Juni 28, 2026

Pueblo-Küche, Geheimnisse und Geschichten aus der Pueblo-Kultur

Ich kam, um Tamales zu machen. Was ich an diesem Mittwoch im Hause Naran­jo in Ohkay Owingeh mitgenom­men habe, war so viel mehr: Geschicht­en aus Jahrhun­derten, erzählt beim Kneten von Teig. Eine roman­tis­che Liebesgeschichte und eine, die wehtut. Eine Frau, die unsicht­bar Geschirr abwäscht und ein ganzes Dorf gerettet hat. Und die Antwort auf eine Frage, die ich mir nie gestellt hat­te: Woher kom­men eigentlich die Öfen, ohne die die Küche von San­ta Fé undenkbar wäre?

Mein lieber ver­stor­ben­er Fre­und Fred­die Kay­dahzinne, Chir­ic­ahua-Apache und Kün­stler aus San­ta Fé, hat­te mir ein­mal gesagt: „Du musst nach San­ta Fé, du wirst es lieben — die Architek­tur, die Kun­st, das Kli­ma und das Essen.” Er behielt in allem recht.

Zum ersten Mal war ich 2024 dort und war über­rascht: Die Küche in der Region um San­ta Fé ist keine amerikanis­che Küche, wie man sie ken­nt. Ver­giss Burg­er und Piz­za. Hier find­est du frisch zubere­it­ete Spezial­itäten mit viel Gemüse, raf­finierten Salat­en und Aromen, die man so ander­swo nicht findet.

Und dann wurde mir von Nor­ma Naran­jos „The Feast­ing House“ in der Reser­va­tion Ohkay Owingeh erzählt, wo man in die Geheimnisse der guten Küche der Region ein­tauchen kann.

An einem Mittwoch im Novem­ber 2025 war es dann soweit: Zusam­men mit zwanzig anderen Besuch­ern war ich Gast im Hause Naran­jo und Teil­nehmerin bei einem Koch-Workshop.

Wir kamen, um ein wenig kochen nach Pueblo-Art zu erler­nen. Was wir mit nah­men, war so viel mehr als das Wis­sen um die Zubere­itung von Tamales oder Empanadas. Wir wur­den Zeu­gen der Geschichte und der Gegen­wart der lebendi­gen Pueblo-Kul­tur — und wird hat­ten köstlich gespeist.


Die Geschichte des alten Her­rn: Vom Inter­nat zur Liebe seines Lebens

Als ich am Vor­mit­tag vor den anderen Gästen da war und die Damen in der Küche bei den Vor­bere­itun­gen nicht stören wollte, hat­te ich mich mit einer Tasse Kaf­fee hin­aus in den Garten begeben. Dort set­ze ich mich an einen der Gar­ten­tis­che, in der Nähe der bei­den gemauerten Öfen. Kinder liefen spie­lend und lachend umher und ein älter­er Herr mit Base­bal­lkappe und kari­ertem Hemd trug Holz zusam­men und schlichtete es neben die bei­den Öfen.

Er blieb ste­hen, lächelte mich fre­undlich an und fragte, woher ich käme, ob ich zum ersten Mal hier sei und wie es mir hier gefalle. Er ver­ri­et mir, dass er der Schwa­ger von Nor­ma und Hutch sei. Er hat­te eine von Nor­mas Schwest­ern geheiratet und sie seien immer wieder gerne hier, um bei großen Fes­ten und Ver­anstal­tun­gen auszuhelfen.

Er habe die meiste Zeit in Kali­formien gelebt, nach­dem sie von hier weg gebracht wur­den und sei ein echter Stadt­men­sch gewor­den. Er habe dort einen guten Job gehabt und sich wohl gefülhlt. Dann sei er auf einen Besuch zurück in das Dorf gekom­men und habe diese hüb­sche Ein­heimis­che gese­hen und sich sofort Hals über Kopf unsterblich verliebt. 

Seine Braut wollte nicht nach Kali­fornien, also zog er zurück nach Ohkay Owingeh. Das sei vor über 30 Jahren gewe­sen und er sei noch immer ver­liebt in dieses hüsche Mäd­chen, der Schwest­er von Nor­ma. Seine strahlen­den Augen und sein Zwinkern ver­ri­eten: Er meinte, was er sagte. Was für eine wun­der­schöne roman­tis­che Geschichte! 

