März 21, 2026

Freddie Kaydahzinne: Apache, Medizinmann, Künstler, Ururenkel von Cochise

„Warum reden alle nur von Geron­i­mo? Es gab so viele andere Apachen, deren Namen in der Zeit ver­loren gin­gen.“ 
Ich bin zum ersten Mal im Muse­um des Reser­vats des Mescalero Apache Tribe, mit­ten in den Bergen der Sacra­men­to Moun­tains in New Mex­i­co

Muse­um­sku­ra­tor im Mescalero Apache Reservat

Während es am Fuß der Berge in der Ebene an die 30 Grad heiß ist, hat es hier oben 10 Grad Cel­sius weniger. Unten ist Wüste, karges ver­bran­ntes Land, hier oben ist es grün, mit Nadel­bäu­men, dazwis­chen Laubbäume. 

Das Reser­vat liegt auf einer Höhe von über 1.600 Meter über dem Meer­esspiegel. Die höch­ste Erhe­bung ist der 3.650 Meter hohe Sier­ra Blan­ca Peak, einer der heili­gen Berge der Apachen. An seinem Fuße liegt ein Schige­bi­et, das vom Mescalero Tribe betrieben wird, das „Ski Apache“.

Museum des Mescalero Apache Tribe in Mescalero, New Mexico

Muse­um des Mescalero Apache Tribe in Mescalero, New Mexico

Nach meinem Ein­tritt durch die Glastüre des Muse­ums begrüßt mich fre­undlich ein älter­er Herr mit Schild­kappe und lan­gen schwarzen Haaren. Ich könne mir gerne alles anse­hen, auch fotografieren und wenn ich eine Frage hätte, dann solle ich ihn gerne fra­gen. Außer mir sind keine anderen Besuch­er im Museum.

Nach dem Rundgang durch das Muse­um erwartet mich der ältere Herr. Er fragt mich, woher ich komme und was ich in der Gegend mache. Er set­zt sich neben die Ein­gangs-Glastüre und weist mich an, auf dem Ses­sel gegenüber Platz zu nehmen. 

Warum reden alle nur von Geronimo?

Dann begin­nt er seine Rede: „Warum reden alle nur von Geron­i­mo? Es gab so viele andere Apachen, deren Namen in der Zeit ver­loren gin­gen*.“ Er spricht langsam, mit melodiös­er warmer klar­er Stimme, der man gerne zuhört. Ich bemühe mich, ihn nicht anzuse­hen, da ich weiß, dass es bei den Apachen unhöflich ist, jeman­den direkt in die Augen zu sehen, außer es geht um etwas sehr Wichtiges. Man sieht sich bei der Begrüßung kurz in die Augen und richtet dann den Blick knapp am Gesicht vorbei. 

„Es gab so viele andere, viele deren Namen wir nicht mehr ken­nen, andere, deren Namen wir ken­nen. Da war Cochise, Man­gas Col­oradas, Vic­to­rio und viele andere. Das waren wirk­lich große Führer. Geron­i­mo war kein guter Führer. Er war Medi­z­in­mann und hat­te beson­dere Kräfte. Er war zu impul­siv, zu unberechen­bar um zum Häuptling gewählt zu werden.

Geronimos Grab in Fort Sill, Oklahoma; hier liegen über 300 Chiricahua-Apachen begraben

Geron­i­mos Grab in Fort Sill, Okla­homa; hier liegen über 300 Chir­ic­ahua-Apachen begraben

Aber seine Kräfte waren groß. Er kon­nte sehen, wo die Feinde waren und wie viele sie waren. Und als es keinen Ausweg mehr gab, sagte er den Men­schen: ‚Du set­zt dich da hin und du set­zt dich dor­thin und du dort. Betet und bleibt im Gebet, dann wer­den euch die Feinde nicht sehen.‘ Und so war es dann: die Sol­dat­en rit­ten direkt an ihnen vorüber und kon­nten sie nicht sehen. 
Und ein­mal hat er sog­ar die Mor­gendäm­merung ange­hal­ten, sodass seine Leute in der Dunkel­heit sich­er über eine Ebene entkom­men kon­nten. So waren seine Kräfte. Die Weißen glauben das nicht, aber unsere Großel­tern haben das erlebt und sie haben uns das so erzählt.“

