Letzten Sommer traf ich eine liebe Freundin nach Monaten endlich wieder einmal zu einem Frühstück in unserem Wiener Stammcafé. Schon beim ersten Blick fiel mir auf, dass sie sich verändert hatte. Ihre Augen strahlten, sie wirkte jünger, vitaler, präsenter.
Wir unterhielten uns wie immer über alles Mögliche – darüber, was in unserem Leben seit dem letzten Treffen passiert war. Und dann erzählte sie mir ganz nebenbei, dass sie sich abends vor dem Schlafengehen den Mund mit einem Pflaster zuklebt.
Ich lachte. Ich dachte, sie mache einen Scherz.
Sie sah mich genervt an. Es war keiner.
Wie bitte? Warum sollte jemand so etwas tun? Wer kommt auf die Idee, sich nachts den Mund zuzukleben?
Doch sie meinte es ernst. Und weil sie seit vielen Jahren meine Freundin ist – eine Frau mit manchmal ungewöhnlichen, aber stets durchdachten Ideen –, wusste ich: Da ist etwas dran. Auch wenn es im ersten Moment verrückt klingt.
Sie bestätigte meinen ersten Eindruck. Sie sehe nicht nur vitaler aus, erzählte sie, sie fühle sich auch so. Ihr Schlaf habe sich verbessert, ihre Gesundheit stabilisiert. Und auch psychisch sei sie deutlich gelassener und positiver als früher.
Auf meine Fragen hin erklärte sie mir, wie sie auf diese Methode gestoßen war.
Sie nannte mir das schwedische Conscious Breathing Institute – ein Institut, das sich seit Jahren intensiv mit genau diesem Thema beschäftigt: mit der Frage, was bewusste Atmung im Körper bewirkt, und warum Nasenatmung so viel mehr ist als eine bloße Gewohnheit.
Mein Interesse war geweckt. Ich notierte mir die Internetadresse, machte mir ein paar Stichworte zu ihrer Vorgehensweise und sagte schließlich: Und wenn es noch so seltsam klingt, das muss ich ausprobieren.
Also begann ich selbst damit. Zunächst vorsichtig, mit einem Pflaster, das nicht vollständig abdichtete, sodass ich notfalls noch durch den Mund atmen konnte. Nach etwa einer Woche nahm ich dann ein Pflaster, das den Mund tatsächlich schloss. Ich atmete nachts nur noch durch die Nase.
Von meinen eigenen Erfahrungen mit diesem Experiment erzähle ich später. Zuerst möchte ich von etwas anderem berichten, das ich im Zuge meiner Recherchen zu diesem Thema entdeckte – etwas, womit ich niemals gerechnet hatte.
Denn die Spur führte mich nicht zu verschiedenen modernen Ratgebern, sondern zu einem schmalen Buch aus dem 19. Jahrhundert. Geschrieben von einem Mann, den ich bis dahin vor allem als bedeutenden Maler kannte – und dessen Blick auf Gesundheit aus einer völlig anderen Richtung kam.
Der Mann, der dieses Buch schrieb, hieß George Catlin (1796–1872).
George Catlin: der Maler, der eine ungewöhnliche Entdeckung macht
Geboren 1796 in Pennsylvania, begann George Catlin sein Berufsleben als Jurist, bevor er sich ganz der Malerei zuwandte. Berühmt wurde er als Künstler, der das Leben indigener Völker Nordamerikas dokumentierte – zu einer Zeit, in der diese Welt bereits massiv unter Druck geraten war.
Zwischen den 1830er- und 1860er-Jahren bereiste Catlin weite Teile Nord‑, Mittel- und Südamerikas. Er besuchte mehr als 150 Stämme, lebte bei vielen von ihnen über längere Zeit, beobachtete ihren Alltag, ihre Ernährung, ihre Rituale und malte. Hunderte Porträts und Alltagsszenen entstanden auf diesen Reisen. Für manche Kulturen sind es heute die wenigen bildlichen Zeugnisse ihrer damaligen Lebensweise.
