Ich wollte ein einziges Rentier sehen. Ich bekam hundert – und noch viel mehr, das ich nicht erwartet hatte: eine Kirche mitten in der Wildnis, eine Insel, die man nicht betreten darf, und eine Sonne, die um Mitternacht einfach nicht untergeht.
Was wusste ich eigentlich über Lappland, bevor ich dorthin fuhr? Nicht besonders viel, wie ich später feststellen sollte.
Ich hatte Bilder im Kopf von endlosen Wäldern, langen, eisigen Wintern und geheimnisvollen Nordlichtern. Ich wusste, dass im Norden die Sámi leben und dass Rentiere zu Lappland gehören wie Palmen zu einer Südseeinsel.
Meine Reisezeit war allerdings Mitte Juli. Nordlichter würde ich also keine sehen. Dafür erwarteten mich helle Nächte und, wenn alles stimmte, die Mitternachtssonne.
Und ich hatte noch einen ganz persönlichen Wunsch: Ich wollte wenigstens ein einziges Rentier sehen.
Mein Ziel war Inari, eine kleine Ortschaft weit im Norden Finnlands am Inari-See. Von Helsinki lagen rund 1.200 Kilometer vor mir. Man hatte mir geraten zu fliegen. Schließlich würde ich sonst einen beträchtlichen Teil meiner einwöchigen Reise im Auto verbringen.
Aber ich wollte nicht so einfach über Finnland hinwegfliegen. Ich wollte selbst sehen und erleben, wie sich das Land verändert, je weiter man nach Norden kommt.
Also stieg ich an einem Donnerstagmittag in Helsinki in meinen Mietwagen und fuhr los.
Der Weg nach Lappland: 1.200 Kilometer Wald
Schon bald hinter Helsinki veränderte sich die Landschaft.
Und dann blieb sie erst einmal ziemlich lange gleich.
Bäume. Wald. Noch mehr Wald.
Nadelbäume und Birken, dazwischen immer wieder Seen, die zwischen den Stämmen aufblitzten und ebenso schnell wieder verschwanden. Kleine Flüsse, größere Flüsse. Manchmal war ich mir gar nicht sicher, ob die Brücke gerade einen Fluss oder den schmalen Arm eines Sees überquerte.
Hin und wieder kam eine Ortschaft. Oft waren es nur wenige Häuser, viele davon die typisch rot gestrichenen Holzhäuser mit weißen Fensterrahmen.

Fahrt nach Lappland: Lichtung mit den typischen roten Holzhäusern mit weißen Fensterrahmen
Und manchmal sah ich überhaupt keine Häuser. Nur eine schmale Straße oder einen Weg, der zwischen den Bäumen verschwand. Am Beginn standen mehrere Postkästen nebeneinander.
Irgendwo tief im Wald mussten also Häuser liegen. Die Briefträger hatten es immerhin praktisch: Sie mussten nicht jeden einzelnen dieser Wege hineinfahren, sondern konnten die Briefe gleich an der Hauptstraße loswerden.

Postkästen an der Strasse in Lappland: praktisch für Briefträger
Mehr als tausend Kilometer führte meine Reise durch eine Landschaft, die wenig spektakulär und gerade dadurch eindrucksvoll war.
Keine dramatischen Bergketten. Keine tief eingeschnittenen Täler. Keine Landschaft, die alle paar Kilometer eine neue Postkartenkulisse präsentierte.
Wald, Seen, Weite, Stille und dieser harzige, erdige Geruch begleiteten mich.
Am ersten Abend übernachtete ich nach etwa fünf Stunden Fahrt in Kuopio. Am nächsten Morgen ging es weiter nach Norden. Am frühen Nachmittag erreichte ich Rovaniemi.
Dort legte ich meinen ersten längeren Halt ein und besuchte das Arktikum.
Das Arktikum in Rovaniemi: Hinter jeder Tür eine andere Welt
Rovaniemi liegt unmittelbar am nördlichen Polarkreis und gilt als inoffizielle Hauptstadt Finnisch-Lapplands.
Und ja, angeblich wohnt dort auch der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren. Ich habe das nicht überprüft. Diese Frage muss also offen bleiben.
Mich interessierte etwas anderes: das Arktikum, ein Museum und Wissenschaftszentrum, in dem es um Lappland und die arktischen Regionen der Welt geht.
Schon das Gebäude ist sehenswert.
Ein langer gläserner Gang zieht sich durch den Bau. Links und rechts davon Türen, viele Türen, hinter denen sich kleinere und größere Ausstellungsräume verbergen.
Irgendwann musste ich an den Beatles-Film Yellow Submarine denken.
Eine Tür, noch eine Tür und noch eine. Und hinter jeder öffnete sich eine neue Welt.