Cochise — leg­endär­er Häuptling der Apachen

Naiche, Sohn von Cochise, mit seiner Ehefrau Nadeyole (ca. 1884); von Cochise gibt es kein Foto, Naiche soll ihm sehr ähnlich gesehen haben

Naiche, Sohn von Cochise, mit sein­er Ehe­frau Nadey­ole (ca. 1884); von Cochise gibt es kein Foto, Naiche soll ihm sehr ähn­lich gese­hen haben

Er erzählt von den Tagen von Cochise, in denen die Chir­ic­ahua-Apachen frei in einem riesi­gen Gebi­et des heuti­gen New Mex­i­co west­lich des Rio Grande umher­streiften, hinein ins heutige Ari­zona und weit hin­unter nach Mexiko. 

Im Som­mer siedel­ten sie in den Bergen rund um die Gila Wilder­ness, wo es küh­ler war, oder in den Chir­ic­ahua- oder Dra­goon-Moun­tains, im Win­ter in den wärmeren Regio­nen der Sier­ra Madre in Mexiko.

Nicht ohne Stolz erwäh­nt der Erzäh­ler, dass Cochise einer sein­er Vor­fahren war. 

Die Apachen** waren nie ein ein­heitlich­es Volk, son­dern bestanden aus Grup­pen von sel­ten mehr als 60 Per­so­n­en, die einen eige­nen gewählten Häuptling hatten. 

Es gab große Häuptlinge wie Cochise oder Man­gas Col­oradas, denen Krieger aus anderen Stäm­men fol­gten, wenn sie zum Beispiel für Kriegszüge nach Unter­stützung riefen.
Aber abge­se­hen davon waren die Apachen viele kleine unab­hängige und eigen­ständi­ge Grup­pen. Der Erzäh­ler gehört den Grup­pen der Chi­hende (andere Beze­ich­nun­gen sind Mimbreno‑, Mogollon‑, Warm Springs-Apache, let­zteres auf­grund der heißen Quellen in ihrem ursprünglichen Sied­lungs­ge­bi­et) an, die zu den Chir­ic­ahua gezählt wird. Sie hat­ten bekan­nte Häuptlinge wie Man­gas Col­oradas, Vic­to­rio, Chi­hua­ha oder Cuchillo. 

Die let­zten freien Apachen — Kapitulation

Der Muse­um­sku­ra­tor  erzählt von der ver­has­sten San Car­los Reser­va­tion, auch „Hell‘s Forty Acres“ genan­nt, also „Der Hölle 40 Ack­er“, in der ver­schieden­ste Apache-Grup­pen konzen­tri­ert wur­den. Nie­mand mochte dieses malar­i­a­verseuchte Gebi­et. Die Apachen hungerten und viele star­ben an Krankheit­en. Also sind sie mehrfach ausgebrochen. 

Nach und nach kapit­ulierten die Apachen. Die Aller­let­zten waren eine kleine Chir­ic­ahua­Gruppe von 18 Män­nern, 13 Frauen und 6 Kindern unter Medi­z­in­mann Geron­i­mo und Häuptling Naiche (Sohn von Cochise). Sie wur­den monate­lang von über 9.000 Sol­dat­en und Frei­willi­gen ergeb­nis­los gejagt. An manchen Tagen legten sie bis zu 120 Kilo­me­ter zurück — teil­weise zu Fuß. Let­z­tendlich ergaben sie sich.

aufgenommen während der Kapitualitionsverhandlungen 1886; von links nach rechts: Fun, Chappo (Sohn von Geronimo), Yanozha, Geronimo

aufgenom­men während der Kapitu­ali­tionsver­hand­lun­gen 1886; von links nach rechts: Fun, Chap­po (Sohn von Geron­i­mo), Yanozha, Geronimo

Die Kapit­u­la­tions­be­din­gun­gen waren: zwei Jahre in Flori­da, mit ihren Fam­i­lien und dann soll­ten sie eine eigene Reser­va­tion in ihrem Heimat­land erhal­ten. Tat­säch­lich wur­den es 27 Jahre Kriegs­ge­fan­gen­schaft und sie haben bis zum heuti­gen Tag kein Fleckchen Erde ihrer Heimat zurück erstat­tet bekom­men.  

