Juni 7, 2026

Schließe den Mund und verlängere dein Leben - was George Catlin bei indigenen Völkern beobachtet hatte, wovon wir heute profitieren können

Let­zten Som­mer traf ich eine liebe Fre­undin nach Monat­en endlich wieder ein­mal zu einem Früh­stück in unserem Wiener Stamm­café. Schon beim ersten Blick fiel mir auf, dass sie sich verän­dert hat­te. Ihre Augen strahlten, sie wirk­te jünger, vitaler, präsenter.

Wir unter­hiel­ten uns wie immer über alles Mögliche – darüber, was in unserem Leben seit dem let­zten Tre­f­fen passiert war. Und dann erzählte sie mir ganz neben­bei, dass sie sich abends vor dem Schlafenge­hen den Mund mit einem Pflaster zuklebt.

Ich lachte. Ich dachte, sie mache einen Scherz.

Sie sah mich gen­ervt an. Es war keiner.

Wie bitte? Warum sollte jemand so etwas tun? Wer kommt auf die Idee, sich nachts den Mund zuzukleben?

Doch sie meinte es ernst. Und weil sie seit vie­len Jahren meine Fre­undin ist – eine Frau mit manch­mal ungewöhn­lichen, aber stets durch­dacht­en Ideen –, wusste ich: Da ist etwas dran. Auch wenn es im ersten Moment ver­rückt klingt.

Sie bestätigte meinen ersten Ein­druck. Sie sehe nicht nur vitaler aus, erzählte sie, sie füh­le sich auch so. Ihr Schlaf habe sich verbessert, ihre Gesund­heit sta­bil­isiert. Und auch psy­chisch sei sie deut­lich gelassen­er und pos­i­tiv­er als früher.

Auf meine Fra­gen hin erk­lärte sie mir, wie sie auf diese Meth­ode gestoßen war. 

Sie nan­nte mir das schwedis­che Con­scious Breath­ing Insti­tute – ein Insti­tut, das sich seit Jahren inten­siv mit genau diesem The­ma beschäftigt: mit der Frage, was bewusste Atmung im Kör­p­er bewirkt, und warum Nase­n­at­mung so viel mehr ist als eine bloße Gewohnheit.

Mein Inter­esse war geweckt. Ich notierte mir die Inter­ne­tadresse, machte mir ein paar Stich­worte zu ihrer Vorge­hensweise und sagte schließlich: Und wenn es noch so selt­sam klingt, das muss ich ausprobieren.

Also begann ich selb­st damit. Zunächst vor­sichtig, mit einem Pflaster, das nicht voll­ständig abdichtete, sodass ich not­falls noch durch den Mund atmen kon­nte. Nach etwa einer Woche nahm ich dann ein Pflaster, das den Mund tat­säch­lich schloss. Ich atmete nachts nur noch durch die Nase.

Von meinen eige­nen Erfahrun­gen mit diesem Exper­i­ment erzäh­le ich später. Zuerst möchte ich von etwas anderem bericht­en, das ich im Zuge mein­er Recherchen zu diesem The­ma ent­deck­te – etwas, wom­it ich niemals gerech­net hatte.

Denn die Spur führte mich nicht zu ver­schiede­nen mod­er­nen Rat­ge­bern, son­dern zu einem schmalen Buch aus dem 19. Jahrhun­dert. Geschrieben von einem Mann, den ich bis dahin vor allem als bedeu­ten­den Maler kan­nte – und dessen Blick auf Gesund­heit aus einer völ­lig anderen Rich­tung kam.

Der Mann, der dieses Buch schrieb, hieß George Catlin (1796–1872).


George Catlin: der Maler, der eine ungewöhn­liche Ent­deck­ung macht

Geboren 1796 in Penn­syl­va­nia, begann George Catlin sein Beruf­sleben als Jurist, bevor er sich ganz der Malerei zuwandte. Berühmt wurde er als Kün­stler, der das Leben indi­gen­er Völ­ker Nor­damerikas doku­men­tierte – zu einer Zeit, in der diese Welt bere­its mas­siv unter Druck ger­at­en war.

