­dachte, desto fremder kam mir unsere Vorstel­lung vor, ein fes­ter Wohnort sei automa­tisch die natür­lich­ste Form men­schlichen Lebens.

Für diese Region war eine andere Lebensweise viel sinnvoller.

Wenn Nahrung im Jahresver­lauf an unter­schiedlichen Orten ver­füg­bar ist – warum sollte man dann das ganze Jahr am sel­ben Ort bleiben?

Sajos Kul­turzen­trum und Sámi-Par­la­ment: Zwi­schen Tra­di­tion und Gegenwart

Am näch­sten Tag spaziere ich vom Hotel aus zum Sajos Kul­turzen­trum. Es liegt nur wenige Schritte vom Sii­da-Muse­um entfernt.

Wer nur his­torische Hüt­ten, Ren­tier­schlit­ten und alte Tra­cht­en betra­chtet, kön­nte leicht den Ein­druck bekom­men, die Sámi seien eine Kul­tur der Vergangenheit.

Im Sii­da hat­te ich bere­its erfahren, dass das nicht stimmt. Im Sajos wurde dieser Ein­druck noch ein­mal ganz konkret.

Im Sajos befind­et sich der Sitz des finnis­chen Sámi-Par­la­ments, Sämit­igge in inarisamisch.

Das Sámi-Par­la­ment ist das repräsen­ta­tive Selb­stver­wal­tung­sor­gan der Sámi in Finn­land. Es ver­tritt ihre Inter­essen in Fra­gen ihrer Sprachen, Kul­tur und ihrer Rechte als indi­genes Volk.

Die Architek­tur des Gebäudes selb­st ist beein­druck­end: viel helles und dun­kles Holz, mit viel Licht dazwis­chen und geschwun­gene organ­isch wirk­ende Formen.

Sajos Kulturzentrum mit Sámi-Parlament: beindruckende Architektur

Sajos Kul­turzen­trum mit Sámi-Par­la­ment: bein­druck­ende Architektur

Ich begeg­nete im son­st men­schen­leeren Gebäude zwei Frauen mit einem kleinen Mäd­chen. Eine der Frauen fragte mich, ob ich mitkom­men mag, um den Sitzungssaal zu sehen. Natür­lich mochte ich.

Sie sper­rte den Saal auf und ich betrat den ovalen hohen Raum, in dem von oben Licht auf die geschwun­gene Holzwand fiel. Der Saal soll an das Innere einer riesi­gen Holztrom­mel erin­nern, erk­lärt mir eine der Frauen auf Englisch.

Das Mäd­chen hüpfte zum Sprecher­pult und hielt uns mit ern­stem Gesicht und großen Gesten eine Rede. Ich ver­stand kein Wort. Wir lauscht­en andächtig und applaudierten, als sie endete. „Das war eine ein­drucksvolle Rede eines zukün­fti­gen Mit­glieds des Par­la­ments“, meine ich anerken­nend. Und eine der Damen flüstert mir zu: „Sie spricht fließend sehr gutes Inari-Sámi, das war tat­säch­lich beeindruckend.“

Auf der linken Seite des Saales befind­en sich Dol­metscherk­abi­nen. Es gibt mehrere samis­che Sprachen, die teil­weise untere­inan­der nicht ver­ständlich sind, daher braucht man Dol­metsch­er im Sámi-Parlament.

Eine let­zte Frage hat­te ich noch, bevor ich mich verabschiedete.

Mich inter­essierte, wie die Sámi sich selb­st nen­nen. Im Deutschen liest man häu­fig die Beze­ich­nung „Samen“.

Die Antwort war ein­deutig: Sámi. Das á ist übri­gens kein helles „a“, son­dern ein etwas gedämpfter Laut.

Ich bedank­te mich für den fre­undlichen Emp­fang und dafür, dass ich einen so lebendi­gen Ein­blick in das Sámi-Par­la­ment bekom­men hatte.

Hier ein mod­ern­er Sitzungssaal mit Mikro­fo­nen, Tech­nik und Dol­metsch­ern. Und ein paar hun­dert Meter weit­er his­torische Vor­rat­shäuser im Wald.

Bei­des gehört zur Geschichte der Sámi. Bei­des gehört zu ihrer Gegenwart.

Ukon­saari — die heilige Insel der Sámi im Inari-See

Für den Nach­mit­tag hat­te ich eine Boots­fahrt auf dem Inari-See gebucht. Das Wet­ter war her­rlich und ich freute mich darauf, diesen riesi­gen See zumin­d­est teil­weise vom Wass­er aus zu erleben. Die Fahrt würde zweiein­halb Stun­den dauern.