Das Arktikum in Rovaniemi: Hinter jeder Tür eine andere Welt
Ur- und Frühgeschichte. Sámi-Kultur. Tiere und Pflanzen der Arktis. Geschichte Lapplands.
Und irgendwo dazwischen stand mein erstes Rentier: ausgestopft, ziemlich groß.
Als Erfüllung meines Reisewunsches — ein Rentier zu sehen — wollte ich das allerdings nicht akzeptieren.
Im Arktikum begann ich aber auch erstmals zu begreifen, was für eine außergewöhnliche Region ich gerade bereiste.
Draußen hatte es angenehme Sommertemperaturen von über zwanzig Grad. Gleichzeitig liegen auf ähnlichen geografischen Breiten in anderen Teilen der Arktis – etwa in Grönland – gewaltige Eisflächen.
Der Grund dafür liegt unter anderem in den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen: Während der Golfstrom und der Nordatlantikstrom Nordeuropa erwärmen, prägen in Grönland der riesige Eisschild und die eisbedeckten Meere das Klima.
„Arktisch“ bedeutet also keineswegs überall dasselbe.
Menschen, Tiere und Pflanzen haben unter sehr unterschiedlichen Bedingungen Wege gefunden, dort zu leben und zu gedeihen.
Und dann begegnete mir eine Geschichte, von der ich vorher praktisch nichts gewusst hatte.
1944 wurde Rovaniemi im Lapplandkrieg weitgehend zerstört. Rund neunzig Prozent der damaligen Gebäude wurden zerstört. Rund 104.000 Menschen wurden aus Nordfinnland evakuiert, viele von ihnen nach Schweden.
Die Menschen kehrten zurück. Sie bauten wieder auf. Und lebten ihr Leben weiter.
Endlich ein Rentier!
Am nächsten Morgen startete ich früh zur letzten Etappe meiner Reise, die mich nach Inari führen sollte.
Nördlich von Rovaniemi stand es plötzlich am Straßenrand. Ein echtes, lebendes Rentier.
Es hob kurz den Kopf.
Ich erkannte es sofort, denn schließlich hatte ich am Nachmittag zuvor im Museum ein ausgestopftes Exemplar aus nächster Nähe gesehen.
Und bevor ich überhaupt richtig begriffen hatte, dass mein Reisewunsch gerade in Erfüllung gegangen war, verschwand es wieder zwischen den Bäumen.
Anhalten und fotografieren? Keine Chance.
Ein klein wenig war ich enttäuscht.
Ich hatte „mein“ Rentier gesehen, für ein paar Sekunden und keine Erinnerung in Form eines Fotos daran.
Diese Enttäuschung hätte ich mir sparen können.
Denn in den nächsten Tagen sah ich nicht ein Rentier. Ich sah auch nicht zehn. Ich sah vermutlich an die hundert.
Rentiere sind in Lappland überall.
Sie spazieren am Straßenrand entlang, überqueren Überlandstraßen und stehen mitten in Dörfern.
Ich sah Muttertiere mit ihren Jungen auf der Fahrbahn traben und ganze Herden links und rechts der Straße grasen.
Zwei Rentiere spazierten in Inari quer über die Straße Richtung Supermarkt und sorgten bei den Touristen für Begeisterung.

Zwei Rentiere mitten in Inari
Mein persönlicher Favorit war jenes gescheckte Rentier, das am Straßenrand offenbar besonders köstliche Blumen entdeckt hatte.
Sein Vorderteil befand sich neben der Straße, sein Hinterteil mitten auf der Fahrbahn.
Das Rentier fraß, die Autos bremsten und fuhren vorsichtig um seinen Hintern herum.
Das Rentier kümmerte es nicht, es zupfte genüsslich eine Blume nach der anderen.
Zumindest die Tiere, denen ich begegnete, wirkten erstaunlich gelassen.
Die finnischen Autofahrer scheinen auf Begegnungen mit Rentieren und Elchen eingestellt zu sein. Sobald ein Rentier in die Nähe der Straße kam, wurde gebremst. Entgegenkommende Fahrzeuge warnten sich gegenseitig mit Lichtzeichen.
Ich entschied jedoch nach etlichen Begegnungen mit Rentieren, dass die deutsche Bezeichnung unpassend sei.
Rennen sah ich keines. Sie spazierten, sie trotteten, manchmal trabten sie. Eigentlich sollte man sie Spaziertiere nennen.
Später lernte ich, dass es in Finnland über 180.000 Rentiere gibt. Die meisten sind keine herrenlose Wildtiere. Gehaltene Rentiere haben Eigentümer und registrierte Ohrmarken.
Und noch etwas ist wichtig: Rentierhaltung ist eng mit der Geschichte und Kultur der Sámi verbunden. Aber nicht jedes Rentier gehört einem Sámi, und längst nicht alle Sámi leben von Rentierhaltung.
Das stereotype Bild vom Sámi mit Rentierherde ist ungefähr so hilfreich wie die Vorstellung, jeder Österreicher sei Bergbauer.
Um mehr über die Sámi zu erfahren, musste ich weiter nach Norden, nach Inari.
Inari und das Siida – wo die Landschaft Geschichten erzählt
Inari ist ein kleines Dorf. Die wenigen Gebäude des Zentrums liegen zwischen Wald, Straßen und See verstreut.
Und trotzdem ist der Ort eines der kulturellen Zentren der Sámi in Finnland.
Für die nächsten Tage wurde dieser Ort meine Basis.
Gleich am ersten Tag besuchte ich das Siida, das Sámi-Museum und Naturzentrum.