Zwi­schen den 1830er- und 1860er-Jahren bereiste Catlin weite Teile Nord‑, Mit­tel- und Südamerikas. Er besuchte mehr als 150 Stämme, lebte bei vie­len von ihnen über län­gere Zeit, beobachtete ihren All­t­ag, ihre Ernährung, ihre Rit­uale und malte. Hun­derte Porträts und All­t­agsszenen ent­standen auf diesen Reisen. Für manche Kul­turen sind es heute die weni­gen bildlichen Zeug­nisse ihrer dama­li­gen Lebensweise.

Was dabei oft überse­hen wird: Catlin war nicht nur Maler. Er war ein genauer, geduldiger Beobachter. Und ihm fiel etwas auf, das ihn nicht mehr losließ.

George Catlin, gemalt von William Fisk, 1849

George Catlin, gemalt von William Fisk, 1849

Während er in den Städten Europas und Nor­damerikas Krankheit, frühe Sterblichkeit und kör­per­liche Defor­ma­tio­nen als all­ge­gen­wär­tig erlebte, begeg­nete er in vie­len indi­ge­nen Gemein­schaften Men­schen, die bis ins hohe Alter kräftig, beweglich und vital wirk­ten. Sie behiel­ten ihre Zähne, ihre Beweglichkeit, ihren aufrecht­en Gang und hat­ten kaum Runzeln.

Er stellte sich eine ein­fache, aber unbe­queme Frage:

Wie kon­nte es sein, dass Gesellschaften, die man in sein­er Zeit „prim­i­tiv“ nan­nte, ohne mod­erne Medi­zin oft gesün­der erschienen als jene, die sich für fortschrit­tlich hielten?

Kinder, Schlaf und Sterblichkeit

Catlin begin­nt seine Über­legun­gen nicht bei Erwach­se­nen, son­dern bei Kindern. Er ver­weist auf die Sterblichkeitssta­tis­tiken der europäis­chen Städte sein­er Zeit: In Lon­don, Man­ches­ter oder Stock­holm erre­ichte nur die Hälfte aller Kinder das fün­fte Leben­s­jahr. Von den übri­gen starb wiederum etwa die Hälfte, bevor sie fün­fundzwanzig wurde. Nur einer von vier hat­te über­haupt die Chance, älter zu werden.

Dem stellte Catlin seine Beobach­tun­gen in indi­ge­nen Gemein­schaften gegenüber. Dort, so berichtet er, sei Säuglings- und Kinder­sterblichkeit ein seltenes Ereig­nis gewe­sen – abge­se­hen von Unfällen oder eingeschleppten Krankheit­en. Häuptlinge erzählten ihm, dass Tot- oder Fehlge­burten kaum bekan­nt gewe­sen seien; manche Frauen hät­ten den Begriff nicht ein­mal gekannt.

Ein Sioux-Häuptling mit dem Namen Sleepy Eyes berichtete Catlin, dass in sein­er rund 1.500 Men­schen umfassenden Gemein­schaft in vie­len Jahren nur wenige Kinder durch Unfälle ums Leben gekom­men seien. Ähn­lich­es hörte Catlin von den Man­dan am Ober­lauf des Mis­souri, einem Volk mit mehreren Tausend Ange­höri­gen und auch von den Pawnee: Der Tod eines Kindes unter zehn Jahren sei äußerst selten.