Chatto, Chiricahua-Apache

Chat­to, Chiricahua-Apache

Nicht nur die Abtrün­ni­gen der Chir­ic­ahuas kamen in Kriegs­ge­fan­gen­schaft, son­dern auch jene, die schon Jahre friedlich in der San Car­los Reser­va­tion lebten. Und sog­ar jene, die der Armee als Scouts gedi­ent hat­ten, um Geron­i­mo aufzus­püren und zur Kapit­u­la­tion zu überreden.

Der Armee–Scout, der unter dem Namen Chat­to bekan­nt ist, wurde auf der Heim­reise aus Wash­ing­ton D.C. abge­fan­gen, wo er eine Ehren­medaille für seine Dien­ste als Scout für die US–Armee erhal­ten hat­te. 
Auch er wurde ins weit ent­fer­nte Flori­da in die Kriegs­ge­fan­gen­schaft deportiert. (Wie ich später erfuhr, war Chat­to der Urgroß­vater des Erzählers.)

Die Odyssee der Chir­ic­ahuas — 27 Jahre Kriegsgefangenschaft

Es waren 500 Chir­ic­ahuas, die in Eisen­bah­n­wag­ons den lan­gen Weg nach Flori­da in die Kriegs­ge­fan­gen­schaft antrat­en. (Bei einem späteren Besuch zeigt Fred­die mir das mit Schreib­mas­chine ver­fasste Manuskript der „Chir­ic­ahua 500“, das alle auflis­tet, die damals nach Flori­da gebracht wurden.) 

Nur mehr 500 waren bei Beginn der Kriegs­ge­fan­gen­schaft übrig von den Stäm­men der Chir­ic­ahuas***: den Choko­nen, den Chi­hende, den Bedonko­hes und den Ned­nais. 27 Jahre später, als die Kriegs­ge­fan­gen­schaft aufge­hoben wurde, lebten von diesen nur mehr knapp über 80 Personen.

auf dem Weg mit der Eisenbahn nach Florida in die Kriegsgefangenschaft; in der Mitte unten Naiche, rechts von ihm Geronimo

auf dem Weg mit der Eisen­bahn nach Flori­da in die Kriegs­ge­fan­gen­schaft; in der Mitte unten Naiche, rechts von ihm Geronimo

Zwei Jahre waren sie zu Beginn der Kriegs­ge­fan­gen­schaft in Flori­da in Mil­itär­forts aus der Zeit der Spanier unterge­bracht, die Män­ner über 600 Kilo­me­ter getren­nt von ihren Fam­i­lien. Die Zustände waren katas­trophal. Von Beginn der Gefan­gen­schaft an star­ben viele an Krankheit­en wie Keuch­hus­ten und Tuberkulose.

Die Kinder wur­den ihren Fam­i­lien entris­sen, sie wur­den zwangsweise in die weit ent­fer­nte Indi­an­er­schule nach Carlisle (Penn­syl­va­nia) ver­bracht. Ihnen wurde alles genom­men, was sie mit­ge­bracht hat­ten, sie wur­den in die Klei­dung von Weißen gesteckt, den Jun­gen die Haare geschnit­ten. Das Sprechen der eige­nen Sprache war bei Strafe ver­boten. 
„Töte den Indi­an­er, rette den Men­schen“ war der Slo­gan der bru­tal­en Umerziehungspoli­tik. Die Kinder durften nur nach Hause, wenn sie tod­krank waren, um die ohne­hin ver­heerende Todes-Sta­tis­tik der Carlisle-Schule zu entlasten. 

Die näch­ste Sta­tion nach dem Fort in Flori­da war Alaba­ma. Hier waren die Zustände etwas besser. 

Schließlich wur­den sie wieder ver­legt. Dies­mal nach Fort Sill in Okla­homa. Dort blieben sie bis nach dem Tod von Geronimo.