Aber bei mir blieb aus sein­er Erzäh­lung hän­gen: „… als sie uns von hier weg gebracht hatten.“ 

Ich fragte höflich, ob ich eine Frage zu sein­er Geschichte stellen darf. Er meinte, klar, ich könne ihn alles fra­gen. Und dann frage ich, was genau er damit meinte, wer hat ihn weg gebracht.

Er wird ernst und seine Stimme leise: „Weißt du, damals haben sie die Kinder mit Last­wä­gen abge­holt und weit weg in Inter­nate gebracht. Ich bin im Inter­nat aufgewach­sen und ich kon­nte auch unser­er Sprache nicht mehr sprechen. Fam­i­lie ist für uns sehr wichtig, ich bin ohne Eltern und ohne Fam­i­lie in der Fremde aufgewachsen.“

Dann macht er eine ener­gis­che Hand­be­we­gung, so als würde er die Erin­nerung weg wis­chen wollen. Und schon ist da wieder sein fre­undlich­es Lächeln und sein Zwinkern in den strahlen­den Augen und seine Stimme fest und fröh­lich. „Aber das ist schon sehr lange vor­bei, es geht uns jet­zt gut und ich bin glück­lich hier mit mein­er wun­der­schö­nen Frau.“

Nor­ma, Tamales und das Geheim­nis der Küche um San­ta Fé

„Bei großen Fes­ten sitzen wir alle zusam­men und wick­eln die Tamales, das ist bei uns so Tra­di­tion.“ Nor­ma knetet Teig aus Mais­mehl und Wass­er in einer großen Schüssel. 

Wir Besuch­er sitzen an zwei großen Esstis­chen im Speisez­im­mer und bilden zwei Kochgrup­pen: Die einen wer­den Tamales machen, die andere Espanadas. Ich bin bei der Tamales-Gruppe. 

Wohnzimmer im The Feasting Place

Wohnz­im­mer im The Feast­ing Place

Das Haus ist eines der typ­is­chen Häuser im Pueblo-Stil dieser Region: eingeschos­sig, mit rotem Lehm ver­putzt und flachem Sat­tel­dach. Im Haus dominieren warme Erdtöne und Holzmö­bel, Sofas mit bestick­ten Kissen auf Holzbö­den mit gewebten Tep­pichen und darüber schwebt schützend die schwere Holzbohlen­decke. Alles ist darauf aus­gelegt, viele Gäste willkom­men zu heißen. mit ihnen zu kochen, zu speisen und zu feiern. 

Nor­ma ist die warmherzige Gast­ge­berin und die Lei­t­erin der Koch-Work­shops, ihr Ehe­mann Hutch ist für die Land­wirtschaft zuständig.

Fast alles, was hier verkocht wird, kommt aus der eige­nen Land­wirtschaft, hat­te Nor­ma zurecht stolz zu Beginn erwähnt.

Während der Teig unter den Nor­mas kne­tenden Hän­den langsam die richtige Kon­sis­tenz annimmt, erzählt sie aus der Geschichte ihres Volkes.

Norma Naranjo - The Feasting Place

Nor­ma Naran­jo — The Feast­ing Place

Die einzi­gar­tige Küche in der Region um San­ta Fé ist der Vere­ini­gung der ein­heimis­chen Küche und der spanis­chen Küche zu ver­danken. Zwei Wel­ten haben sich hier friedlich arrang­iert und das beste in bei­den Wel­ten erhal­ten — ganz prak­tisch und auch kulinarisch.

Die eine Welt war jene der Pueblo-Bewohn­er, die in dieser Region lebten. Die andere Welt kam von weit her — vom über den Ozean aus Spanien. 

Ich kan­nte zuvor nur die Geschichte der bru­tal­en spanis­chen Con­quis­ta­dores, welche die Pueblo-Bewohn­er im Auf­s­tand von 1680 ver­trieben haben.

Dieser Teil der Geschichte war jedoch mir und anderen Gästen neu und über­raschend: Beim Auf­s­tand wur­den nicht alle ver­trieben. Jene friedlichen spanis­chen Siedler, die damals bere­its in ihren Dör­fern zwi­schen den Pueblo-Gemein­schaften lebten, blieben von der Vertrei­bung verschont.