Was dabei oft übersehen wird: Catlin war nicht nur Maler. Er war ein genauer, geduldiger Beobachter. Und ihm fiel etwas auf, das ihn nicht mehr losließ.

George Catlin, gemalt von William Fisk, 1849
Während er in den Städten Europas und Nordamerikas Krankheit, frühe Sterblichkeit und körperliche Deformationen als allgegenwärtig erlebte, begegnete er in vielen indigenen Gemeinschaften Menschen, die bis ins hohe Alter kräftig, beweglich und vital wirkten. Sie behielten ihre Zähne, ihre Beweglichkeit, ihren aufrechten Gang und hatten kaum Runzeln.
Er stellte sich eine einfache, aber unbequeme Frage:
Wie konnte es sein, dass Gesellschaften, die man in seiner Zeit „primitiv“ nannte, ohne moderne Medizin oft gesünder erschienen als jene, die sich für fortschrittlich hielten?
Kinder, Schlaf und Sterblichkeit
Catlin beginnt seine Überlegungen nicht bei Erwachsenen, sondern bei Kindern. Er verweist auf die Sterblichkeitsstatistiken der europäischen Städte seiner Zeit: In London, Manchester oder Stockholm erreichte nur die Hälfte aller Kinder das fünfte Lebensjahr. Von den übrigen starb wiederum etwa die Hälfte, bevor sie fünfundzwanzig wurde. Nur einer von vier hatte überhaupt die Chance, älter zu werden.
Dem stellte Catlin seine Beobachtungen in indigenen Gemeinschaften gegenüber. Dort, so berichtet er, sei Säuglings- und Kindersterblichkeit ein seltenes Ereignis gewesen – abgesehen von Unfällen oder eingeschleppten Krankheiten. Häuptlinge erzählten ihm, dass Tot- oder Fehlgeburten kaum bekannt gewesen seien; manche Frauen hätten den Begriff nicht einmal gekannt.
Ein Sioux-Häuptling mit dem Namen Sleepy Eyes berichtete Catlin, dass in seiner rund 1.500 Menschen umfassenden Gemeinschaft in vielen Jahren nur wenige Kinder durch Unfälle ums Leben gekommen seien. Ähnliches hörte Catlin von den Mandan am Oberlauf des Missouri, einem Volk mit mehreren Tausend Angehörigen und auch von den Pawnee: Der Tod eines Kindes unter zehn Jahren sei äußerst selten.

George Catlin: Sioux-Dorf, 1850
Dort, wo sich Gemeinschaften bereits der „Zivilisation“ angenähert hatten, erkannte Catlin einen Unterschied. Häuptlinge der Osagen, Winnebago oder Kaskaskia erzählten ihm, dass Kindersterblichkeit erst mit Alkohol, veränderten Lebensweisen und eingeschleppten Krankheiten aufgetreten sei,
Der geschlossene Mund als Gewohnheit
Catlin beschreibt in seinem Buch “The breath of life” (“Der Atem des Lebens”) von 1864 immer wieder Szenen, in denen Mütter ihren Säuglingen nach dem Stillen die Lippen schließen, sobald diese eingeschlafen sind. Auf seine Nachfragen erhielt er stets dieselbe Antwort:
Man tue dies, „um gutes Aussehen zu sichern und das Leben zu verlängern“.
Die Kinder lagen häufig auf sogenannten Cradleboards, flach gebettet, mit einer kleinen Stütze unter dem Kopf. Der Kopf war leicht vorgeneigt, der Mund blieb geschlossen.
Auch bei Erwachsenen fiel ihm diese Selbstverständlichkeit auf. Der Mund wurde zum Sprechen oder Essen geöffnet – nicht beim Schlafen, nicht beim Lächeln, nicht bei Anstrengung und auch nicht im Zorn.