27 Jahre war ein ganzes Volk — Män­ner, Frauen und Kinder — in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gewe­sen. Nach dem Ende der Kriegs­ge­fan­gen­schaft bemüht­en sich die Über­leben­den verge­blich, ein Reser­vat in ihren Heimatlän­dern zu bekom­men. Die Mescaleros boten ihnen an, sich in ihrem Reser­vat anzusiedeln. 1913 tren­nten sich ganze Fam­i­lien: ein Drit­tel blieben in Fort Sill, zwei Drit­tel über­siedel­ten ins Reser­vat der Mescaleros. 

ehemaliges Siedlungsgebiet der Chiricahua- und Mescalero-Apachen; heutige Mescalero Apache Reservation

ehe­ma­liges Sied­lungs­ge­bi­et der Chir­ic­ahua- und Mescalero-Apachen; heutige Mescalero Apache Reservation

Fred Kay­dahzinne — Kün­stler, tra­di­tioneller Medi­z­in­mann und Sänger

Es ist spät gewor­den. Der ältere Herr hat seine Rede been­det. Wir schweigen. Dann bemerke ich, dass er mich direkt ansieht. „Du bist gesund, das ist gut. Auf dein­er linken Kiefern­seite, da sehe ich etwas Dun­kles, das soll­test du anse­hen lassen. Es ist noch nicht bedrohlich, es kann es aber wer­den.“ Er zeigt mir auf seinem Gesicht, an welch­er Stelle er das „dun­kle Etwas“ sieht. (Einige Monate später habe ich meinen jährlichen Kon­troll­ter­min beim Zah­narzt. Auf dem Rönt­gen­bild ist ein Eit­er­herd zu sehen, der sich bere­its durch den Kiefer­knochen gefressen hat. Er sitzt an der Stelle, die mir der Erzäh­ler gezeigt hat.)

Zum Abschied gibt er mir die Hand, nach Art der Weißen****. Er sieht mir in die Augen und fragt nach meinen Namen. „Mein Name ist Fred Kay­dahzinne, aber nenn mich Fred­die. Weißt du, wir Apachen sagen nicht ‚Good­bye’, wir sagen ‚Wir sehen uns wieder’. Es war gut, dass du hergekom­men bist. Ich weiß, dass wir uns wieder sehen werden.“ 

Freddie Kaydahzinne

Fred­die Kaydahzinne

Wir tauschen noch die E‑Mail-Adressen aus und dann mache ich mich auf den Weg zum „Inn of the Moun­tain Gods“, dem Fün­f­sterne-Hotel des Reser­vats, in dem ich für heute Nacht gebucht habe.

Bei weit­eren Tre­f­fen erfahre ich mehr über das Leben von Fred­die und vom Leben im Reser­vat. Er ist der Ururenkel von Cochise und Dostehseh (Tochter von Man­gas Col­oradas), Urenkel von Cochise-Tochter Dash­den­zhoos und Kay­dahzinne („Er kämpft ohne Waf­fen), Enkel von deren Tochter Lena und ihrem Ehe­mann Moris Chat­to (Sohn des Armee-Scouts Chatto). 

Fred ist tra­di­tioneller Medi­z­in­mann, Sänger und Kün­stler. Er hat­te in San­ta Fe studiert und erzählt gerne von sein­er Zeit in San­ta Fe, wo er sechs Jahre gelebt hat­te. Würde er nicht hier leben, würde er in San­ta Fe leben wollen, er habe die Zeit dort sehr genossen. Er erzählt mir von den Pow­wows, auf denen er aufge­treten war, von Kun­stausstel­lun­gen und Plat­te­nauf­nah­men. „San­ta Fe ist wun­der­bar: Die Men­schen, die Architek­tur, die Kun­st und sog­ar das Wetter.“

Der Mescalero Apache Tribe — Leben im Reser­vat heute

Fred­die war jahre­lang Mit­glied der Stammes­regierung. Sein Ressort war das „Hous­ing-Pro­gram“, das dafür sorgt, dass die Stammesmit­glieder im Reser­vat ein Haus haben. 

Es gibt keine Obdachlosen im Reser­vat, für Mit­tel­lose gibt es soziale Ein­rich­tun­gen wie eine Mit­tagsküche und medi­zinis­che Ver­sorgung. Etwas über 3.000 Stammesmit­glieder wohnen im Reser­vat. Außer den namensgeben­den Mescaleros sind hier auch Lipans und — wie gesagt — Chir­ic­ahuas angesiedelt. 