Wir trafen uns vor ein Uhr Nach­mit­tags im Bere­ich hin­ter dem Sii­da-Muse­um bei dem Kata­ma­ran der örtlichen Lake Inari Cruise.

Rundfahrt auf dem Inari-See: der Katamaran der Lake Inari Cruise

Rund­fahrt auf dem Inari-See: der Kata­ma­ran der Lake Inari Cruise

Trotz des war­men Wet­ters um diese Jahreszeit sieht man jedoch nie­man­den am Ufer schwim­men: auch im Som­mer bleibt der See zu kalt für ein angenehmes Bad. 

Auf einer Karte kon­nte man die Reis­eroute mit den ver­schiede­nen bemerkenswerten Sta­tio­nen samt Erläuterun­gen ver­fol­gen. Über Laut­sprech­er wur­den die wichtig­sten Orte auf Finnisch und Englisch erklärt.

Vom Kata­ma­ran aus sieht man Inseln, frühere Sied­lungsplätze und jene Orte, an denen Men­schen über Jahrhun­derte lebten, fis­cht­en und reis­ten. Und man sieht Inseln, auf denen sie ihre Toten bestatteten.

Und dann näherten wir uns Ukon­saari, einer heili­gen Insel der Inari-Sámi.

Vom Boot aus sah die Insel nicht spek­takulär aus. Ein aufra­gen­der bewalde­ter Felsen inmit­ten des Sees. Wie viele andere im Inari-See.

Ukonsaari - die heilige Insel der Sami im Inari-See

Ukon­saari — die heilige Insel der Sami im Inari-See

Ukon­saari gilt jedoch als einer der bekan­ntesten his­torischen heili­gen Orte der Sámi in Finnland.

Archäol­o­gis­che Funde zeigen, dass dort über lange Zeit Opfer­gaben niedergelegt wur­den. Gefun­den wur­den unter anderem Tier­knochen, Gewei­he, Münzen und ein mit­te­lal­ter­lich­es Schmuckfragment.

Heute wird Außen­ste­hen­den aus­drück­lich emp­fohlen, nicht auf der Insel zu lan­den und sie stattdessen vom Wass­er aus zu betrachten.

Manch­mal beste­ht Respekt darin, Abstand zu halten.

Um Mit­ter­nacht ste­ht die Sonne im Norden

Wir sind gewohnt, das bes­timmte Dinge zuver­läs­sig passieren. Unser All­t­ag ist darauf aufgebaut.

Mor­gens wird es hell, weil die Sonne aufge­ht. Abends dunkel, weil die Sonne untergeht.

Aber in Lap­p­land ist das in manchen Monat­en anders. Inari liegt so weit nördlich, dass die Sonne im Som­mer unge­fähr zwei Monate lang nicht untergeht. 

Die nüchterne wis­senschaftliche Erk­lärung: Durch die Nei­gung der Erdachse bleibt die Sonne in den hohen nördlichen Bre­it­en im Som­mer auch um Mit­ter­nacht über dem Horizont.

In diesem Jahr dauerte die Zeit der Mit­ter­nachtssonne in Inari unge­fähr vom 22. Mai bis zum 22. Juli.

Natür­lich wusste ich das, ich hat­te davon gele­sen. Aber Wis­sen und Erleben sind zwei ver­schiedene Dinge.

Also beschloss ich eines Abends, die Sache zu über­prüfen. Was macht die Sonne um Mit­ter­nacht nun genau?

Ich blieb länger wach und ging gegen Mit­ter­nacht zum Inari-See.

Tat­säch­lich. Die Sonne stand im Nor­den eine Hand­bre­it über dem See und hüllte den See, den Wald und die Häuser von Inari in tief-gold­enes Licht.

Ich machte Fotos, jedoch kon­nte die Kam­era dieses Licht und die Größe der Sonne nicht annäh­ernd einfangen.

Mitternachtsonne in Inari, Lappland

Mit­ter­nacht­sonne in Inari, Lappland

Eine ganze Weile stand ich ein­fach nur da und beobachtete die Sonne. Sie ging nicht unter, bewegte sich ein­fach weiter. 

Wie ist das wohl, wenn es Tag und Nacht nur dunkel ist, fast zwei Monate lang?