George Catlin: Sioux-Dorf, 1850

George Catlin: Sioux-Dorf, 1850

Dort, wo sich Gemein­schaften bere­its der „Zivil­i­sa­tion“ angenähert hat­ten, erkan­nte Catlin einen Unter­schied. Häuptlinge der Osagen, Win­neba­go oder Kaskask­ia erzählten ihm, dass Kinder­sterblichkeit erst mit Alko­hol, verän­derten Lebensweisen und eingeschleppten Krankheit­en aufge­treten sei,

Der geschlossene Mund als Gewohnheit

Catlin beschreibt in seinem Buch “The breath of life” (“Der Atem des Lebens”) von 1864 immer wieder Szenen, in denen Müt­ter ihren Säuglin­gen nach dem Stillen die Lip­pen schließen, sobald diese eingeschlafen sind. Auf seine Nach­fra­gen erhielt er stets dieselbe Antwort:

Man tue dies, „um gutes Ausse­hen zu sich­ern und das Leben zu verlängern“.

Die Kinder lagen häu­fig auf soge­nan­nten Cradle­boards, flach gebet­tet, mit einer kleinen Stütze unter dem Kopf. Der Kopf war leicht vor­geneigt, der Mund blieb geschlossen.

Auch bei Erwach­se­nen fiel ihm diese Selb­stver­ständlichkeit auf. Der Mund wurde zum Sprechen oder Essen geöffnet – nicht beim Schlafen, nicht beim Lächeln, nicht bei Anstren­gung und auch nicht im Zorn.

George Catlin: Frau mit Baby in einem Creddleboard, 1835

George Catlin: Frau mit Baby in einem Cred­dle­board, 1835

Catlin stellte fest, dass viele ältere Men­schen noch voll­ständi­ge, gesunde Gebisse hat­ten – ohne Zahn­bürsten, Zah­närzte oder Zahnspan­gen. Unter­suchun­gen von Skelet­ten bestätigten ihm diese Beobachtung. 

Für die Indi­an­er gab es einen ein­deuti­gen Zusam­men­hang: der geschlossene Mund, die gute Gesund­heit, die kör­per­liche Kraft, der Schutz der Zähne und sog­ar das gute Aussehen.

Catlin schildert ein Ereig­nis, an das er sich leb­haft erin­nerte. Es trug sich an den oberen Ufern des Mis­souri zu, in der Nähe eines Sioux-Dor­fes. Ein Krieger der Sioux und ein Pelzhändler waren in einen erbit­terten Stre­it ger­at­en. Schließlich kamen sie übere­in, sich in der offe­nen Prärie zu tre­f­fen. Nur mit Messern bewaffnet woll­ten sie den Kon­flikt auf Leben und Tod austragen.

Als bei­de zum vere­in­barten Ort erschienen, gelang es, die Auseinan­der­set­zung im let­zten Moment zu been­den, noch bevor die Män­ner aufeinan­der losgingen.

Catlin fragte den Sioux-Krieger später, ob er keine Angst ver­spürt habe, dem Weißen gegenüberzutreten, der ihm an Größe und kör­per­lich­er Stärke über­legen schien. Der Krieger antwortete:

„Nein, nicht im Ger­ing­sten. Ich fürchte niemals Schaden von einem Mann, der seinen Mund nicht schließen kann – ganz gle­ich, wie groß oder wie stark er sein mag.“

Schlaf, Hal­tung und Körper

Catlin beschreibt auch die Schlafhal­tung von Erwach­se­nen. Die Schlafend­en lagen meist auf dem Rück­en, eingewick­elt in Deck­en, der Kopf ruhte auf einer kleinen Stütze, manch­mal wae das ein Kissen, manch­mal ein Stück Holz oder ein Stein. Der Kopf sank nie unter die Höhe der Wirbel­säule. Schul­tern und Rück­en lagen gerade.

George Catlin Zeich­nun­gen aus seinem Buch The Breath of Life, or Mal-Res­pi­ra­tion, and Its Effects upon the Enjoy­ments & Life of Man (1864) zeigen ein Kleinkind in einem soge­nan­nten “Crad­dle­board” und einen schlafend­en Erwachsenen

Andere schliefen auf dem Bauch, der Kopf auf den gekreuzten Armen. 