Willkommens-Schild am Beginn der Mescalero Apache Reservation, New Mexico

Willkom­mens-Schild am Beginn der Mescalero Apache Reser­va­tion, New Mexico

Es gibt aber auch viele, die in Städten leben. Manche um zu studieren. Einige kom­men nach dem Studi­um zurück, andere bleiben in den Städten.

Im Reser­vat gibt es genug Arbeit. Der Mescalero Apache Tribe betreibt das Fünfsterne–Hotel „Inn of the Moun­tain Gods“ mit Casi­no und anliegen­dem Golf­platz, sowie “Ski Apache”. Der Mescalero Apache Tribe ist im Lin­coln  Coun­ty der größte Arbeit­ge­ber, im Otero Coun­ty der zweit­größte. Jobs gibt es nicht nur in der Touris­tik, son­dern auch in der Forstwirtschaft. Eine weit­ere gute Ein­nah­me­quelle ist die Jagd. Die – meist weißen – betucht­en Jäger lassen sich die Jagd so einiges kosten.

Apachen heute — zwi­schen Tra­di­tio­nen und Social Media

Auch hier im Reser­vat fürchtet man, dass die Sprache und die Tra­di­tio­nen ver­loren gehen kön­nten. Die Jun­gen wollen sich immer weniger mit den Tra­di­tio­nen befassen, wollen nicht mehr Apache sprechen, beten zu wenig zum Schöpfer, sehen zu viel fern, sind zu viel auf Social Media, trinken Alko­hol, wollen fort von hier, beklagt sich Freddie.

„Wir Apachen haben viele Tra­di­tio­nen. Von Geburt an wird jed­er neue Lebens­ab­schnitt mit einer Zer­e­monie geehrt. Jed­er Tag wird mit einem Gebet begonnen, für jede Tätigkeit gibt es ein Gebet und der Tag wird mit einem Gebet been­det. Zer­e­monien erhal­ten das Gle­ichgewicht und die Har­monie im Uni­ver­sum. Auch unsere Lieder sind Gebete und haben Bedeutung.“

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Fred Kay­dahzinne mit seinem Sohn Bo (➪ Klick auf das Bild öffnet YouTube)

„Komm doch im Som­mer wieder, wenn wir unsere Zer­e­monien haben. Unten in der Ebene ist es dann zu heiß, untertags ist es da auch bei uns manch­mal heiß. Aber es ist schön, am Abend beim Feuer zusam­men zu sitzen und die alten Lieder zu hören.“

Jedes Jahr im Juli gibt es das größte und wichtig­ste Fest im Reser­vat: Das viertägige Ein­wei­hungs­fest der Mäd­chen. Das Fest ist von wichti­gen Zer­e­monien begleit­et, im Mit­telpunkt sind die Mäd­chen, die auf ihr Leben als Frauen vor­bere­it­et wer­den. Frauen sind das zen­trale Ele­ment in der Kul­tur der Apachen. Früher musste dieses Fest für ein Mäd­chen stat­tfind­en, sobald sie ihre erste Peri­ode hat­te. Das Fest war so wichtig, dass es sog­ar in Kriegszeit­en abge­hal­ten wurde, wenn dann auch nur verkürzt. Im Mescalero-Reser­vat find­et nun das Fest für alle Mäd­chen, die sich den anstren­gen­den Zer­e­monien unterziehen wollen, am Woch­enende um den 4. Juli statt.

Abschied

Einige Jahre später. An einem war­men Okto­bertag biege ich mit meinem Jeep in den Eagle Dri­ve in Mescalero ein. Es ist son­nig wie fast immer in New Mex­i­co, die Laub­bäume tra­gen herb­stlich­es Gelb–Rot. 

Mescalero ist der zen­trale Ort der Mescalero-Reser­va­tion; kein „Ort“ in unserem Sinne. Die Bewohn­er des Reser­vats leben in Häusern ver­streut über das Reser­vat und wie es auch früher üblich war, die Mit­glieder der ver­schiede­nen Clans nahe beieinander.

Die „Ortschaft“ Mescalero beste­ht lediglich aus Ver­wal­tungs­ge­bäu­den, dem Muse­um, einer Tankstelle, einem „Trib­al Store“ und zwei Restau­rants. Etwas weit­er ent­fer­nt liegt das Kranken­haus der Reservation.