Siida Sámi Museum in Inari
Mein Museumsbesuch begann nach der vierstündigen Anreise im Museums-Restaurant mit Kaffee und ausgezeichnetem Blaubeer-Kuchen.
Das passt durchaus zu Finnland: Die Finnen gehören international zu den großen Kaffeetrinkern. Eine Kaffeepause weder in Österreich noch in Finnland eine Nebensache.
Im Inneren des Museums erfährt man viel über die Geschichte, Kultur, Sprachen und Lebensweisen der Sámi.
Besonders beeindruckt hat mich jedoch das Freigelände.
Zwischen Bäumen und am Ufer stehen Häuser, Zelte, Vorratsspeicher und andere historische Gebäude. Man sieht Unterkünfte für Menschen und für Tiere, Geräte, Jagdfallen und Konstruktionen, die aus einer Zeit stammen, in der man sehr genau wissen musste, wie man Nahrung sicher durch den Winter brachte.

Außenbereich des Siida Museums in Inari
Zwischen den historischen Gebäuden sah ich plötzlich ein riesiges rotes Eichhörnchen.
Es richtete sich auf und blickte sich aufmerksam um. Es sah dabei fast wie ein Murmeltier aus, dem jemand einen Eichhörnchenschweif montiert hatte.

Riesiges Eichhörnchen in Inari
Später recherchierte ich, was das wohl für ein Tier gewesen sei. Tatsächlich war es ein Eichhörnchen, allerdings eine deutlich größere Variante als die Exemplare, die ich aus meiner Heimat kenne. Aufgerichtet können diese Tiere mehr als 30 Zentimeter groß werden.
Auch beim Fell zeigt sich, wie sehr das Leben hier oben vom Wechsel der Jahreszeiten geprägt ist: Im Sommer ist es braun bis rötlich, im Winter grau, nur der Bauch bleibt immer weiß.
Damit ist es hier oben nicht allein. Auch Schneehase, Schneehuhn, Polarfuchs und Hermelin wechseln mit den Jahreszeiten ihr Kleid. Eine weitere Erinnerung daran, wie sehr sich in Lappland alles dem Rhythmus und den Extremen der Natur anpasst.
Dann verschwand das große rote Eichhörnchen unter einem der kleinen Vorratshäuser.
Solche Speicher wurden erhöht gebaut, damit Tiere nicht an die Lebensmittel herankamen.
Wieder eines dieser kleinen Beispiele dafür, worum es beim Leben in dieser Region immer wieder ging:
Wie nutzt man, was die Umgebung bietet? Wie passt man sich an ihre Bedingungen an? Und wie schützt man das, was man zum Leben braucht?
Wer sind die Sámi?
Die Sámi sind das einzige anerkannte indigene Volk der Europäischen Union.
Ihr traditionelles Siedlungsgebiet heißt Sápmi und hält sich nicht an heutige Staatsgrenzen. Es erstreckt sich über Teile Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands.
In Finnland leben rund 10.000 Sámi.
Schon an diesem Punkt zerfällt eines der einfachen Bilder, die man als Besucher leicht mitbringt.
Es gibt nicht die eine samische Kultur.
In Finnland werden drei samische Sprachen gesprochen: Nordsámi, Inarisámi und Skoltsámi.
Auch Kleidung, Traditionen und historische Lebensweisen unterscheiden sich regional.