Für Catlin war diese Kör­per­hal­tung ein weit­er­er Grund dafür, dass der Mund im Schlaf geschlossen blieb. Er führte auch die aufrechte Hal­tung und das Fehlen von Wirbel­säu­len­verkrüm­mungen auf diese Schlafge­wohn­heit­en zurück.

Die Beobach­tung, dass Tiere den Mund eben­falls meist geschlossen hal­ten und dass kein Tier mit offen­em Mund schläft, wurde für ihn zu einem zen­tralen Bild. Er vermerkt:

„There is no ani­mal in nature, except­ing man, that sleeps with the mouth open.“  
(„Es gibt kein Tier in der Natur, mit Aus­nahme des Men­schen, das mit einem offe­nen Mund schläft.“)

Catlins eigene Erfahrung

Beson­ders ein­drück­lich wird Catlins Buch dort, wo er von sich selb­st erzählt. Als junger Mann litt er unter einer schwachen Kon­sti­tu­tion. Die Ärzte führten dies auf eine Lun­generkrankung zurück. Seit sein­er Kind­heit schlief er mit offen­em Mund, schnar­chte, litt unter Albträumen.

Während sein­er Jahre in der Wild­nis war er Kälte, Feuchtigkeit, Malar­ia und kör­per­lichen Ent­behrun­gen aus­ge­set­zt. Als er seine Tätigkeit als Maler in der freien wilden Natur auf­nahm, erwachte er nachts mit Schmerzen, lei­dete an Entzün­dun­gen und Blu­tun­gen der Lunge. Seine Schwäche nahm zu und dann, eines Tages, gebet­tet auf Büf­felfellen an den feucht-kalten Ufern des Mis­souri, traf er eine Entschei­dung: Er nahm sich vor, tagsüber und auch während des Schlafs in der Nacht bewusst den Mund geschlossen zu halten.

Mit der Zeit wurde es zu sein­er Gewohn­heit. Und Catlin beschreibt, dass sich seine Gesund­heit erhe­blich verbesserte — trotz aller Belas­tun­gen auf seinen vie­len Reisen und dem harten Leben in der Natur. Er fühlte sich kräftiger, wider­stands­fähiger und vitaler als je zuvor. Für ihn war das kein Zufall, son­dern eine Bestä­ti­gung sein­er Beobach­tun­gen und das Ergeb­nis der Änderun­gen seines Ver­hal­tens: das bewusste Geschlossen­hal­ten seines Mundes.

Catlins Sprache ist die eines Mannes des 19. Jahrhun­derts: direkt, bild­haft, manch­mal drastisch. Seine Stärke liegt nicht in the­o­retis­chen Erk­lärun­gen, son­dern in der Kon­se­quenz sein­er Beobach­tun­gen. Er beschreibt, was er sieht, immer wieder aus unter­schiedlichen Blickwinkeln.

Man muss seine Schlussfol­gerun­gen nicht voll­ständig teilen, um zu spüren, dass er etwas berührt, das lange kaum beachtet wurde: die Rolle des Schlafs, der Atmung und der Gewohn­heit­en, die wir kaum hinterfragen.

Wir soll­ten uns der Frage stellen: Was wussten diese damals noch natür­lich leben­den Völ­ker, was uns bere­its vor langer Zeit ver­loren gegan­gen ist?


Was man heute über Nase­n­at­mung und geschlossen­em Mund während des Schlafes weiß

Als meine Fre­undin das Stich­wort „CO₂-Haushalt” fall­en ließ, dachte ich zunächst: CO₂? Das ist doch das Gas, das wir ausat­men, ein Abfall­pro­dukt. Was soll daran wichtig sein?

Aber genau hier steckt die Überraschung.