Wenn ich an diesen Abend zurück­denke, sehe ich noch immer dieses gold­ene Licht vor mir, das die Land­schaft einhüllt.

Und gle­ichzeit­ig bringt dieses Licht den eige­nen Rhyth­mus durcheinander.

Der Kör­p­er sagt irgend­wann: Es müsste längst Nacht sein.

In Lap­p­land gibt es deshalb lich­tun­durch­läs­sige Vorhänge, die man schließt, wenn man schlafen möchte. Das Zim­mer wird dunkel, aber der Kör­p­er merkt trotz­dem, dass etwas nicht stimmt.

Jeden­falls habe ich während dieser hellen Nächte wenig geschlafen, trotz der Verdunklungsvorhänge.

Der eigentliche Vorteil der Mit­ter­nachtssonne wurde mir am näch­sten Tag bewusst:

Es ist erstaunlich befreiend, abends keine Eile zu haben. Nicht daran denken zu müssen, wann es dunkel wird.

Die Kirche in der Wildnis

Nach dem Früh­stück hat­te ich an der Hotel­rezep­tion zufäl­lig ein Gespräch mitgehört.

Jemand erk­lärte Gästen den Weg zu einer „Wilder­ness Church“. Fünf Kilo­me­ter seien es dorthin.

Als ich am Nach­mit­tag gegen vier Uhr von meinem Aus­flug in die Natur zurück­kam, dachte ich: Fünf Kilo­me­ter? Das geht sich lock­er vor dem Aben­dessen aus.

Was ich nicht bedacht hat­te: Diese fünf Kilo­me­ter waren nur der Hinweg.

Der offizielle Wan­der­weg vom Straßen-Aus­gangspunkt ist 4,4 Kilo­me­ter lang.

Und „Wan­der­weg“ klingt gemütlich­er, als er tat­säch­lich war.

Ich klet­terte über Wurzeln, wich großen Steinen aus und suchte meinen Weg durch ein Gelände, das den Namen Wan­der­weg sehr großzügig interpretierte.

Der Weg zur Wilderness Church bei Inari führt über Stock und Stein

Der Weg zur Wilder­ness Church bei Inari führt über Stock und Stein

Begleit­et wurde ich von einer großen Zahl sehr motiviert­er Mücken.

Offen­bar hat­te sich in der lokalen Mück­en­pop­u­la­tion herumge­sprochen, dass eine Touristin ohne aus­re­ichen­den Schutz unter­wegs war. Ich wurde zum leben­den Buffet.

Abge­se­hen davon war die Land­schaft faszinierend.

Runde und eck­ige Fels­brock­en lagen in der Land­schaft, als wären die Bauteile eines stein­er­nen Tem­pels von Riesen ver­streut worden. 

Seen und Sümpfe über­querte ich über hölz­erne Brück­en und Stege. Schautafeln erk­lärten die acht Jahreszeit­en der Sámi und welche Pflanzen und Tiere jew­eils eine Rolle spielen.

Etwa auf hal­ber Strecke war mir klar: Das mit den fünf Kilo­me­tern war nur die halbe Wahrheit.

Aber aufgeben kam nicht infrage.

Ich wollte diese Holzkirche aus dem 18. Jahrhun­dert sehen.

Und immer­hin hat­te ich einen Vorteil: Ich musste keine Angst haben, in die Dunkel­heit zu ger­at­en. Es würde heute nicht dunkel werden.

Irgend­wann erre­ichte ich die Kirche.

Und plöt­zlich war alles ruhig.

Sog­ar die Mück­en ließen mich in Ruhe.

Die Piel­pa­järvi Wilder­ness Church ste­ht mit­ten im Wald, umgeben von einem hohen Holz­za­un. Das heutige Gebäude wurde zwi­schen 1752 und 1760 errichtet.

Wilderness Church in Inari

Wilder­ness Church in Inari,  errichtet zwi­schen zwi­schen 1752 und 1760

Von außen wirkt die Kirche mit ihrem roten Holz und der schlicht­en Bauweise fast wie ein Teil der Land­schaft. Im Inneren verän­dert sich der Ein­druck. Das Holz ist naturbe­lassen, nur wenige far­bliche Akzente set­zen sich ab, wie die blau und rot gefasste hölz­erne Kanzel.

Der Ort selb­st ist älter. Piel­pa­järvi war ein Win­ter­dorf der Inari-Sámi.