George Catlin: Frau mit Baby in einem Creddleboard, 1835
Catlin stellte fest, dass viele ältere Menschen noch vollständige, gesunde Gebisse hatten – ohne Zahnbürsten, Zahnärzte oder Zahnspangen. Untersuchungen von Skeletten bestätigten ihm diese Beobachtung.
Für die Indianer gab es einen eindeutigen Zusammenhang: der geschlossene Mund, die gute Gesundheit, die körperliche Kraft, der Schutz der Zähne und sogar das gute Aussehen.
Catlin schildert ein Ereignis, an das er sich lebhaft erinnerte. Es trug sich an den oberen Ufern des Missouri zu, in der Nähe eines Sioux-Dorfes. Ein Krieger der Sioux und ein Pelzhändler waren in einen erbitterten Streit geraten. Schließlich kamen sie überein, sich in der offenen Prärie zu treffen. Nur mit Messern bewaffnet wollten sie den Konflikt auf Leben und Tod austragen.
Als beide zum vereinbarten Ort erschienen, gelang es, die Auseinandersetzung im letzten Moment zu beenden, noch bevor die Männer aufeinander losgingen.
Catlin fragte den Sioux-Krieger später, ob er keine Angst verspürt habe, dem Weißen gegenüberzutreten, der ihm an Größe und körperlicher Stärke überlegen schien. Der Krieger antwortete:
„Nein, nicht im Geringsten. Ich fürchte niemals Schaden von einem Mann, der seinen Mund nicht schließen kann – ganz gleich, wie groß oder wie stark er sein mag.“
Schlaf, Haltung und Körper
Catlin beschreibt auch die Schlafhaltung von Erwachsenen. Die Schlafenden lagen meist auf dem Rücken, eingewickelt in Decken, der Kopf ruhte auf einer kleinen Stütze, manchmal wae das ein Kissen, manchmal ein Stück Holz oder ein Stein. Der Kopf sank nie unter die Höhe der Wirbelsäule. Schultern und Rücken lagen gerade.

George Catlin Zeichnungen aus seinem Buch The Breath of Life, or Mal-Respiration, and Its Effects upon the Enjoyments & Life of Man (1864) zeigen ein Kleinkind in einem sogenannten “Craddleboard” und einen schlafenden Erwachsenen
Andere schliefen auf dem Bauch, der Kopf auf den gekreuzten Armen.
Für Catlin war diese Körperhaltung ein weiterer Grund dafür, dass der Mund im Schlaf geschlossen blieb. Er führte auch die aufrechte Haltung und das Fehlen von Wirbelsäulenverkrümmungen auf diese Schlafgewohnheiten zurück.
Die Beobachtung, dass Tiere den Mund ebenfalls meist geschlossen halten und dass kein Tier mit offenem Mund schläft, wurde für ihn zu einem zentralen Bild. Er vermerkt:
„There is no animal in nature, excepting man, that sleeps with the mouth open.“
(„Es gibt kein Tier in der Natur, mit Ausnahme des Menschen, das mit einem offenen Mund schläft.“)
Catlins eigene Erfahrung
Besonders eindrücklich wird Catlins Buch dort, wo er von sich selbst erzählt. Als junger Mann litt er unter einer schwachen Konstitution. Die Ärzte führten dies auf eine Lungenerkrankung zurück. Seit seiner Kindheit schlief er mit offenem Mund, schnarchte, litt unter Albträumen.
Während seiner Jahre in der Wildnis war er Kälte, Feuchtigkeit, Malaria und körperlichen Entbehrungen ausgesetzt. Als er seine Tätigkeit als Maler in der freien wilden Natur aufnahm, erwachte er nachts mit Schmerzen, leidete an Entzündungen und Blutungen der Lunge. Seine Schwäche nahm zu und dann, eines Tages, gebettet auf Büffelfellen an den feucht-kalten Ufern des Missouri, traf er eine Entscheidung: Er nahm sich vor, tagsüber und auch während des Schlafs in der Nacht bewusst den Mund geschlossen zu halten.
