Mai 9, 2025

Woman walks ahead – Caroline Weldon malte Sitting Bull und wurde seine Vertraute

Car­o­line Wel­don bricht 1889 in den „Wilden West­en“ auf, um Sit­ting Bull zu malen. Diese Geschichte klingt nach einem guten Stoff für Hol­ly­wood — sie ist jedoch tat­säch­lich passiert.

Eine Sto­ry wie gemacht für Hol­ly­wood: Die Frau, die voraus geht

Die Frau hieß Car­o­line Wel­don. Geboren 1844 in Klein­basel in der Schweiz, aufgewach­sen in New York, Heirat mit 21. Sie ver­ließ ihren Mann. Aus einer Affäre ent­stand ein Kind — ein Sohn, den sie Christie nan­nte. Die Schei­dung fol­gte, als sie 38 Jahre alt war.

Sie inter­essierte sich für das Schick­sal der nor­damerikanis­chen Indi­an­er und wurde Mit­glied der Nation­al Indi­an Defense Asso­ci­a­tion (NIDA). 

Als ihre Mut­ter starb, erbte sie ein Ver­mö­gen. Sie legte sich den Kün­stler­na­men Cather­ine Wel­don zu, gab sich als Witwe aus und erfüllte sich im Juni 1889 einen Traum: Eine Reise zu den Lako­tas, um bei ihnen zu leben und Sitting Bull zu malen. Sie fre­un­dete sich mit ihm an. Er war damals Ende Fümzig, ein geachteter Heiliger Mann, dessen Wort beson­deres Gewicht hat­te. Er gab ihr den Namen “Die Frau, die voraus geht”.

Caroline Weldon (ca. 1878)

Car­o­line Wel­don (ca. 1878)

Car­o­line trat aktiv für die Rechte der Ure­in­wohn­er ein und legte sich regelmäßig mit James McLaugh­lin, dem Leit­er der Stand­ing Rock Agency, an. 

Sie sei gutausse­hend und stets modisch gek­lei­det gewe­sen. In den Medi­en wurde sie als „Sit­ting Bulls weiße Squaw“ beze­ich­net und lächer­lich gemacht. Tat­säch­lich war sie Sit­ting Bulls Ver­traute, seine Sekretärin und seine rechtliche Bera­terin. Er soll ihr einen Heirat­santrag gemacht haben, den sie entrüstet ablehnte.

Der lange Weg vom Drehbuch zum Film

Steven Knight ver­fasste aus diesem Stoff vor 16 Jahren ein Drehbuch. Das nie­mand ver­fil­men wollte. Dann kam 2016 die englis­che Filmemacherin Susan­na White und fand Inve­storen — nicht zulet­zt sicher­lich auch deshalb, weil sie Jes­si­ca Chas­tain für die Haup­trol­le und Sam Rock­well für die Rolle des Fies­lings Colonel Silas Groves gewin­nen kon­nte. Jes­si­ca Chas­tain ist derzeit eine der gefragesten Schaus­pielerin­nen Hol­ly­woods. Sam Rock­well ist frischge­back­en­er Oscar-Preisträger. Der kanadis­che Schaus­piel­er, Chore­ograf und Pro­fes­sor Michael Greyeyes (Nehiyaw / Cree) spielt Sit­ting Bull.

Im Film heißt Car­o­line Cather­ine, sie ist kinder­lose Witwe und wird erst im Laufe der Sto­ry zur Unter­stützerin der Ureinwohner.

Bei­de — die Malerin und der Häuptling — sind um einige Jahre jünger dargestellt, als es die tat­säch­lichen Per­so­n­en waren. 

Die bei­den Außen­seit­er der dama­li­gen „zivil­isierten“ Gesellschaft — eine Frau, die sich nicht um die Zwänge einer von weißen Män­nern bes­timmten Gesellschaft schert und der Häuptling, der als Ure­in­wohn­er prak­tisch keine Rechte hat und allen Weißen mis­straut — näh­ern sich aneinan­der an und gewin­nen langsam an Ver­trauen zueinan­der. Während­dessen wer­den die Ratio­nen an die Reser­va­tions­be­wohn­er hal­biert, die Sol­dat­en rück­en unter Gen­er­al Crook an und die Ure­in­wohn­er tanzen den “Geis­ter­tanz”, um die alten Zeit­en heraufzubeschwören.