Sámi-Hochzeitstracht (Foto aus dem Arktikum in Rovaniemi)
Und noch etwas wurde mir im Siida klar:
Was für mich wie Wildnis aussah, war keineswegs unberührtes Land.
Die Wälder, Seen, Flüsse und Weidegebiete sind seit sehr langer Zeit Teil einer Kulturlandschaft.
Die Sámi lebten traditionell nach einem jahreszeitlichen Rhythmus.
Sie wanderten nicht ziellos durch die Gegend.
Familien nutzten zu bestimmten Jahreszeiten bestimmte Fischgründe, Jagdgebiete, Weiden und Winterplätze. Die Natur bestimmte den Rhythmus, aber innerhalb dieses Rhythmus gab es feste Strukturen, Rechte und über Generationen weitergegebenes Wissen.
Man lebte nicht gegen die Jahreszeiten. Man bewegte sich mit ihnen.
Je länger ich darüber nachdachte, desto fremder kam mir unsere Vorstellung vor, ein fester Wohnort sei automatisch die natürlichste Form menschlichen Lebens.
Für diese Region war eine andere Lebensweise viel sinnvoller.
Wenn Nahrung im Jahresverlauf an unterschiedlichen Orten verfügbar ist – warum sollte man dann das ganze Jahr am selben Ort bleiben?
Sajos Kulturzentrum und Sámi-Parlament: Zwischen Tradition und Gegenwart
Am nächsten Tag spaziere ich vom Hotel aus zum Sajos Kulturzentrum. Es liegt nur wenige Schritte vom Siida-Museum entfernt.
Wer nur historische Hütten, Rentierschlitten und alte Trachten betrachtet, könnte leicht den Eindruck bekommen, die Sámi seien eine Kultur der Vergangenheit.
Im Siida hatte ich bereits erfahren, dass das nicht stimmt. Im Sajos wurde dieser Eindruck noch einmal ganz konkret.
Im Sajos befindet sich der Sitz des finnischen Sámi-Parlaments, Sämitigge in inarisamisch.
Das Sámi-Parlament ist das repräsentative Selbstverwaltungsorgan der Sámi in Finnland. Es vertritt ihre Interessen in Fragen ihrer Sprachen, Kultur und ihrer Rechte als indigenes Volk.
Die Architektur des Gebäudes selbst ist beeindruckend: viel helles und dunkles Holz, mit viel Licht dazwischen und geschwungene organisch wirkende Formen.

Sajos Kulturzentrum mit Sámi-Parlament: beindruckende Architektur
Ich begegnete im sonst menschenleeren Gebäude zwei Frauen mit einem kleinen Mädchen. Eine der Frauen fragte mich, ob ich mitkommen mag, um den Sitzungssaal zu sehen. Natürlich mochte ich.
Sie sperrte den Saal auf und ich betrat den ovalen hohen Raum, in dem von oben Licht auf die geschwungene Holzwand fiel. Der Saal soll an das Innere einer riesigen Holztrommel erinnern, erklärt mir eine der Frauen auf Englisch.
Das Mädchen hüpfte zum Sprecherpult und hielt uns mit ernstem Gesicht und großen Gesten eine Rede. Ich verstand kein Wort. Wir lauschten andächtig und applaudierten, als sie endete. „Das war eine eindrucksvolle Rede eines zukünftigen Mitglieds des Parlaments“, meine ich anerkennend. Und eine der Damen flüstert mir zu: „Sie spricht fließend sehr gutes Inari-Sámi, das war tatsächlich beeindruckend.“
Auf der linken Seite des Saales befinden sich Dolmetscherkabinen. Es gibt mehrere samische Sprachen, die teilweise untereinander nicht verständlich sind, daher braucht man Dolmetscher im Sámi-Parlament.
Eine letzte Frage hatte ich noch, bevor ich mich verabschiedete.
Mich interessierte, wie die Sámi sich selbst nennen. Im Deutschen liest man häufig die Bezeichnung „Samen“.
Die Antwort war eindeutig: Sámi. Das á ist übrigens kein helles „a“, sondern ein etwas gedämpfter Laut.
Ich bedankte mich für den freundlichen Empfang und dafür, dass ich einen so lebendigen Einblick in das Sámi-Parlament bekommen hatte.
Hier ein moderner Sitzungssaal mit Mikrofonen, Technik und Dolmetschern. Und ein paar hundert Meter weiter historische Vorratshäuser im Wald.
Beides gehört zur Geschichte der Sámi. Beides gehört zu ihrer Gegenwart.
Ukonsaari — die heilige Insel der Sámi im Inari-See
Für den Nachmittag hatte ich eine Bootsfahrt auf dem Inari-See gebucht. Das Wetter war herrlich und ich freute mich darauf, diesen riesigen See zumindest teilweise vom Wasser aus zu erleben. Die Fahrt würde zweieinhalb Stunden dauern.
Wir trafen uns vor ein Uhr Nachmittags im Bereich hinter dem Siida-Museum bei dem Katamaran der örtlichen Lake Inari Cruise.