Ihre Dör­fer find­et man heute noch zwi­schen den Pueblo-Reser­vat­en. Namen wie jen­er der Nach­barortschaft Espan­io­la (kleines Spanien) weisen darauf hin. Die Nach­fahren der dama­li­gen Siedler nen­nen sich „Spaniards“ und sprechen neben Englisch noch immer ihre ursprüngliche Mut­ter­sprache:  ein altertüm­lich­es Spanisch — es ist das Spanisch des 16. Jahrhunderts.

Es geht also doch: In ein fremdes Land ziehen und sich mit den Ein­heimis­chen friedlich und respek­tvoll eini­gen. Und dieses friedliche Nebeneinan­der­leben hat über die Jahrhun­derte funktioniert.

Nor­ma erzählt, dass manche der spanis­chen Siedlern Pueblo-Mäd­chen und manche Pueblo-Män­ner spanis­che Mäd­chen geheiratet haben. Einer ihrer Vor­fahren war ein Spaniard. Die Völ­ker von dies­seits und jen­seits des großen Ozean­shaben sich den­noch nie ver­mis­cht, die eige­nen Kul­turen blieben erhalten.

Der Tamales-Teig ist nun fer­tig und sie zeigt uns, wie man Tamales macht:

Man nimmt mit einem Löf­fel ein Teigstück aus der ersten, ein in warmes Wass­er eingewe­icht­es Mais­blatt aus der zweit­en Schüssel. 

Das Teigstück kommt auf das aus­ge­bre­it­ete Mais­blatt und wird dünn augestrichen. 

Dabei wird das untere Drit­tel des Mais­blattes aus­ges­part. Nun kommt etwas Fülle aus der drit­ten Schüs­sel auf die Teigflade. Zur Fülle kann man Fleisch oder Gemüse oder bei­des gemis­cht nehmen, wir hat­ten kleingewür­feltes Gemüse. 

Dann wird das Mais­blatt mit der gefüll­ten Flade der Bre­ite nach eingerollt, sodass man eine längliche Rolle hat. 

Oben quetscht man das Mais­blatt und den Teig zusam­men und das untere, nicht gefüllte, Drit­tel des Mais­blattes klappt man nach oben. 

Aus dem Mais­blatt schnippt man sich der Länge nach einen dün­nen Streifen. Diesen wick­elt man als Bind­faden in der Bre­ite um das Maipaket herum und ver­knotet ihn.

Tamales

Tamales: fer­tig gedün­stet, noch eingewick­elt in Maisblätter

Anschließend wech­selt Nor­ma zum anderen Tisch, zur anderen Gruppe. Jet­zt wird die Nach­speise gemacht.

Nor­ma, Empanadas und der Pueblo-Auf­s­tand von 1680

Nor­ma zeigt, wie man aus Weizen­mehl, Wass­er und But­ter den mür­ben Teig für die Empanadas her­stellt. Und während sie knetet, erzählt sie weiter. 

Jet­zt gibt es noch etwas über 20 anerkan­nte Pueblo-Völ­ker, früher waren es mehr. Durch bru­tale Ermor­dung ganz­er Dör­fer und durch Seuchen wür­den viele Dör­fer entvölk­ert. Manche haben sich anderen Pueb­los angeschlossen, manche sind verschwunden.

Als die Spanier unter Juan de Oñate Ende des 16. Jahrhun­der­st in die Region kamen, wur­den sie von den Ein­heimis­chen fre­undlich begrüßt. Sie siedel­ten wesltlich des Pueblo-Dor­fes Ohkay Owingeh am Rio Grande. 

Oñate nan­nte den Ort San Juan de los Caballeros — zu Ehren seines Schutzheili­gen Johannes des Täufers. Später hieß das Dorf ein­fach San Juan Pueblo, seit 2005 führt es wieder seine eigentliche Beze­ich­nung: Ohkay Owingeh — es bedeutet „Ort der starken Men­schen“ (Place of the Strong People).