Mit der Zeit wurde es zu seiner Gewohnheit. Und Catlin beschreibt, dass sich seine Gesundheit erheblich verbesserte — trotz aller Belastungen auf seinen vielen Reisen und dem harten Leben in der Natur. Er fühlte sich kräftiger, widerstandsfähiger und vitaler als je zuvor. Für ihn war das kein Zufall, sondern eine Bestätigung seiner Beobachtungen und das Ergebnis der Änderungen seines Verhaltens: das bewusste Geschlossenhalten seines Mundes.
Catlins Sprache ist die eines Mannes des 19. Jahrhunderts: direkt, bildhaft, manchmal drastisch. Seine Stärke liegt nicht in theoretischen Erklärungen, sondern in der Konsequenz seiner Beobachtungen. Er beschreibt, was er sieht, immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Man muss seine Schlussfolgerungen nicht vollständig teilen, um zu spüren, dass er etwas berührt, das lange kaum beachtet wurde: die Rolle des Schlafs, der Atmung und der Gewohnheiten, die wir kaum hinterfragen.
Wir sollten uns der Frage stellen: Was wussten diese damals noch natürlich lebenden Völker, was uns bereits vor langer Zeit verloren gegangen ist?
Was man heute über Nasenatmung und geschlossenem Mund während des Schlafes weiß
Als meine Freundin das Stichwort „CO₂-Haushalt” fallen ließ, dachte ich zunächst: CO₂? Das ist doch das Gas, das wir ausatmen, ein Abfallprodukt. Was soll daran wichtig sein?
Aber genau hier steckt die Überraschung.
CO₂ ist kein bloßes Abfallprodukt. Es ist ein Botenstoff, der im Körper eine entscheidende Rolle spielt. Er signalisiert dem Blut, wann und wo es Sauerstoff abgeben soll. Ohne ausreichend CO₂ hält das Blut seinen Sauerstoff fest, anstatt ihn ans Gewebe weiterzugeben. Diesen Zusammenhang entdeckte der dänische Physiologe Christian Bohr bereits um 1900. Er ist heute als der Bohr-Effekt bekannt.
Der Bohr-Effekt, CO₂ und was das für die Atmung bedeutet
Wer dauerhaft durch den Mund atmet, atmet in der Regel zu viel und zu schnell und atmet dabei mehr CO₂ aus, als es gut für den Körper ist. Der CO₂-Spiegel im Blut sinkt.
Und paradoxerweise bedeutet das: Das Gewebe bekommt weniger Sauerstoff, nicht mehr. Auch wenn wir viel über den Mund einatmen, wird der Köper schlechter mit Sauerstoff versorgt.
Nasenatmung dagegen verlangsamt und reguliert den Atemfluss auf natürliche Weise. Die engeren Nasengänge bremsen, die Nase produziert Stickstoffmonoxid, das die Blutgefäße weitet und der CO₂-Spiegel bleibt stabiler. Das Ergebnis: eine ruhigere, tiefere Sauerstoffversorgung der Zellen.
Das klingt abstrakt. Aber dann dachte ich an meine Freundin: ihre strahlenden Augen, ihre jugendlichere Ausstrahlung. Und ich fragte mich: Könnte es sein, dass auch die Haut davon profitiert? Dass bessere Durchblutung, stabilerer CO₂-Haushalt und Nasenatmung zusammenhängen?
Neuere Forschung deutet tatsächlich in diese Richtung. CO₂ wirkt als „Vasodilatator“. Das bedeutet, es weitet Blutgefäße und fördert die Durchblutung bis in die feinsten Kapillaren der Haut. Therapeutische Anwendungen mit CO₂ – sogenannte Carboxytherapie – werden in der ästhetischen Medizin bereits zur Hautverjüngung, zur Anregung der Kollagenproduktion und zur Behandlung von Narben und Cellulite eingesetzt.
CO₂-reiche Thermalquellen galten schon in der Antike als heilsam für Haut und Kreislauf.