Rundfahrt auf dem Inari-See: der Katamaran der Lake Inari Cruise
Trotz des warmen Wetters um diese Jahreszeit sieht man jedoch niemanden am Ufer schwimmen: auch im Sommer bleibt der See zu kalt für ein angenehmes Bad.
Auf einer Karte konnte man die Reiseroute mit den verschiedenen bemerkenswerten Stationen samt Erläuterungen verfolgen. Über Lautsprecher wurden die wichtigsten Orte auf Finnisch und Englisch erklärt.
Vom Katamaran aus sieht man Inseln, frühere Siedlungsplätze und jene Orte, an denen Menschen über Jahrhunderte lebten, fischten und reisten. Und man sieht Inseln, auf denen sie ihre Toten bestatteten.
Und dann näherten wir uns Ukonsaari, einer heiligen Insel der Inari-Sámi.
Vom Boot aus sah die Insel nicht spektakulär aus. Ein aufragender bewaldeter Felsen inmitten des Sees. Wie viele andere im Inari-See.

Ukonsaari — die heilige Insel der Sami im Inari-See
Ukonsaari gilt jedoch als einer der bekanntesten historischen heiligen Orte der Sámi in Finnland.
Archäologische Funde zeigen, dass dort über lange Zeit Opfergaben niedergelegt wurden. Gefunden wurden unter anderem Tierknochen, Geweihe, Münzen und ein mittelalterliches Schmuckfragment.
Heute wird Außenstehenden ausdrücklich empfohlen, nicht auf der Insel zu landen und sie stattdessen vom Wasser aus zu betrachten.
Manchmal besteht Respekt darin, Abstand zu halten.
Um Mitternacht steht die Sonne im Norden
Wir sind gewohnt, das bestimmte Dinge zuverlässig passieren. Unser Alltag ist darauf aufgebaut.
Morgens wird es hell, weil die Sonne aufgeht. Abends dunkel, weil die Sonne untergeht.
Aber in Lappland ist das in manchen Monaten anders. Inari liegt so weit nördlich, dass die Sonne im Sommer ungefähr zwei Monate lang nicht untergeht.
Die nüchterne wissenschaftliche Erklärung: Durch die Neigung der Erdachse bleibt die Sonne in den hohen nördlichen Breiten im Sommer auch um Mitternacht über dem Horizont.
In diesem Jahr dauerte die Zeit der Mitternachtssonne in Inari ungefähr vom 22. Mai bis zum 22. Juli.
Natürlich wusste ich das, ich hatte davon gelesen. Aber Wissen und Erleben sind zwei verschiedene Dinge.
Also beschloss ich eines Abends, die Sache zu überprüfen. Was macht die Sonne um Mitternacht nun genau?
Ich blieb länger wach und ging gegen Mitternacht zum Inari-See.
Tatsächlich. Die Sonne stand im Norden eine Handbreit über dem See und hüllte den See, den Wald und die Häuser von Inari in tief-goldenes Licht.
Ich machte Fotos, jedoch konnte die Kamera dieses Licht und die Größe der Sonne nicht annähernd einfangen.

Mitternachtsonne in Inari, Lappland
Eine ganze Weile stand ich einfach nur da und beobachtete die Sonne. Sie ging nicht unter, bewegte sich einfach weiter.
Wie ist das wohl, wenn es Tag und Nacht nur dunkel ist, fast zwei Monate lang?
Wenn ich an diesen Abend zurückdenke, sehe ich noch immer dieses goldene Licht vor mir, das die Landschaft einhüllt.
Und gleichzeitig bringt dieses Licht den eigenen Rhythmus durcheinander.
Der Körper sagt irgendwann: Es müsste längst Nacht sein.
In Lappland gibt es deshalb lichtundurchlässige Vorhänge, die man schließt, wenn man schlafen möchte. Das Zimmer wird dunkel, aber der Körper merkt trotzdem, dass etwas nicht stimmt.
Jedenfalls habe ich während dieser hellen Nächte wenig geschlafen, trotz der Verdunklungsvorhänge.
Der eigentliche Vorteil der Mitternachtssonne wurde mir am nächsten Tag bewusst:
Es ist erstaunlich befreiend, abends keine Eile zu haben. Nicht daran denken zu müssen, wann es dunkel wird.
Die Kirche in der Wildnis
Nach dem Frühstück hatte ich an der Hotelrezeption zufällig ein Gespräch mitgehört.
Jemand erklärte Gästen den Weg zu einer „Wilderness Church“. Fünf Kilometer seien es dorthin.
Als ich am Nachmittag gegen vier Uhr von meinem Ausflug in die Natur zurückkam, dachte ich: Fünf Kilometer? Das geht sich locker vor dem Abendessen aus.
Was ich nicht bedacht hatte: Diese fünf Kilometer waren nur der Hinweg.
Der offizielle Wanderweg vom Straßen-Ausgangspunkt ist 4,4 Kilometer lang.
Und „Wanderweg“ klingt gemütlicher, als er tatsächlich war.
Ich kletterte über Wurzeln, wich großen Steinen aus und suchte meinen Weg durch ein Gelände, das den Namen Wanderweg sehr großzügig interpretierte.