Der mir gut bekan­nte rote Truck ste­ht vor dem Muse­um; dessen Besitzer: Fred Kay­dahzinne. Er ist also da. In sein­er let­zten E–Mail schrieb er, dass es ihm gesund­heitlich nicht gut gin­ge und er daher nicht jeden Tag im Muse­um sei. Wir vere­in­barten einen bes­timmten Wochen­tag. Ich solle zuerst im Muse­um vor­bei sehen, er würde mich gerne dort treffen.

Es dauert einige Zeit, bis Fred­die aus dem Büro hin­ter der Theke her­vorkommt. Er geht schw­er­fäl­lig, schwankt Schritt für Schritt mir ent­ge­gen, stützt sich dabei auf einen Stock. „Gut, dich zu sehen.“ Ich erwidere seinen Gruß.

„Setz dich, lass uns reden.“ Ich hole mir einen Ses­sel und set­ze mich um 90 Grad ver­set­zt neben ihn. 

„Ich hat­te eine schwere Zeit. Ich bin sehr krank.“

Wir schweigen. Dann fragt er mich, wie es mir ergan­gen ist, seit wir uns das let­zte Mal gese­hen haben, wie es mein­er Fam­i­lie geht, wann ich in den USA angekom­men bin, was ich bish­er gemacht habe und wie lange ich bleiben werde.

Er erzählt von seinen Befürch­tun­gen, dass es mit der Welt kein gutes Ende nehmen wird. 
„Die Men­schen sind zu gierig. Sie wollen immer mehr. Sie haben keinen Respekt vor dem Land, vor den Men­schen, vor den Tieren und allem was der Schöpfer geschaf­fen hat. Unsere Alten sagen, dass die Men­schen die Erde zer­stören wer­den. Diese Welt wird ein Ende nehmen.“

Er wieder­holt wie schon früher seine Ver­wun­derung darüber, dass die Weißen glauben, dass der Men­sch vom Affen abstamme. „Wie kön­nen sie das nur glauben? Aber sie wis­sen ja nicht ein­mal, wie die Erde erschaf­fen wurde. Und so glauben sie, sie kön­nen sich alles nehmen und zerstören.“

Was soll ich da ent­geg­nen? Ich schweige. Dann wende ich doch ein, dass es auch gute Men­schen unter der Weißen gibt und ich doch hoffe, dass es diese schaf­fen wer­den, eine Wen­dung zum Guten zu bewirken.

„Ja, es gibt gute Men­schen aus Europa, ich weiß das. Viele Deutsche kom­men her und sagen, dass sie Indi­an­er mögen und dass sie die Geschichte kennen. 

Die Amerikan­er ken­nen ihre Geschichte nicht. Sie haben uns alles genom­men. Sie haben viele von uns getötet – mit Waf­fen und durch Krankheit­en. Sie haben unser Land genom­men, das Gold, das Öl und die Min­er­alien, die das Land hat­te. Sie haben uns in Reser­vate gesteckt, in Land, das die Weißen nicht mocht­en und sie haben einen Zaun darum herum gezo­gen und uns wie Gefan­gene auf diesem Land gehal­ten. Sie haben uns die Kinder genom­men, haben ver­boten, dass wir unsere Sprache sprechen und unsere Zer­e­monien abhalten. 

Hier nördlich dieser Reser­va­tion haben sie Atom­bomben abge­wor­fen – gar nicht weit von hier. Und sie haben Chemikalien in den Boden und das Essen gegeben. Jet­zt haben wir Dia­betes, Herzkrankheit­en und viele Kreb­s­fälle. Wir hat­ten diese Krankheit­en früher alle nicht, aber jet­zt haben wir sie. Aber nie­mand inter­essiert das.“

eine halbe Fahrstunde vom Mescalero Apache Reservat entfernt: White Sands in New Mexico, weiße Gipswüste und Kulisse vieler Western, hier wurden 1945 Atombomben zu "Versuchszwecken" abgeworfen

eine halbe Fahrstunde vom Mescalero Apache Reser­vat ent­fer­nt: White Sands in New Mex­i­co, weiße Gip­swüste und Kulisse vie­ler West­ern, hier wur­den 1945 Atom­bomben zu “Ver­such­szweck­en” abgeworfen