Catlin konnte das nicht wissen. Er kannte keine Begriffe wie „Bohr-Effekt” oder „Vasodilatator”. Aber er sah: Die Menschen, die mit geschlossenem Mund schliefen, wirkten gesünder, vitaler und sichtlich jünger, hatten keine Runzeln, alle Haare und Zähne und einen aufrechten Gang auch noch im Alter.
Das sagen Menschen, die es ausprobiert haben
Was Catlin vor mehr als 150 Jahren entdeckte, beschäftigt heute Forscher, Ärzte, Therapeuten und gesundheitsinteressierte Laien wie mich: das bewusste Geschlossenhalten des Mundes während des Tages und in der Nacht das Zukleben des Mundes — auch unter „Mouth Taping“ bekannt — kann positive Effekte hervorrufen. Hier einige dieser positiven Effekte, wie es jene berichten, die es über einen längeren Zeitraum versucht haben:
- Weniger trockener Mund am Morgen: viele Menschen erzählen, dass ihre Lippen und Schleimhäute nicht mehr so ausgetrocknet sind
- Reduziertes Schnarchen: selbst wenn nicht bei allen, berichten einige, dass ihre Partner ruhiger schlafen können
- Weniger Mundgeruch/verbesserte Mundflora: weil der Speichel nicht so stark verdunstet und weniger trockene Stellen im Mund entstehen
- Gefühl von „ruhigerem Schlaf“: viele berichten, sie würden sich am nächsten Morgen subjektiv ausgeruhter fühlen
- Alltagsgefühl von „mehr Ausgeglichenheit“: viele berichten von dem Gefühl, sie würden sich auch tagsüber ausgeglichener, weniger gestresst fühlen; dies kennt man auch aus der allgemeinen Atemforschung: langsames, eher nasales Atmen wird oft mit besserer Stressregulation in Verbindung gebracht.
Ein zentraler Punkt hinter vielen dieser Berichte ist die Idee, dass Nasenatmung physiologisch sinnvoller sein kann als dauerndes Atmen durch den Mund:
Die Nase filtert, erwärmt und befeuchtet die Luft, produziert Stickstoffmonoxid (das unter anderem die Durchblutung unterstützt) und kann zusammen mit einer ruhigen Atmung zu einem allgemein entspannteren Schlaf beitragen.
Forschung & Kontext – was man aus Studien bisher wirklich sagen kann
Die wissenschaftliche Lage zu „Mouth Taping“ ist derzeit noch überschaubar und uneinheitlich, auch wenn das Thema in den letzten Jahren stark an Aufmerksamkeit gewonnen hat. Es existieren nur wenige Studien, meist mit kleinen Teilnehmerzahlen, und keine breite Datenbasis, aus der sich allgemeingültige Aussagen für alle Menschen ableiten ließen.
Einige Untersuchungen liefern dennoch interessante Hinweise: In einer klinischen Studie zeigte sich, dass Mouth Taping bei Menschen mit leichter obstruktiver Schlafapnoe, die nachts überwiegend durch den Mund atmen, Schnarchen und bestimmte Atemstörungen im Schlaf reduzieren konnte. Wichtig ist dabei: Diese Effekte traten in einer klar abgegrenzten Gruppe auf und lassen sich nicht automatisch auf alle übertragen.
Gleichzeitig zeigen Übersichtsarbeiten und Reviews, dass viele Studien keine oder nur geringe messbare Unterschiede zwischen Mouth-Taping und Kontrollgruppen feststellen konnten. Die Ergebnisse schwanken stark, manche Teilnehmende profitierten, andere überhaupt nicht. Zudem weisen Forschende darauf hin, dass viele Studien methodische Einschränkungen haben, etwa kurze Beobachtungszeiträume oder geringe Stichproben.
Eine sogenannte Scoping Review, die auch den Hype in sozialen Medien einordnet, kommt zu einem nüchternen Gesamtbild: Zahlreiche positive Effekte, die online genannt werden – von mehr Energie über besseren Schlaf bis hin zu Haut- oder Immunvorteilen – beruhen überwiegend auf Erfahrungsberichten und sind bislang nicht durch kontrollierte Studien abgesichert.