Der Weg zur Wilderness Church bei Inari führt über Stock und Stein
Begleitet wurde ich von einer großen Zahl sehr motivierter Mücken.
Offenbar hatte sich in der lokalen Mückenpopulation herumgesprochen, dass eine Touristin ohne ausreichenden Schutz unterwegs war. Ich wurde zum lebenden Buffet.
Abgesehen davon war die Landschaft faszinierend.
Runde und eckige Felsbrocken lagen in der Landschaft, als wären die Bauteile eines steinernen Tempels von Riesen verstreut worden.
Seen und Sümpfe überquerte ich über hölzerne Brücken und Stege. Schautafeln erklärten die acht Jahreszeiten der Sámi und welche Pflanzen und Tiere jeweils eine Rolle spielen.
Etwa auf halber Strecke war mir klar: Das mit den fünf Kilometern war nur die halbe Wahrheit.
Aber aufgeben kam nicht infrage.
Ich wollte diese Holzkirche aus dem 18. Jahrhundert sehen.
Und immerhin hatte ich einen Vorteil: Ich musste keine Angst haben, in die Dunkelheit zu geraten. Es würde heute nicht dunkel werden.
Irgendwann erreichte ich die Kirche.
Und plötzlich war alles ruhig.
Sogar die Mücken ließen mich in Ruhe.
Die Pielpajärvi Wilderness Church steht mitten im Wald, umgeben von einem hohen Holzzaun. Das heutige Gebäude wurde zwischen 1752 und 1760 errichtet.

Wilderness Church in Inari, errichtet zwischen zwischen 1752 und 1760
Von außen wirkt die Kirche mit ihrem roten Holz und der schlichten Bauweise fast wie ein Teil der Landschaft. Im Inneren verändert sich der Eindruck. Das Holz ist naturbelassen, nur wenige farbliche Akzente setzen sich ab, wie die blau und rot gefasste hölzerne Kanzel.
Der Ort selbst ist älter. Pielpajärvi war ein Winterdorf der Inari-Sámi.
In den wärmeren Monaten lebten und arbeiteten die Familien an anderen Orten, an ihren Fisch- und Jagdgründen. Im Winter kamen sie hier zusammen. Dann wurde dieser abgelegene Ort zum gesellschaftlichen Zentrum.
Es fanden Gottesdienste statt, Märkte wurden abgehalten, Kinder unterrichtet, Steuern eingehoben und teilweise Gericht gehalten.
Im Siida hatte ich gelernt, dass die Menschen hier nicht einfach das ganze Jahr an einem einzigen Ort lebten. Ihr Leben bewegte sich mit den Jahreszeiten.
Und hier stand ich vor einer Kirche, die heute einsam im Wald liegt, die aber einmal Teil eines lebendigen saisonalen Zentrums gewesen war.
Der Rückweg wartete.
Gegen neun Uhr abends war ich wieder im Hotel, zu müde und zu spät für ein Abendessen.
Der Muskelkater und die juckenden Mückenstiche blieben mir drei Tage.
Trotzdem würde ich die Wanderung wieder machen. Nur diesmal mit Mückenspray.
Die Husky-Farm: Ein Schild am Straßenrand und Geschichten aus Lappland
Auf der Rückfahrt Richtung Süden sah ich ein Schild: Ilonka Farm & Cafe. Ich hatte Zeit und der Frühstückskaffee war schon eine Weile her. Also bog ich spontan ab.
Das Café war ein hölzerner Rundbau, mit steilen Dach, das an ein Zelt erinnert. Als ich es betrat, kam gerade die Mutter der Familie mit einem frisch gebackenen, noch dampfenden und verführerisch duftenden Rhabarberkuchen und einem Spinat-Feta-Kuchen herein.
Kaffee und frischer Kuchen, die perfekte Pause auf einer Reise. Aus der kurzen geplanten kurzen Pause wurde ein längerer Zwischenstopp.

Ilonka Farm und Cafe
Die Familie hatte die Farm vor einigen Jahren übernommen. Dort wurden schon seit Jahrzehnten Schlittenhunde gehalten. Heute leben neben den Hunden auch Schafe, Ziegen, Hühner und ein Schäferhund auf dem Gelände.
Über einen angelegten Weg kann man durch die Farm spazieren. Alle Tiere haben Namen und man kann ihnen auf einem Rundweg begegnen.
Am Weg gibt es Stationen über Elfen, Trolle, Riesen und andere Fabelwesen des Nordens.
Ich sah dort auch meine ersten Cloudberries und probierte eine. Sie sieht aus wie eine Himbeere, nur in orange, sie schmeckt süß-herb und wächst dicht am Boden.