„Wir, die Chir­ic­ahuas, hat­ten einst Land von der Quelle des Gila Rivers, hin­unter bis nach Mexiko in die Sier­ra Madre, vom Rio Grande bis zu den Dra­goon Moun­tains. Das alles war unsere Heimat. Sieh, was wir jet­zt haben: ein Teil von uns ist nach der Kriegs­ge­fan­gen­schaft in Fort Sill in Okla­homa geblieben. Der andere Teil wurde hier von den Mescaleros aufgenom­men. Wir haben unseren Bere­ich inner­halb des Reser­vats. Aber offiziell wer­den wir als Mescaleros beze­ich­net, denn wir sind als Mit­glieder in deren Reser­vat gelis­tet. Wie auch die Lipans, die auch von den Mescaleros aufgenom­men wur­den. Aber wir sind Chiricahuas!“

Cochise-Stronghold in den Dragoon Mountains, Arizona, ehemaliges Kernland der Chiricahua-Apachen

Cochise-Strong­hold in den Dra­goon Moun­tains, Ari­zona, ehe­ma­liges Kern­land der Chiricahua-Apachen

Ich wende ein, dass ich der Mei­n­ung bin, dass es eine Schande ist, dass sie keinen Fleck­en ihres Lan­des zurück bekom­men haben. „Ja, das ist es.“ Wir schweigen wieder.

Ein Touris­ten­paar kommt ins Muse­um. Sie sind aus Hous­ton, Texas. Es gab dort einen ver­heeren­den Sturm in den let­zten Tagen. Noch immer sind einige Tausend Men­schen ohne Strom.

Während die bei­den aus Texas in den Muse­um­sräu­men ver­schwinden, erzählt Fred­die von seinem Besuch in Fort Sill in let­ztem Monat. Er war zu Feier­lichkeit­en ein­ge­laden, eine Zer­e­monie abzuhal­ten und einige der ganz alten Lieder zu sin­gen. Seine Augen strahlen dabei. Aber sie haben das Funkeln ver­loren, das ich son­st immer gese­hen habe und sein ver­schmitztes Lächeln ist gewichen. „Das Leben ist jet­zt schw­er für mich und das macht mich manch­mal sauer.“ Er zeigt mir seinen Geh­stock, den er sich geschnitzt hat. Ohne ihn könne er nicht aufstehen.

Reservat des Mescalero Apache Tribe in den Sacramento Mountains, New Mexico: Mescalero Lake, im Hintergrund Sierra Blanca

Reser­vat des Mescalero Apache Tribe in den Sacra­men­to Moun­tains, New Mex­i­co: Mescalero Lake, im Hin­ter­grund Sier­ra Blanca

Die bei­den Besuch­er aus Texas ver­ab­schieden sich. Wir schweigen wieder. Das Rat­tern der Kli­maan­lage ist das bes­tim­mende Geräusch. Ich sehe durch die Glastüre dem Wiegen der Äste im Wind zu, deren Blät­ter herb­stlich gold­en im Licht der Nach­mit­tagssonne glühen.

„Wir kön­nen von den Gestir­nen am Him­mel ler­nen. Vom Mond, der uns zeigt, dass alles in Zyklen ver­läuft. Und von der Sonne: jed­er Tag ist ein neuer Tag der Schöp­fung. Wir ste­hen auf und sprechen unser Gebet und sagen Dank. Wir geben den Tag über unser bestes und sprechen am Abend unser Gebet und unseren Dank. Und wie die Sonne am Mor­gen einen neuen Tag begin­nt, begin­nt unser Leben und wie die Sonne am Abend den Tag been­det, endet einst unser Leben.“

Er nimmt seine Schild­kappe ab. „Da schau, ich habe in den let­zten Monat­en graue Haare bekom­men. Viele hier ster­ben ohne ein graues Haar.“ Und wieder schweigen wir. Die Kli­maan­lage rat­tert laut und scheint immer lauter zu werden. 