In den wärmeren Monat­en lebten und arbeit­eten die Fam­i­lien an anderen Orten, an ihren Fisch- und Jagdgrün­den. Im Win­ter kamen sie hier zusam­men. Dann wurde dieser abgele­gene Ort zum gesellschaftlichen Zentrum.

Es fan­den Gottes­di­en­ste statt, Märk­te wur­den abge­hal­ten, Kinder unter­richtet, Steuern einge­hoben und teil­weise Gericht gehalten.

Im Sii­da hat­te ich gel­ernt, dass die Men­schen hier nicht ein­fach das ganze Jahr an einem einzi­gen Ort lebten. Ihr Leben bewegte sich mit den Jahreszeiten.

Und hier stand ich vor einer Kirche, die heute ein­sam im Wald liegt, die aber ein­mal Teil eines lebendi­gen saisonalen Zen­trums gewe­sen war.

Der Rück­weg wartete.

Gegen neun Uhr abends war ich wieder im Hotel, zu müde und zu spät für ein Abendessen.

Der Muskelkater und die juck­enden Mück­en­stiche blieben mir drei Tage.

Trotz­dem würde ich die Wan­derung wieder machen. Nur dies­mal mit Mückenspray.

Die Husky-Farm: Ein Schild am Straßen­rand und Geschicht­en aus Lappland

Auf der Rück­fahrt Rich­tung Süden sah ich ein Schild: Ilon­ka Farm & Cafe. Ich hat­te Zeit und der Früh­stück­skaf­fee war schon eine Weile her. Also bog ich spon­tan ab.

Das Café war ein hölz­ern­er Rund­bau, mit steilen Dach, das an ein Zelt erin­nert. Als ich es betrat, kam ger­ade die Mut­ter der Fam­i­lie mit einem frisch geback­e­nen, noch dampfend­en und ver­führerisch duf­ten­den Rhabar­berkuchen und einem Spinat-Feta-Kuchen herein.

Kaf­fee und frisch­er Kuchen, die per­fek­te Pause auf einer Reise. Aus der kurzen geplanten kurzen Pause wurde ein län­ger­er Zwischenstopp.

Ilonka Farm und Cafe

Ilon­ka Farm und Cafe

Die Fam­i­lie hat­te die Farm vor eini­gen Jahren über­nom­men. Dort wur­den schon seit Jahrzehn­ten Schlit­ten­hunde gehal­ten. Heute leben neben den Hun­den auch Schafe, Ziegen, Hüh­n­er und ein Schäfer­hund auf dem Gelände.

Über einen angelegten Weg kann man durch die Farm spazieren. Alle Tiere haben Namen und man kann ihnen auf einem Rundweg begegnen.

Am Weg gibt es Sta­tio­nen über Elfen, Trolle, Riesen und andere Fabel­we­sen des Nordens.

Ich sah dort auch meine ersten Cloud­ber­ries und pro­bierte eine. Sie sieht aus wie eine Him­beere, nur in orange, sie schmeckt süß-herb und wächst dicht am Boden.

eine Cloudberry in Lappland, zu deutsch: Moltebeere

eine Cloud­ber­ry in Lap­p­land, zu deutsch: Moltebeere

Noch hat­te die Beeren­sai­son nicht begonnen. Aber ich hat­te bere­its in den ver­gan­genen Tagen gese­hen, wie dicht die Wald­bö­den mit Beerenpflanzen bedeckt waren.

Wenn die Beeren reif sind, muss ganz Lap­p­land wie ein riesiges Selb­st­be­di­enungs­buf­fet aussehen.

Eine der Frauen auf der Farm erzählte mir allerd­ings, dass die Cloud­ber­ry-Ernte in diesem Jahr möglicher­weise schlecht aus­fall­en würde. Der Frost war zurück­gekehrt, als die Pflanzen bere­its blühten.

Auch das war wieder Lap­p­land. Kurz­er Som­mer, schnelles Wach­s­tum. Und immer die Möglichkeit, dass die Kälte noch ein­mal zurückkommt.

Zurück im Café sah ich gesponnene Wolle. Lily erzählte mir, dass sie diese selb­st gespon­nen habe — aus der Wolle ihres Lappland-Schafs.

Ich kaufe auf Reisen sel­ten Sou­venirs. Aber fünf Knäuel dieser Wolle musste ich mit­nehmen. Daraus möchte ich mir eine ärmel­lose warme Weste strick­en. Irgend­wann werde ich sie im Win­ter tra­gen und wis­sen: Das Schaf habe ich gese­hen, ich habe es gestreichelt.