CO₂ ist kein bloßes Abfall­pro­dukt. Es ist ein Boten­stoff, der im Kör­p­er eine entschei­dende Rolle spielt. Er sig­nal­isiert dem Blut, wann und wo es Sauer­stoff abgeben soll. Ohne aus­re­ichend CO₂ hält das Blut seinen Sauer­stoff fest, anstatt ihn ans Gewebe weit­erzugeben. Diesen Zusam­men­hang ent­deck­te der dänis­che Phys­i­ologe Chris­t­ian Bohr bere­its um 1900. Er ist heute als der Bohr-Effekt bekannt.

Der Bohr-Effekt, CO₂ und was das für die Atmung bedeutet

Wer dauer­haft durch den Mund atmet, atmet in der Regel zu viel und zu schnell und atmet dabei mehr CO₂ aus, als es gut für den Kör­p­er ist. Der CO₂-Spiegel im Blut sinkt.

Und para­dox­er­weise bedeutet das: Das Gewebe bekommt weniger Sauer­stoff, nicht mehr. Auch wenn wir viel über den Mund einat­men, wird der Köper schlechter mit Sauer­stoff ver­sorgt.

Nase­n­at­mung dage­gen ver­langsamt und reg­uliert den Atem­fluss auf natür­liche Weise. Die engeren Nasen­gänge brem­sen, die Nase pro­duziert Stick­stoff­monox­id, das die Blut­ge­fäße weit­et und der CO₂-Spiegel bleibt sta­bil­er. Das Ergeb­nis: eine ruhigere, tief­ere Sauer­stof­fver­sorgung der Zellen.

Das klingt abstrakt. Aber dann dachte ich an meine Fre­undin: ihre strahlen­den Augen, ihre jugendlichere Ausstrahlung. Und ich fragte mich: Kön­nte es sein, dass auch die Haut davon prof­i­tiert? Dass bessere Durch­blu­tung, sta­bil­erer CO₂-Haushalt und Nase­n­at­mung zusammenhängen?

Neuere Forschung deutet tat­säch­lich in diese Rich­tung. CO₂ wirkt als „Vasodi­lata­tor“. Das bedeutet, es weit­et Blut­ge­fäße und fördert die Durch­blu­tung bis in die fein­sten Kap­il­laren der Haut. Ther­a­peutis­che Anwen­dun­gen mit CO₂ – soge­nan­nte Car­boxyther­a­pie – wer­den in der ästhetis­chen Medi­zin bere­its zur Hautver­jün­gung, zur Anre­gung der Kol­la­gen­pro­duk­tion und zur Behand­lung von Nar­ben und Cel­lulite einge­set­zt.
CO₂-reiche Ther­malquellen gal­ten schon in der Antike als heil­sam für Haut und Kreislauf.

Catlin kon­nte das nicht wis­sen. Er kan­nte keine Begriffe wie „Bohr-Effekt” oder „Vasodi­lata­tor”. Aber er sah: Die Men­schen, die mit geschlossen­em Mund schliefen, wirk­ten gesün­der, vitaler und sichtlich jünger, hat­ten keine Run­zeln, alle Haare und Zähne und einen aufrecht­en Gang auch noch im Alter.

Das sagen Men­schen, die es aus­pro­biert haben

Was Catlin vor mehr als 150 Jahren ent­deck­te, beschäftigt heute Forsch­er, Ärzte, Ther­a­peuten und gesund­heitsin­ter­essierte Laien wie mich: das bewusste Geschlossen­hal­ten des Mundes während des Tages und in der Nacht das Zuk­leben des Mundes — auch unter „Mouth Tap­ing“ bekan­nt — kann pos­i­tive Effek­te her­vor­rufen. Hier einige dieser pos­i­tiv­en Effek­te, wie es jene bericht­en, die es über einen län­geren Zeitraum ver­sucht haben:

  • Weniger trock­en­er Mund am Mor­gen: viele Men­schen erzählen, dass ihre Lip­pen und Schleimhäute nicht mehr so aus­getrock­net sind
  • Reduziertes Schnar­chen: selb­st wenn nicht bei allen, bericht­en einige, dass ihre Part­ner ruhiger schlafen können 
  • Weniger Mundgeruch/verbesserte Mund­flo­ra: weil der Spe­ichel nicht so stark ver­dun­stet und weniger trock­ene Stellen im Mund entstehen 
  • Gefühl von „ruhigerem Schlaf“:  viele bericht­en, sie wür­den sich am näch­sten Mor­gen sub­jek­tiv aus­geruhter fühlen
  • All­t­ags­ge­fühl von „mehr Aus­geglichen­heit“: viele bericht­en von dem Gefühl, sie wür­den sich auch tagsüber aus­geglich­en­er, weniger gestresst fühlen; dies ken­nt man auch aus der all­ge­meinen Atem­forschung: langsames, eher nasales Atmen wird oft mit besser­er Stress­reg­u­la­tion in Verbindung gebracht.

Ein zen­traler Punkt hin­ter vie­len dieser Berichte ist die Idee, dass Nase­n­at­mung phys­i­ol­o­gisch sin­nvoller sein kann als dauern­des Atmen durch den Mund

Die Nase fil­tert, erwärmt und befeuchtet die Luft, pro­duziert Stick­stoff­monox­id (das unter anderem die Durch­blu­tung unter­stützt) und kann zusam­men mit einer ruhi­gen Atmung zu einem all­ge­mein entspan­nteren Schlaf beitragen. 

Forschung & Kon­text – was man aus Stu­di­en bish­er wirk­lich sagen kann

Die wis­senschaftliche Lage zu „Mouth Tap­ing“ ist derzeit noch über­schaubar und unein­heitlich, auch wenn das The­ma in den let­zten Jahren stark an Aufmerk­samkeit gewon­nen hat. Es existieren nur wenige Stu­di­en, meist mit kleinen Teil­nehmerzahlen, und keine bre­ite Daten­ba­sis, aus der sich all­ge­me­ingültige Aus­sagen für alle Men­schen ableit­en ließen.

Einige Unter­suchun­gen liefern den­noch inter­es­sante Hin­weise: In einer klin­is­chen Studie zeigte sich, dass Mouth Tap­ing bei Men­schen mit leichter obstruk­tiv­er Schlafap­noe, die nachts über­wiegend durch den Mund atmen, Schnar­chen und bes­timmte Atem­störun­gen im Schlaf reduzieren kon­nte. Wichtig ist dabei: Diese Effek­te trat­en in einer klar abge­gren­zten Gruppe auf und lassen sich nicht automa­tisch auf alle übertragen.

Gle­ichzeit­ig zeigen Über­sicht­sar­beit­en und Reviews, dass viele Stu­di­en keine oder nur geringe mess­bare Unter­schiede zwi­schen Mouth-Tap­ing und Kon­troll­grup­pen fest­stellen kon­nten. Die Ergeb­nisse schwanken stark, manche Teil­nehmende prof­i­tierten, andere über­haupt nicht. Zudem weisen Forschende darauf hin, dass viele Stu­di­en method­is­che Ein­schränkun­gen haben, etwa kurze Beobach­tungszeiträume oder geringe Stichproben.

Eine soge­nan­nte Scop­ing Review, die auch den Hype in sozialen Medi­en einord­net, kommt zu einem nüchter­nen Gesamt­bild: Zahlre­iche pos­i­tive Effek­te, die online genan­nt wer­den – von mehr Energie über besseren Schlaf bis hin zu Haut- oder Immunvorteilen – beruhen über­wiegend auf Erfahrungs­bericht­en und sind bis­lang nicht durch kon­trol­lierte Stu­di­en abgesichert.