Ein West­ern — oder doch nicht

Ungewöhn­lich für einen „West­ern“: Die Begeben­heit wird aus Sicht einer Frau erzählt. Ungewöhn­lich ist auch der Erzählstil — mit ruhig dahin­glei­t­en­dem Tem­po, nur wenig Musikun­ter­malung, mit Humor gespickt. Es wird weit weniger Gewalt gezeigt, als son­st in diesem Genre üblich.

Der Humor ver­hin­dert, dass die tragis­che Geschichte allzu pathetisch wirkt. So reagiert Sit­ting Bull bei der ersten Begeg­nung, nach­dem sie ihm in blu­mi­gen Worten über ihre „lange Reise von vie­len Meilen, bei der sie viele Flüsse und Hügel über­quert hat­te für die Ehre, mit ihm zu sprechen“ trock­en mit der Frage: „Also haben Sie den Zug von New York genommen?“ 

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Das ruhige Erzähltem­po lässt umso mehr die unfass­baren Gräuel her­vortreten. So zum Beispiel, als Cather­ine Sit­ting Bull fragt, ob die Hügel den ganzen Som­mer über Schnee tra­gen und er ihr antwortet, dass dies kein Schnee sei, son­dern die Knochen der Büf­fel, die von den Weißen getötet wor­den waren. Die Bisons — die nor­damerikanis­chen Büf­fel — waren die Lebens­grund­lage der Sioux-Natio­nen. Sie wur­den mit der Beina­he-Aus­rot­tung der Bisons von den Liefer­un­gen der staatlichen Stellen an Lebens­mit­teln und Gütern abhängig gemacht.

Ein­drucksvolles Schaus­piel, viel Gefühl, schöne Bilder

Jes­si­ca Chas­tain ist als Cather­ine Wel­don wie immer überzeu­gend in ihrer Rolle — hier als starke und den­noch zer­brech­liche sen­si­ble Frau, die naiv aus New York auf­bricht um einen Häuptling zu malen und die aktive Unter­stützerin eines unter­drück­ten Volkes wird. Eine Frau, die Kon­ven­tio­nen bricht und ihrer Zeit weit voraus ist.

Sam Rock­well ist der ver­bit­terte Indi­an­erkämpfer, der am Ende auch andere Seit­en sein­er Per­sön­lichkeit zeigt.

Michael Greyeyes (Nêhiyaw / Cree) des fes­selt mit seinem ein­drucksvollem und aus­drucksstarken Schaus­piel und gibt den gebroch­enen Helden, der seine Würde nicht ver­loren hat und zum Ende seines Lebens noch ein­mal bere­it ist, aufzuste­hen und das Unmögliche zu wagen.

Hier Stim­men von Kritikern:

Mr. Greyeyes ist ein Wun­der an Intel­li­genz und Würde“ 
(Jean­nette Cat­soulis / New York Times)

„Greyeyes gibt die sub­tilere, gefüh­lvollere und glaub­würdi­gere Per­for­mance“ 
(Susan Wloszczy­na / RogerEbert.com)

“… zieht dich mit seinem schlauen Witz und sein­er stillen Anziehungskraft in seinen Bann. Er macht Sit­ting Bull zu einer faszinierend kon­flik­tre­ichen Fig­ur …” 
(Justin Chang, Los Ange­les Times)

Atem­ber­aubend schöne Land­schafts­bilder — einge­fan­gen an den Drehort­en in New Mexiko — wer­den Teil der Erzäh­lung. So ist in einer Szene, in der Sit­ting Bull und Cather­ine in der Prärie die Pferde anhal­ten, ein Gewit­ter im Hin­ter­grund zu sehen. In dieser Szene sagt er ihr, dass er bald ster­ben wird

Stand­ing Rock nach über 120 Jahren — es ist noch nicht vorbei

Der Fleck­en Erde, in dem sich die Sto­ry des Films abspielt, ist die Stand­ing Rock Reser­va­tion in North Dako­ta und South Dakota.

Die Filmemach­er besucht­en den Stammes­rat („Trib­al Coun­cil“) in Stand­ing Rock, stell­ten den geplanten Film vor, um sich die Zus­tim­mung zur Ver­fil­mung des Stoffes zu holen und ließen sich dabei beraten.

Im Film ste­ht die dro­hende Umset­zung des „Gen­er­al Allot­ment Act“ bevor — jenes Gesetz, das den Lan­draub legal­isieren sollte, um einen großen Teil des Lan­des der Sioux für weiße Siedler freizugeben.