Und Lily ist diese beschei­dene junge Frau, die das Schaf aufge­zo­gen und die Wolle gespon­nen hat. Die sich mit ihrer Fam­i­lie einen Traum erfüllt hat: eine eigene Farm mit Tieren, mit­ten in Lappland.

„Ist es nicht furcht­bar, wenn die Sonne nicht aufgeht?“

Auf der Farm kam ich schließlich auf das The­ma zu sprechen, das mich seit mein­er Mit­ter­nacht am Inari-See beschäftigte.

Ich fragte: “Wie ist das eigentlich im Win­ter? Wie hält man es aus, wenn die Sonne wochen­lang über­haupt nicht aufgeht?”

Die Antwort über­raschte mich. So schlimm sei es gar nicht, erk­lärte mir die Mutter.

Sie stammte ursprünglich aus dem Süden Finn­lands und hat­te diese lange Polar­nacht selb­st erst ken­nen­ler­nen müssen.

Aber es werde nicht ein­fach nur schwarz. Der Schnee reflek­tiere das vorhan­dene Licht. Bei Mond­schein könne die Land­schaft erstaunlich hell sein. Man kann dann im Wald unter­wegs sein uns alles sehen.

Wenn die Sonne nicht weit unter dem Hor­i­zont ste­he, glitzert der Schnee manch­mal rosa und der Him­mel schim­mert orange.

Und dann seien da natür­lich die Nordlichter.

In Inari dauert die Polar­nacht unge­fähr sechs Wochen. Aber Polar­nacht bedeutet nicht, dass es rund um die Uhr stock­fin­ster ist. Der Schnee reflek­tiert das vorhan­dene Licht, und rund um die Mit­tagszeit gibt es mehrere Stun­den Dämmerlicht.

Und Mondlicht kann eine ver­schneite Land­schaft erstaunlich hell erscheinen lassen. Dunkel also, aber doch nicht ganz.

Plöt­zlich hörte sich die Polar­nacht nicht mehr nach Fin­ster­n­is an, son­dern nach einer anderen Art von Licht.

Dann fragte ich nach der Kälte.

Im Jan­u­ar seien minus zwanzig Grad völ­lig nor­mal, erzählte man mir. Aber die trock­ene Kälte füh­le sich anders an als feuchte Kälte im windi­gen Süden Finnlands.

Und wie kalt war es im ver­gan­genen Win­ter geworden?

Minus achtund­vierzig Grad an einem Tag Anfang des Jahres.

Ich gebe zu: Meine neu erwachte Begeis­terung für den lap­pländis­chen Win­ter bekam in diesem Moment einen kleinen Dämpfer.

Minus 48 Grad Cel­sius. Das ist eine Tem­per­atur, bei der ich per­sön­lich sehr bere­it bin, the­o­retisch über Anpas­sungs­fähigkeit nachzu­denken — am lieb­sten von drin­nen an einem knis­tern­den Kamin mit bren­nen­den Holzscheit­en. Mit Kaf­fee und dampfen­d­em Kuchen.

Aber gle­ichzeit­ig begann ich etwas zu verstehen.

Für mich waren minus 48 Grad ein Extrem. Für Men­schen, die dort leben, war es ein beson­ders kalter Win­tertag. Nicht angenehm und nicht belan­g­los, aber Teil einer Welt, auf die man vor­bere­it­et ist.

Bir­get — die Kun­st, zurecht zu kommen

Mir fiel ein Begriff ein, dem ich im Sii­da begeg­net war, ein nord­samis­ches Wort: bir­get.

Auf einer Schautafel wurde es mit „Über­leben“ beschrieben, aber nicht im Sinne eines verzweifel­ten Kampfes gegen widrige Umstände. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit, nach Schwierigkeit­en wieder auf die Beine zu kom­men, sich auf ungün­stige Verän­derun­gen einzustellen und dabei auf Wis­sen zurück­zu­greifen, das über Gen­er­a­tio­nen weit­ergegeben wurde.

Dazu gehören auch Kreativ­ität und Ein­fall­sre­ich­tum: vorhan­dene Möglichkeit­en nutzen, Lösun­gen find­en, mit Verän­derun­gen umgehen.

Wer in dieser Natur beste­hen will, darf nicht ungeduldig sein, so stand es auf der Schautafel im Sii­da. Manch­mal ist es klüger, ruhig zu bleiben und erst ein­mal zu beobacht­en, was eine Verän­derung tat­säch­lich bewirkt.