Zusam­men­fassend kann man also sagen, dass es Hin­weise darauf, gibt dass Mouth Tap­ing unter bes­timmten Voraus­set­zun­gen sin­nvoll sein kann, etwa bei aus­geprägtem nächtlichem Mun­dat­men. Ein all­ge­me­ingültiger Nach­weis für umfassende gesund­heitliche Vorteile fehlt jedoch bis­lang und viele der kur­sieren­den Ver­sprechen gehen deut­lich über das hin­aus, was die aktuelle Forschung hergibt.


Worauf sollte man acht­en, wenn man es selb­st aus­pro­bieren möchte?

Hier meine Tipps für dich, wenn du es selb­st aus­pro­bieren möchtest:

  • Nase­n­at­mung funk­tion­iert?
    Bevor du dir den Mund in der Nacht zuk­leb­st, über­prüfe unbe­d­ingt, ob du bei geschlossen­em Mund durch die Nase frei atmen kannst.
  • Pflaster-Mate­r­i­al wählen:
    Wäh­le ein haut­fre­undlich­es, atmungsak­tives Pflaster, das sich leicht ent­fer­nen lässt. 
  • Zuerst am Tag testen:
    Pro­biere es eine kurze Zeit tagsüber aus, nur um zu spüren, ob Du Dich damit wohlfühlst und steigere dann diese Zeit langsam.
  • Bei einem Nick­erchen testen:
    Wenn du untertags ein Nikerchen machst, ist das eine gute Gele­gen­heit, es während einer kurzen Schlaf­pe­ri­ode auszuprobieren
  • Keine Wun­der-Ver­sprechen:
    Es ist kein „Quick Fix“ für bessere Gesund­heit, son­dern eher ein klein­er Anstoß, um eine vor­wiegende Nase­n­at­mung zu ver­suchen. Ergeb­nisse kön­nen von Men­sch zu Men­sch stark variieren. 
  • Geschlossen­er Mund — auch ohne Zuk­leben:
    Meine Empfehlung: Wann immer du daran denkst, ver­suche den Mund geschlossen zu hal­ten, mache es zu dein­er Gewohn­heit und beobachte, wie es dir dabei geht.. 

⚠️ Wichtiger Hin­weis vor dem Ausprobieren

Mouth Tap­ing ist nicht für jeden geeignet. Wer unter Schlafap­noe, stark ver­legter Nase, Angstzustän­den oder Atem­prob­le­men lei­det, sollte vorher unbe­d­ingt ärztlichen Rat ein­holen. Höre auf deinen Kör­p­er und im Zweifel: lieber erst mit dem Arzt sprechen.


Ergeb­nis meines Selbstversuchs

Meine Ver­suche began­nen damit, dass ich untertags zu Hause mir immer wieder mal den Mund mit einem Pflaster für kurze Zeit zuk­lebte. Ich habe dabei ver­schiedene Pflaster aus­pro­biert, um ein angenehmes Mate­r­i­al zu find­en, das beim Abziehen nicht schmerzte. Ich begann mit weni­gen Minuten und steigerte dies bis zu einer Stunde. Eine Stunde ist eine lange Zeit, den Mund zu halten 😉

Und nach ein paar Tagen wagte ich den Ver­such, es auch in der Nacht vor dem Schlafenge­hen zu ver­suchen. Und siehe da: es klappte prob­lem­los. In Tagen, wo ich eine ver­stopfte Nase hat­te, verzichtete ich darauf und manch­mal hat­te ich auf das Pflaster vor dem Schlaf auch vergessen.

Es ist nun mehr als ein halbes Jahr her, dass ich damit begonnen habe, mir den Mund in der Nacht zuzuk­leben. Dies sind die Effek­te, die ich bei mir bemerkt habe: Ich …

  • brauche weniger Schlaf
  • füh­le mich in der Früh ausgeruhter
  • füh­le mich auch untertags gelassener
  • habe das Gefühl, dass ich untertags mehr Energie habe

Was ich außer­dem bei mir beobachtet habe: Auch untertags habe ich die Gewohn­heit entwick­elt, den Mund geschlossen zu hal­ten, wenn ich nicht spreche oder esse. 