Zusammenfassend kann man also sagen, dass es Hinweise darauf, gibt dass Mouth Taping unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll sein kann, etwa bei ausgeprägtem nächtlichem Mundatmen. Ein allgemeingültiger Nachweis für umfassende gesundheitliche Vorteile fehlt jedoch bislang und viele der kursierenden Versprechen gehen deutlich über das hinaus, was die aktuelle Forschung hergibt.
Worauf sollte man achten, wenn man es selbst ausprobieren möchte?
Hier meine Tipps für dich, wenn du es selbst ausprobieren möchtest:
- Nasenatmung funktioniert?
Bevor du dir den Mund in der Nacht zuklebst, überprüfe unbedingt, ob du bei geschlossenem Mund durch die Nase frei atmen kannst. - Pflaster-Material wählen:
Wähle ein hautfreundliches, atmungsaktives Pflaster, das sich leicht entfernen lässt. - Zuerst am Tag testen:
Probiere es eine kurze Zeit tagsüber aus, nur um zu spüren, ob Du Dich damit wohlfühlst und steigere dann diese Zeit langsam. - Bei einem Nickerchen testen:
Wenn du untertags ein Nikerchen machst, ist das eine gute Gelegenheit, es während einer kurzen Schlafperiode auszuprobieren - Keine Wunder-Versprechen:
Es ist kein „Quick Fix“ für bessere Gesundheit, sondern eher ein kleiner Anstoß, um eine vorwiegende Nasenatmung zu versuchen. Ergebnisse können von Mensch zu Mensch stark variieren. - Geschlossener Mund — auch ohne Zukleben:
Meine Empfehlung: Wann immer du daran denkst, versuche den Mund geschlossen zu halten, mache es zu deiner Gewohnheit und beobachte, wie es dir dabei geht..
Wichtiger Hinweis vor dem Ausprobieren
Mouth Taping ist nicht für jeden geeignet. Wer unter Schlafapnoe, stark verlegter Nase, Angstzuständen oder Atemproblemen leidet, sollte vorher unbedingt ärztlichen Rat einholen. Höre auf deinen Körper und im Zweifel: lieber erst mit dem Arzt sprechen.
Ergebnis meines Selbstversuchs
Meine Versuche begannen damit, dass ich untertags zu Hause mir immer wieder mal den Mund mit einem Pflaster für kurze Zeit zuklebte. Ich habe dabei verschiedene Pflaster ausprobiert, um ein angenehmes Material zu finden, das beim Abziehen nicht schmerzte. Ich begann mit wenigen Minuten und steigerte dies bis zu einer Stunde. Eine Stunde ist eine lange Zeit, den Mund zu halten 😉
Und nach ein paar Tagen wagte ich den Versuch, es auch in der Nacht vor dem Schlafengehen zu versuchen. Und siehe da: es klappte problemlos. In Tagen, wo ich eine verstopfte Nase hatte, verzichtete ich darauf und manchmal hatte ich auf das Pflaster vor dem Schlaf auch vergessen.
Es ist nun mehr als ein halbes Jahr her, dass ich damit begonnen habe, mir den Mund in der Nacht zuzukleben. Dies sind die Effekte, die ich bei mir bemerkt habe: Ich …
- brauche weniger Schlaf
- fühle mich in der Früh ausgeruhter
- fühle mich auch untertags gelassener
- habe das Gefühl, dass ich untertags mehr Energie habe
Was ich außerdem bei mir beobachtet habe: Auch untertags habe ich die Gewohnheit entwickelt, den Mund geschlossen zu halten, wenn ich nicht spreche oder esse.