Pueblo Ohkay Owingeh, New Mexico, 1896

Pueblo Ohkay Owingeh, New Mex­i­co, 1896

Nach Jahrzehn­ten bru­taler Herrschaft der Con­quis­ta­dores und der Franziskan­er­priester, gelang es einem Mann, die ver­schiede­nen Pueblo-Völ­ker zu vere­inen. Die Dör­fer lagen bis zu 600 Kilo­me­ter voneinan­der und  er wur­den teil­weise ganz unter­schiedliche Sprachen gesprochen. Dieser Mann war Popé, ein Schamane aus dem Dorf Ohkay Owingeh — und ein Vor­fahre von Nor­ma. Popé schick­te Läufer in alle Dör­fer, die Schnüre mit Knoten mit sich tru­gen. Die Anzahl der Knoten entsprach der Anzahl der Tage bis zum vere­in­ten Angriff. Die Läufer über­bracht­en den Dorf-Vorste­hern die Schnüre und sagten ihnen: „Löst jeden Tag einen Knoten. Der Tag, an dem alle Knoten gelöst sind, ist der Tag, an dem ihr angreift.“

Im August 1680 war es dann soweit: Die Völ­ker der ver­schiede­nen Pueb­los standen auf und ver­trieben die Eroberer.

Die Unab­hängigkeit von den Spaniern hiel­ten nicht lange an. Bere­its 12 Jahre kamen sie zurück, dies­mal jedoch mit friedlicheren Absicht­en. Zwangsar­beit war nun ver­boten und die Franziskan­er mis­cht­en sich nicht mehr in die Bräuche und Zer­e­monien der Pueblo-Bewohn­er ein. 

Der Teig für die Tamales ist nun fer­tig. Er wird dünn aus­gerollt und rund aus­gestochen. Darauf kom­met eine süße Fülle. Dann wer­den die Kreise ein­mal in der Mitte zusam­menge­fal­tet und die Hal­bkreise an den offe­nen Enden mit Gabelzinken zusam­menge­presst, sodass ein gewelltes Rand­muster entseht.

Und jet­zt geht’s ans Werk: Ich wick­le mit den Kol­legin­nen an meinem Tisch Tamales, jene am anderen Tisch fal­ten die Empanadas.

Wir leg­en unsere fer­ti­gen Stücke auf große Bleche in der Mitte der Tis­che, die von Nor­ma und ihre zwei Schwest­ern geholt werden.

Die Tamales wer­den aufrecht in einen Gar­topf gestellt, wo sie unter Dampf unge­fähr eine Stunde gedün­stet werden. 

Und dann bit­tet uns Nor­ma, die Bleche mit den Empanadas zu nehmen und ihr hin­aus in den Garten zu den bei­den Back­öfen zu folgen. 

Empanadas

Empanadas: fer­tig gebrat­en, mit Zimt und Zuck­er bestreut

Von Nordafri­ka nach New Mex­i­co: die Mohren und die Hornos

Draußen ist Hutch und sein Schwa­ger beshäftigt, die heißen verkohlten Hozstücke aus den Öfen zu holen. Jet­zt wer­den sie mit Empanadas, Broten und Muffins gefüllt. Die gemauerten, mit Lehm ver­putzen Öfen haben die Form von großen Bienenkör­ben. Nor­ma schiebt ein belegtes Blech nach dem anderen in die Öfen, Hutch schiebt sie mit einer Stange noch weit­er hinein.

Hutch befeuert den Horno

Hutch befeuert den Horno

Dann wird die hal­brunde Öff­nung der Öfen mit einem Brett verschlossen.

Die Öfen wer­den Hornos genan­nt (das „H“ wird nicht aus­ge­sprochen). Nor­ma erzählt, dass die Mohren (sie sagt wortwörtlich „moors“) ihren Vor­fahren gezeigt hät­ten, wie man diese Öfen baut. Vorher hät­ten sie über dem offe­nen Feuer gekocht, aber die Hornos bracht­en ein Mehr an Möglichkeit­en, Speisen zuzubereiten.

Ich denke, ich habe mich ver­hört und frage nach: „Es waren die Mohren, habe ich das richtig ver­standen?“ Nor­ma bejaht und ergänzt, dass diese aus Nordafrike waren und schon bei den ersten ank­om­menden Spaniern dabei waren. 