„Weißt du, ich habe keine Angst zu ster­ben. Ich weiß, der Schöpfer hat für uns eine schöne Welt geschaf­fen, in die wir gehen, wenn wir ster­ben. Dort gibt es keine Krankheit und kein Leid und wir wer­den einan­der wieder­se­hen. Ich habe meinem Sohn gesagt, ich möchte an dem schö­nen Platz in den Bergen begraben wer­den, den ich ihm gezeigt habe. Von dort ist der Son­nenauf­gang so wun­der­schön zu sehen. Jeden Mor­gen wird die Sonne mein Grab bescheinen.“

„Es war gut, dich ken­nen zu ler­nen. Es war gut, dass du noch ein­mal hergekom­men bist. 
Ich möchte, dass du weißt: Ich hat­te ein gutes Leben. Ich bin dem Schöpfer dankbar dafür. Und ich möchte, dass du mich als starken Mann in Erin­nerung behältst. Nicht so, wie ich jet­zt bin. Wenn du an mich denkst, dann denke an den starken Mann, der ich war.“

Trä­nen treten mir in die Augen. Er sieht mir direkt in die Augen.
„Keine Trä­nen. Sei wie ein Apache. Wir Apachen sind stark, wir weinen nicht. Bleibe stark. Keine Tränen.“

Er greift nach seinem Geh­stock und legt ihn dann wieder zur Seite. Er will wohl nicht, dass ich sehe, wie er sich müh­sam aus dem Ses­sel quält. Also greife ich nach meinem Ruck­sack und ste­he auf, um mich zu ver­ab­schieden. Er ergreift meine Hände. „Du weißt, wir Apachen sagen nicht ‚Lebe wohl‘.“ 

Fred­die Kay­dahzinne starb am 2. Dezem­ber 2020 im Alter von 71 Jahren.

Ange­li­ka Froech


* Ein Apache hat­te früher mehrere Namen. Den einen „wahren“ Namen kan­nte nur der engere Kreis, er durfte nur bei beson­deren Gele­gen­heit­en aus­ge­sprochen wer­den und nach dem Tode gar nicht mehr. Im All­t­ag wur­den oft englis­che oder spanis­che „Spitz­na­men“ ver­wen­det, wie z.B. „Chat­to“ oder „Geron­i­mo“, die uns heute über­liefert sind. Als Geron­i­mos „echter“ Name wird meist „Goy­ałe“ („ł“ wird ähn­lich einem gelispel­ten „L“ aus­ge­sprochen) genan­nt, das je nach Aussprache „der Gäh­nende“ oder „der Weise“ bedeutet. Aber ob das tat­säch­lich sein „wahrer“ Name war, ist anzuzweifeln.

** Eigen­beze­ich­nung der Apachen ist je nach Apache-Nation bzw. ‑Dialekt Indeh, Ndé, Ndee, Nné, Nnee, Tin­deh oder ähn­lich, was alles mit „Volk“ oder „Men­schen“ über­set­zt wird. Die Her­kunft der Beze­ich­nung „Apache“ ist unklar. 

*** Für die Apachen zählten nur die Choko­nende (Cochise-Grup­pen) zu den Chir­ic­ahuas, deren Kern-Sied­lungs­ge­bi­et im heuti­gen Südost-Ari­zona in und um den Chir­ic­ahua-Moun­tains lag. Es wird aber akzep­tiert, dass in der Lit­er­atur die mit den Choko­nende eng befre­un­de­ten und ver­wandtschaftlich ver­bun­de­nen Chi­hende, Bedonko­he und Ned­nais dazu gezählt werden.

**** Apache-Art des Hän­degebens ist kein Drück­en der Hand des anderen, son­dern man legt die Hände nur leicht ineinander.


Links:

≫ Web­seite des Mescalero Apache Tribe: https://mescaleroapachetribe.com
≫ Web­seite Ski Apache: https://www.skiapache.com
≫ Web­seite des Fort Sill Apache Tribe: https://fortsillapache-nsn.gov
≫ Web­seite White Sands Mon­u­ment: https://www.nps.gov/whsa/index.htm


Lit­er­atur:

Eve Ball: Indeh: An Apache Odyssey, Uni­ver­si­ty of Okla­homa Press 1988

Brit­ton Davis: The Truth about Geron­i­mo, BISON BOOKS 1976

Ali­cia Del­gadil­loFrom Fort Mar­i­on to Fort Sill: A Doc­u­men­tary His­to­ry of the Chir­ic­ahua Apache Pris­on­ers of War, 1886–1913, Uni­ver­si­ty of Nebras­ka Press 2013


Rubrik:

Apachen


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