Selbstverständlich kann ich nicht sagen, dass diese Effekte auf das Zukleben des Mundes in der Nacht zurückzuführen sind, es gibt vielerlei Aspekte, die zu diesen Ergebnissen geführt haben mögen. Wenn jemand dazu meint, dass dies nur Placebo-Effekte seinen, kann ich das nicht widerlegen. Und ganz nüchtern betrachtet, bringen auch die Studienergebnisse so manche Tendenzen, aber keine eindeutigem Ergebnisse.
Werde ich mir weiter den Mund in der Nacht zukleben? Ja, das werde ich. Ich habe vor, das solange zu machen, bis ich den Eindruck habe, dass es mir zur Gewohnheit geworden ist, mit geschlossenem Mund zu schlafen.
Warum ich das mache? Weil ich einerseits den Eindruck habe, dass es meine Gesundheit und mein Wohlbefinden auf eine positive Art und Weise beeinflusst. Außerdem haben mich die Berichte von George Catlin sehr beeindruckt und mich zumindest überzeugt, dieses Experiment zu wagen. Es kostet ja nichts und ich kann dabei nur gewinnen: einmal an Erfahrung und zum anderen — wer weiiß? — an Gesundheit.
Was ursprünglich lebende Völker noch wussten
Catlin hatte keine Labore, keine Messgeräte und keine Studien. Er hatte seine Augen, seinen unvoreingenommen Forschergeist und die Bereitschaft, wirklich hinzuschauen, ohne zu werten.
Was er sah, war eigentlich ganz einfach: Menschen, die im Einklang mit ihrem Körper lebten, schliefen, atmeten und sich bewegten. Sie gaben ihren Kindern von Geburt an etwas mit, das wir heute mühsam wiederentdecken müssen.
Diese Völker hatten kein Wort für den Bohr-Effekt oder für Kindersterblichkeit. Sie wussten aus Erfahrung und aus der Weitergabe über Generationen, dass der geschlossene Mund etwas bewirkt:Vitalität, gutes Aussehen und ein langes Leben.
Ich denke an meine Freundin im Wiener Café zurück: an ihre strahlenden Augen und das leicht genervte Gesicht, als ich lachte.
Sie hatte einen offenen Geist für ein schräges Experiment. Sie hatte etwas wiedergefunden, das eigentlich nie hätte verloren gehen sollen. Und sie hat in mir eine Erkenntnis reifen lassen:
Was uns weiterbringt, ist manchmal nicht die Suche nach Neuem, sondern die Rückkehr zu altem Wissen.
Angelika Froech
Quellen & weiterführende Links
Dieser Artikel stützt sich auf eigene Recherchen und Erfahrungen sowie auf folgende Quellen:
Das Buch von George Catlin:
- George Catlin: The Breath of Life, or Mal-Respiration, and Its Effects upon the Enjoyments & Life of Man (1864) – heute gemeinfrei, im Original abrufbar auf archive.org:
➪ https://archive.org/details/breathoflifeorma00catl/page/n7/mode/2up
(Das Buch wurde später umbenannt in: Shut Your Mouth and Save Your Life.)
Weiterführende Informationen zu CO₂, Atmung und Gesundheit:
- Conscious Breathing Institute (Schweden): https://www.consciousbreathing.com
Zum Thema Mouth Taping und Schlaf:
- Lee YC et al. (2022): The Impact of Mouth-Taping in Mouth-Breathers with Mild Obstructive Sleep Apnea: A Preliminary Study. Healthcare (Basel):
➪ https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9498537/ - Rhee J et al. (2025): Breaking social media fads and uncovering the safety and efficacy of mouth taping. PLOS One.
➪ https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0323643
Zum Thema Nasenatmung und Stickstoffmonoxid:
- Lundberg JO et al. (2002): Nasal and oral contribution to inhaled and exhaled nitric oxide. European Respiratory Journal ➪ https://publications.ersnet.org/content/erj/19/5/859
Bildquellen:
- Alle Gemälde und Zeichnungen von George Catlin sind gemeinfrei
- Grafik “Bohr-Effekt” erstellt von der Autorin, basierend auf einer KI-Zusammenarbeit