Später recher­chiere ich nach und ent­decke die Geschichte dieser Nordafrikan­er, dei meist als Sklaven nach Spanien kamen und das Wis­sen um die Hornos mit nach New Mex­i­co bracht­en. Die Küche der Gegend ist heute ohne Hornos undenkbar, auch wenn in der mod­er­nen Küche diese durch Back­öfen erset­zt werden. 

Den­noch: eine Piz­za schmeckt auch erst dann so richtig gut, wenn sie aus einem Piz­za­ofen kommt. Nor­ma scheint meinen Gedanken errat­en zu haben, sie meint, dass bei Kinderge­burt­sta­gen der Horno mit den Pizzen der Ren­ner sei.

Tom­a­sita hat einen Traum: Das alte Pueblo-Dorf in die neue Zeit zu retten

Während die Tamales auf dem Herd dün­sten und die Empanadas im Horno brat­en, bit­tet uns Nor­ma zurück in das Essz­im­mer. Der große Fernse­her wird eingeschal­tet. Eine der bei­den Schwest­ern von Nor­ma, die bei den Vor­bere­itun­gen im Hin­ter­grund geholfen hat­te, zieht die Kochschürze aus. Nor­ma stellt sie uns vor: Tom­a­sita Duran. 

Wir sehen die Doku­men­ta­tion „Owe’neh Bupingeh Preser­va­tion Project“. Der Film ent­führt uns in die aktuelle Geschichte von Ohkay Owingeh. Tom­a­sita war jahre­lang zuständig für das Woh­nung­spro­gramm der Pueblo-Gemeinschaft. 

Sie hat­te einen Traum: Sie wollte das ursprüngliche his­torische Pueblo-Dorf wieder beleben. Die Häuser standen noch, manche waren mehr Ruinen, als wohn­liche zeit­gemäße Unterkün­fte. Nicht alle hat­ten Elekriz­ität oder fließen­des Wass­er. Die meis­ten Bewohn­er waren wegge­zo­gen und hat­ten sich Häuser in der Umge­bung gebaut. 

Die alten Pueblo-Häuser sind aus Adobe-Ziegeln gebaut, das sind luft­getrock­nete Lehmziegel. Das Mate­r­i­al ist ide­al für diese Gegend. Zum einen ist Lehm genü­gend in der Umge­bung vorhan­den. Zum anderen hal­ten die Adobe-Wände In den bit­terkalten Win­ter­monat­en die Wärme in den Räu­men, in den heißen Som­mer­monat­en hal­ten sie die Hitze draußen. 

Adobe kann Jahrhun­derte über­dauern, voraus­ge­set­zt, es wird jedes Jahr ver­putzt — nach der alten Meth­ode, nur mit naturbe­lassen­em Lehm. Der mod­erne Ver­putz hat­te zusät­zlich große Schä­den an den Häusern verur­sacht. Wenn der Lehm luft­dicht ver­siegelt wird, ver­rot­tet er. Adobe-Häuser müssen atmen kön­nen, wie die Men­schen, die darin leben.

Was Tom­a­sita schaffte, ist schi­er unglaublich: Kaum jemand aus der Gemein­schaft glaubte, dass dieses Pro­jekt ver­wirk­licht wer­den könne. Sie ließ nicht lock­er und es gelang ihr, von den Vere­inigten Staat­en die Geld­mit­tel zu bekom­men, um das Pro­jekt zu starten und umzuset­zen. Die alten Baumeth­o­d­en wur­den wieder­belebt, es gab noch ältere Bewohn­er, die sich erin­nern kon­nten, wie in alter Zeit gebaut und ver­putzt wurde. Über 30 Pueblo-Häuser wur­den revi­tal­isiert und modernisiert.

Ohkay Owingeh Pueblo: Kirche und Pueblo

Ohkay Owingeh Pueblo: Kirche und Pueblo; hier startete der Pueblo-Auf­s­tand; im Hin­ter­grund Häuser des revi­tal­isierten Pueblos

Heute ist das alte Pueblo-Dorf wieder bewohnt, viele Fam­i­lien sind einge­zo­gen, Kinder lachen und spie­len in den großen Höfen, die das Zen­trum der Feste und Zer­e­monien der Pueblo-Gemein­schaft sind. 