eine Cloudberry in Lappland, zu deutsch: Moltebeere
Noch hatte die Beerensaison nicht begonnen. Aber ich hatte bereits in den vergangenen Tagen gesehen, wie dicht die Waldböden mit Beerenpflanzen bedeckt waren.
Wenn die Beeren reif sind, muss ganz Lappland wie ein riesiges Selbstbedienungsbuffet aussehen.
Eine der Frauen auf der Farm erzählte mir allerdings, dass die Cloudberry-Ernte in diesem Jahr möglicherweise schlecht ausfallen würde. Der Frost war zurückgekehrt, als die Pflanzen bereits blühten.
Auch das war wieder Lappland. Kurzer Sommer, schnelles Wachstum. Und immer die Möglichkeit, dass die Kälte noch einmal zurückkommt.
Zurück im Café sah ich gesponnene Wolle. Lily erzählte mir, dass sie diese selbst gesponnen habe — aus der Wolle ihres Lappland-Schafs.
Ich kaufe auf Reisen selten Souvenirs. Aber fünf Knäuel dieser Wolle musste ich mitnehmen. Daraus möchte ich mir eine ärmellose warme Weste stricken. Irgendwann werde ich sie im Winter tragen und wissen: Das Schaf habe ich gesehen, ich habe es gestreichelt.
Und Lily ist diese bescheidene junge Frau, die das Schaf aufgezogen und die Wolle gesponnen hat. Die sich mit ihrer Familie einen Traum erfüllt hat: eine eigene Farm mit Tieren, mitten in Lappland.
„Ist es nicht furchtbar, wenn die Sonne nicht aufgeht?“
Auf der Farm kam ich schließlich auf das Thema zu sprechen, das mich seit meiner Mitternacht am Inari-See beschäftigte.
Ich fragte: “Wie ist das eigentlich im Winter? Wie hält man es aus, wenn die Sonne wochenlang überhaupt nicht aufgeht?”
Die Antwort überraschte mich. So schlimm sei es gar nicht, erklärte mir die Mutter.
Sie stammte ursprünglich aus dem Süden Finnlands und hatte diese lange Polarnacht selbst erst kennenlernen müssen.
Aber es werde nicht einfach nur schwarz. Der Schnee reflektiere das vorhandene Licht. Bei Mondschein könne die Landschaft erstaunlich hell sein. Man kann dann im Wald unterwegs sein uns alles sehen.
Wenn die Sonne nicht weit unter dem Horizont stehe, glitzert der Schnee manchmal rosa und der Himmel schimmert orange.
Und dann seien da natürlich die Nordlichter.
In Inari dauert die Polarnacht ungefähr sechs Wochen. Aber Polarnacht bedeutet nicht, dass es rund um die Uhr stockfinster ist. Der Schnee reflektiert das vorhandene Licht, und rund um die Mittagszeit gibt es mehrere Stunden Dämmerlicht.
Und Mondlicht kann eine verschneite Landschaft erstaunlich hell erscheinen lassen. Dunkel also, aber doch nicht ganz.
Plötzlich hörte sich die Polarnacht nicht mehr nach Finsternis an, sondern nach einer anderen Art von Licht.
Dann fragte ich nach der Kälte.
Im Januar seien minus zwanzig Grad völlig normal, erzählte man mir. Aber die trockene Kälte fühle sich anders an als feuchte Kälte im windigen Süden Finnlands.
Und wie kalt war es im vergangenen Winter geworden?
Minus achtundvierzig Grad an einem Tag Anfang des Jahres.
Ich gebe zu: Meine neu erwachte Begeisterung für den lappländischen Winter bekam in diesem Moment einen kleinen Dämpfer.
Minus 48 Grad Celsius. Das ist eine Temperatur, bei der ich persönlich sehr bereit bin, theoretisch über Anpassungsfähigkeit nachzudenken — am liebsten von drinnen an einem knisternden Kamin mit brennenden Holzscheiten. Mit Kaffee und dampfendem Kuchen.
Aber gleichzeitig begann ich etwas zu verstehen.
Für mich waren minus 48 Grad ein Extrem. Für Menschen, die dort leben, war es ein besonders kalter Wintertag. Nicht angenehm und nicht belanglos, aber Teil einer Welt, auf die man vorbereitet ist.
Birget — die Kunst, zurecht zu kommen
Mir fiel ein Begriff ein, dem ich im Siida begegnet war, ein nordsamisches Wort: birget.
Auf einer Schautafel wurde es mit „Überleben“ beschrieben, aber nicht im Sinne eines verzweifelten Kampfes gegen widrige Umstände. Gemeint ist vielmehr die Fähigkeit, nach Schwierigkeiten wieder auf die Beine zu kommen, sich auf ungünstige Veränderungen einzustellen und dabei auf Wissen zurückzugreifen, das über Generationen weitergegeben wurde.
Dazu gehören auch Kreativität und Einfallsreichtum: vorhandene Möglichkeiten nutzen, Lösungen finden, mit Veränderungen umgehen.
Wer in dieser Natur bestehen will, darf nicht ungeduldig sein, so stand es auf der Schautafel im Siida. Manchmal ist es klüger, ruhig zu bleiben und erst einmal zu beobachten, was eine Veränderung tatsächlich bewirkt.
Und dann erinnerte ich mich daran, was ich in den vergangenen Tagen gesehen hatte:
An Vorratshäuser, die Lebensmittel vor Tieren schützten.
An Menschen, die im Jahreslauf zwischen unterschiedlichen Lebensräumen wechselten, weil Nahrung und Weiden nicht überall und jederzeit verfügbar waren.
An Rentiere und das Wissen, das Menschen über Generationen mit ihnen entwickelt hatten.
An Eichhörnchen und Schneehasen, die sich auch äußerlich an die Umgebung anpassen.
An Seen und Flüsse, die im Sommer Wasserwege und im Winter gefrorene Verkehrswege waren.
An eine Kirche, die heute mitten im Wald steht, aber einmal Mittelpunkt eines lebendigen Zentrums war.
An eine Sonne, die im Juli um Mitternacht im Norden steht. Und an einen Winter, in dem sie wochenlang nicht über den Horizont kommt.
Ich war nach Lappland gefahren, weil ich Wälder sehen, mehr über die Sámi erfahren, die Mitternachtssonne erleben und wenigstens ein Rentier entdecken wollte.
Die Wälder waren tatsächlich endlos.
Über die Sámi wusste ich nach meiner Reise mehr und gleichzeitig genug, um zu verstehen, wie vieles ich nicht wusste.
Die Sonne ging tatsächlich nicht unter.
Und was die Rentiere betrifft: Eines hätte genügt, ich bekam ungefähr hundert.