Und dann erin­nerte ich mich daran, was ich in den ver­gan­genen Tagen gese­hen hatte:

An Vor­rat­shäuser, die Lebens­mit­tel vor Tieren schützten.

An Men­schen, die im Jahres­lauf zwi­schen unter­schiedlichen Leben­sräu­men wech­sel­ten, weil Nahrung und Wei­den nicht über­all und jed­erzeit ver­füg­bar waren.

An Ren­tiere und das Wis­sen, das Men­schen über Gen­er­a­tio­nen mit ihnen entwick­elt hatten.

An Eich­hörnchen und Schnee­hasen, die sich auch äußer­lich an die Umge­bung anpassen.

An Seen und Flüsse, die im Som­mer Wasser­wege und im Win­ter gefrorene Verkehr­swege waren.

An eine Kirche, die heute mit­ten im Wald ste­ht, aber ein­mal Mit­telpunkt eines lebendi­gen Zen­trums war.

An eine Sonne, die im Juli um Mit­ter­nacht im Nor­den ste­ht. Und an einen Win­ter, in dem sie wochen­lang nicht über den Hor­i­zont kommt.

Ich war nach Lap­p­land gefahren, weil ich Wälder sehen, mehr über die Sámi erfahren, die Mit­ter­nachtssonne erleben und wenig­stens ein Ren­tier ent­deck­en wollte.

Die Wälder waren tat­säch­lich endlos.

Über die Sámi wusste ich nach mein­er Reise mehr und gle­ichzeit­ig genug, um zu ver­ste­hen, wie vieles ich nicht wusste.

Die Sonne ging tat­säch­lich nicht unter.

Und was die Ren­tiere bet­rifft: Eines hätte genügt, ich bekam unge­fähr hundert.

Rentiere: Muttertiere mit ihren Jungen

Ren­tiere: Mut­tertiere mit ihren Jun­gen auf der Straße

Aber ich kam mit noch etwas anderem zurück.

Mit der Erken­nt­nis, dass eine auf den ersten Blick lebens­feindlich wirk­ende Natur so viel Schön­heit und ein gutes Leben bieten kann.

Voraus­ge­set­zt, man passt sich an, sam­melt Wis­sen, lernt und find­et Wege, mit den Bedin­gun­gen zu leben und kreative Lösun­gen zu finden

Und dann fiel mir wieder die Ein­ladung von Lily, der jun­gen Frau auf der Farm, ein:
„Komm doch im Win­ter zurück. Dann fährst du mit unseren braven Schlit­ten­hun­den hin­aus und siehst die Nordlichter. Dann ver­stehst du, warum wir nur hier leben wollen, wo es so schön ist.“

Minus 48 Grad hin oder her. Ich möchte zurück – im Win­ter, wenn die Sonne nicht aufge­ht und der Schnee rosa glitzert

Ange­li­ka Froech

Anhang: Aut­o­fahren in Finnland

Verkehrsregeln & Tempolimits

  • Rechtsverkehr
  • Innerorts gilt grund­sät­zlich 50 km/h – in kleineren Ortschaften Lap­p­lands wird das Tem­po aber oft stufen­weise herun­terge­set­zt (z. B. von 100 auf 80, 60, manch­mal bis 40 km/h). Die Beschilderung ist aber immer gut sichtbar.
  • Über­land (Land­straßen) sind 80 km/h die Regel, auf manchen Streck­en auch 100 km/h.
  • Auf Schnell­straßen und Auto­bah­nen gilt 100 bis 120 km/h.
  • Bis Rovanie­mi ist das Netz an Radark­am­eras sehr dicht – meist wenige Meter, nach­dem das Tem­polim­it von 100 auf 80 km/h oder weniger sinkt.

Tiere auf der Straße

In Lap­p­land musst du immer damit rech­nen, dass Ren­tiere oder Elche die Straße queren – entsprechend aufmerk­sam fahren!

Fahrzeit & Verkehrsaufkommen

Lap­p­land ist dünn besiedelt, entsprechend wenig Verkehr ist unter­wegs.
Für die Strecke Helsinki–Inari (ca. 1.200 km) soll­test du mit 14 bis 15 Stun­den rein­er Fahrzeit rech­nen – am besten verteilt auf zwei bis drei Tage.

Weit­er­führende Links:

Bildquellen

  • alle Bilder: Ange­li­ka Froech

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