Mod­ern­er Kom­fort und alte Bautech­nik sind also kein Wider­spruch. Tom­a­sita hat bewiesen, was einem einzi­gen Men­schen möglich ist. Sie hat­te einen Traum an den Sie unbeir­rbar glaubte und war hart­näck­ig genug, diesen Traum zu ver­wirk­lichen. Und hat dabei ein ganzes Dorf gerettet.

Ein Festmahl und Abschied

Und endlich ist es soweit. Das ganze Haus ist vom Duft der dampfend­en Tamales gefüllt, von den Kräutern der vielfälti­gen Salate, vom gedün­steten Kür­bis­gemüse, den frischen Tomat­en, Früh­lingszwieblen und anderem Gemüse und Beeren, deren Namen ich nicht kenne. Von draußen her weht der Geruch von bra­ten­den Broten und Empanadas jedes­mal beim Öff­nen der Türe herein.

Küche im The Feasting Place

Küche im The Feast­ing Place: Nor­mas helfende Schwest­ern im Hin­ter­grund, im Vorder­grund wer­den die fer­ti­gen Speisen am Buf­fet gesammelt

Der schwere lange Holztisch in der Küche füllt sich mit kalten und war­men Speisen in ird­e­nen Schüs­seln, großen­Tellern und geflocht­e­nen Kör­ben. Nor­mas Schwest­ern holen die Tamales aus den großen Töpfen und leg­en sie auf ein großes Tablett in der Mitte des Tis­ches. Jed­er holt sich einen Teller und Besteck und bedi­ent sich. 

Ich habe nicht nur gel­ernt, wie man Tamales macht, son­dern auch, wie man sie dann isst: Ein­fach aus dem Mais­blatt auswick­eln, möglichst ohne sich die Fin­ger zu verbrennen.

Wer denkt, Salat sei eine fade Beilage für Hasen — ich dachte das auch —, hat noch keinen Salat in der Region um San­ta Fé gegessen. Hier find­est du kaum unsere großen blassen geschmack­losen Salat­blät­ter, son­dern vor allem Kräuter und kleine würzige Blät­ter, die an Vogerl­salat oder Ruco­la erin­nern. Dazu gebratene Kür­bisse, Beeren oder Zitrusfrüchte. Mal schmeckst du süß-sauer, mal fruchtig-herb, immer über­raschend. Das sind Geschmack­skom­po­si­tio­nen, die man nicht vergisst.

Ich frage Nor­ma, wie und wo sie gel­ernt hat, so gut zu kochen. Sie zuckt mit den Schul­tern. „Für uns ist das nichts beson­deres, jed­er von uns kann das. Wir haben immer schon für große Fam­i­lien­feste gekocht. Irgend­wann hat­te ich die Idee, Cater­ing anzu­bi­eten und dann kam mir die Idee, Gäste einzu­laden und mit denen zusam­men zu kochen. So ist das entstanden.“

Es ist schon spät gewor­den und die Sonne von New Mex­i­co hat die Hochebene in ein orange­nes Licht getaucht, als wir uns verabschieden. 

Ich kam zu einem Koch-Work­shop und ging mit Geschicht­en, Ein­drück­en und Gerüchen im Herzen, die nie verblassen wer­den. Und mit der Gewis­sheit: die Kul­tur der Pueblo-Völ­ker hat über­lebt, ist lebendig und gut gerüstet für die Zukunft.

Bei uns gibt es den Spruch: „Durch’s Essen kom­men die Leut’ zsamm.“ Sel­ten habe ich den Kern dieses Spruch­es so wahr erlebt wie damals an einem Mittwoch bei Nor­ma und Hutch im Pueblo Ohkay Owingeh.

Ange­li­ka Froech

Kochbuch von Nor­ma Naranjo:

The Four Sis­ters: Keep­ing Fam­i­ly Tra­di­tions Alive — Recipes from The Pueblo 

Link zu Ama­zon (kein Affiliate-Link)


Weit­er­führende Links:

Bildquellen

  • Foto Pueblo Ohkay Owingeh, 1896: gemeinfrei
  • alle anderen Bilder: Ange­li­ka Froech 

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