Selb­stver­ständlich  kann ich nicht sagen, dass diese Effek­te auf das Zuk­leben des Mundes in der Nacht zurück­zuführen sind, es gibt viel­er­lei Aspek­te, die zu diesen Ergeb­nis­sen geführt haben mögen. Wenn jemand dazu meint, dass dies nur Place­bo-Effek­te seinen, kann ich das nicht wider­legen. Und ganz nüchtern betra­chtet, brin­gen auch die Stu­di­energeb­nisse so manche Ten­den­zen, aber keine ein­deutigem Ergebnisse.

Werde ich mir weit­er den Mund in der Nacht zuk­leben? Ja, das werde ich. Ich habe vor,  das solange zu machen, bis ich den Ein­druck habe, dass es mir zur Gewohn­heit gewor­den ist, mit geschlossen­em Mund zu schlafen.

Warum ich das mache? Weil ich ein­er­seits den Ein­druck habe, dass es meine Gesund­heit und mein Wohlbefind­en auf eine pos­i­tive Art und Weise bee­in­flusst. Außer­dem haben mich die Berichte von George Catlin sehr beein­druckt und mich zumin­d­est überzeugt, dieses Exper­i­ment zu wagen. Es kostet ja nichts und ich kann dabei nur gewin­nen: ein­mal an Erfahrung und zum anderen — wer wei­iß? — an Gesundheit. 


Was ursprünglich lebende Völ­ker noch wussten

Catlin hat­te keine Labore, keine Mess­geräte und keine Stu­di­en. Er hat­te seine Augen, seinen unvor­ein­genom­men Forschergeist und die Bere­itschaft, wirk­lich hinzuschauen, ohne zu werten.

Was er sah, war eigentlich ganz ein­fach: Men­schen, die im Ein­klang mit ihrem Kör­p­er lebten, schliefen, atmeten und sich bewegten. Sie gaben ihren Kindern von Geburt an etwas mit, das wir heute müh­sam wieder­ent­deck­en müssen.

Diese Völ­ker hat­ten kein Wort für den Bohr-Effekt oder für Kinder­sterblichkeit. Sie wussten aus Erfahrung und aus der Weit­er­gabe über Gen­er­a­tio­nen, dass der geschlossene Mund etwas bewirkt:Vitalität, gutes Ausse­hen und ein langes Leben.

Ich denke an meine Fre­undin im Wiener Café zurück: an ihre strahlen­den Augen und das leicht gen­ervte Gesicht, als ich lachte.

Sie hat­te einen offe­nen Geist für ein schräges Exper­i­ment. Sie hat­te etwas wiederge­fun­den, das eigentlich nie hätte ver­loren gehen sollen. Und sie hat in mir eine Erken­nt­nis reifen lassen:

Was uns weit­er­bringt, ist manch­mal nicht die Suche nach Neuem, son­dern die Rück­kehr zu altem Wissen.

Ange­li­ka Froech


Quellen & weit­er­führende Links

Dieser Artikel stützt sich auf eigene Recherchen und Erfahrun­gen sowie auf fol­gende Quellen:

Das Buch von George Catlin

Weit­er­führende Infor­ma­tio­nen zu CO₂, Atmung und Gesundheit:

Zum The­ma Mouth Tap­ing und Schlaf:

Zum The­ma Nase­n­at­mung und Stickstoffmonoxid:

Bildquellen

  • Alle Gemälde und Zeich­nun­gen von George Catlin sind gemeinfrei
  • Grafik “Bohr-Effekt” erstellt von der Autorin, basierend auf einer KI-Zusammenarbeit

Rubrik:


Weitere Artikel:

Apachen heute

Apachen heute
{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}