Rentiere: Muttertiere mit ihren Jungen auf der Straße
Aber ich kam mit noch etwas anderem zurück.
Mit der Erkenntnis, dass eine auf den ersten Blick lebensfeindlich wirkende Natur so viel Schönheit und ein gutes Leben bieten kann.
Vorausgesetzt, man passt sich an, sammelt Wissen, lernt und findet Wege, mit den Bedingungen zu leben und kreative Lösungen zu finden
Und dann fiel mir wieder die Einladung von Lily, der jungen Frau auf der Farm, ein:
„Komm doch im Winter zurück. Dann fährst du mit unseren braven Schlittenhunden hinaus und siehst die Nordlichter. Dann verstehst du, warum wir nur hier leben wollen, wo es so schön ist.“
Minus 48 Grad hin oder her. Ich möchte zurück – im Winter, wenn die Sonne nicht aufgeht und der Schnee rosa glitzert
Angelika Froech
Anhang: Autofahren in Finnland
Verkehrsregeln & Tempolimits
- Rechtsverkehr
- Innerorts gilt grundsätzlich 50 km/h – in kleineren Ortschaften Lapplands wird das Tempo aber oft stufenweise heruntergesetzt (z. B. von 100 auf 80, 60, manchmal bis 40 km/h). Die Beschilderung ist aber immer gut sichtbar.
- Überland (Landstraßen) sind 80 km/h die Regel, auf manchen Strecken auch 100 km/h.
- Auf Schnellstraßen und Autobahnen gilt 100 bis 120 km/h.
- Bis Rovaniemi ist das Netz an Radarkameras sehr dicht – meist wenige Meter, nachdem das Tempolimit von 100 auf 80 km/h oder weniger sinkt.
Tiere auf der Straße
In Lappland musst du immer damit rechnen, dass Rentiere oder Elche die Straße queren – entsprechend aufmerksam fahren!
Fahrzeit & Verkehrsaufkommen
Lappland ist dünn besiedelt, entsprechend wenig Verkehr ist unterwegs.
Für die Strecke Helsinki–Inari (ca. 1.200 km) solltest du mit 14 bis 15 Stunden reiner Fahrzeit rechnen – am besten verteilt auf zwei bis drei Tage.
Weiterführende Links:
- Arktikum — Science Center & Museum, Rovaniemi: ➪ https://arktikum.fi/en/
- Siida — The Sámi Museum, Inari: ➪ https://siida.fi/en/the-sami-museum/
- Sajos — Sámi Cultural Center, Inari: ➪ https://www.sajos.fi/en/
- Lake Inari Cruise, Inari: ➪ https://visitinari.fi/lake-inari-cruise/
- Ilonka Farm & Cáfe, Ivalo: ➪ https://ilonka.fi/en/
Bildquellen
- alle Bilder: Angelika Froech