Während der Drehar­beit­en bildete sich In Stand­ing Rock 2016 der größte indi­an­is­che Wider­stand seit den 1960iger Jahren: NODAPL, der Kampf gegen die Dako­ta Access Pipeline.  Das Ziel dieser Bewe­gung war der Ver­such, den Bau dieser Pipeline zu ver­hin­dern, die den Mis­souri Riv­er queren sollte und die bei einem Leck die Wasserver­sorgung des Reser­vats bedrohte. 

Vor 120 Jahren wur­den Män­ner, Frauen und Kinder umge­bracht, die sich den Anord­nun­gen der Regierung wider­set­zten. Heute wer­den sie als Ter­ror­is­ten beze­ich­net, von Söld­nern mit „Nicht-Lethalen“ Waf­fen beschossen und einges­per­rt. Nach 120 Jahren ist noch immer das­selbe The­ma aktuell: Kampf um das Recht auf Eigenbes­tim­mung, um das Recht auf das Land und die Ressourcen.

Geschichte ist es erst, wenn es vorüber ist“, sagt Colonel Groves so tre­f­fend im Film

Sitting Bull - Portrait von Caroline Weldon (1890)

Sit­ting Bull — Por­trait von Car­o­line Wel­don, Öl auf Lein­wand (1890)

Car­o­line Wel­don — Das tragis­che Ende der wahren Geschichte

Im Spät­som­mer 1890 war die Ghost-Dance-Bewe­gung in Stand­ing Rock auf ihrem Höhep­unkt. Car­o­line warnte Sit­ting Bull ein­dringlich, dass dies zu einem neuer­lichen Krieg führen kön­nte. Die Debat­te entzweite Car­o­line und Sit­ting Bull. Zudem erkrank­te im Novem­ber 1890 Car­o­lines Sohn und sie ver­ließ mit ihm das Reser­vat. Bald darauf starb Christie an einer Sepsis.

Im Dezem­ber des­sel­ben Jahres wurde Sit­ting Bull bei sein­er Ver­haf­tung erschossen. Seine Leute flo­hen in die Berge der Bad Lands. Sie wur­den zwei Wochen lang von den Sol­dat­en gejagt und dann niedergeschossen — über 300 Män­ner, Frauen und Kinder. Dies ging als das „Mas­sak­er von Wound­ed Knee“ in die Geschichte ein. 

Vor dem Abspann des Films wird das Mas­sak­er erwäh­nt und man sieht die Orig­i­nal­fo­tos am Tag danach. Die Sol­dat­en posieren für die Fotos — sie sind sich kein­er Schuld bewusst.

Car­o­line Wel­don starb alleine und vergessen 1921 in New York. Zwei der vier Ölgemälde, die sie von Sit­ting Bull malte, blieben erhalten.

Michael Greyeyes, Jessica Chastain und Sam Rockwell

Woman Walks Ahead — Film mit Michael Greyeyes, Jes­si­ca Chas­tain und Sam Rockwell

Meine Empfehlung: Ansehen!

Diese vielschichtige Geschichte war nicht leicht umzuset­zen. Es gibt poli­tis­che Botschaften — über die Rechte der Frauen und die Rechte der amerikanis­chen nativ­en Bevölkerung. Neben der tragis­chen Geschichte der (teil­weise) his­torischen Caroline/Catherine Wel­don, Sit­ting Bull und seines Volkes erzählt er vom Genozid, der in ver­schieden­sten Aus­prä­gun­gen an der amerikanis­chen Urbevölkerung statt fand. 

An den Nach­wirkun­gen und den noch immer stat­tfind­en­den Diskri­m­inierun­gen haben die Nachkom­men Sit­ting Bulls noch heute zu leiden. 

Es ist ein „weib­lich­er West­ern“ mit schö­nen Bildern, schö­nen Haupt­darstellern, viel Gefühl, komis­chen Momenten, Tragik und einem Schuss Roman­tik. In der englis­chen Orig­i­nal­fas­sung kom­men die Pro­tag­o­nis­ten durch ihre eige­nen Stim­men authen­tis­ch­er und glaub­hafter zur Geltung.

Der Film wird all jenen nicht gefall­en, die „typ­is­che West­ern“ lieben mit „Cow­boys und Indi­an­ern“, Gemet­zel und Kampf, „Gut gegen Böse“.

Meine klare Empfehlung: Hinge­hen, Anse­hen — bevorzugt in der Originalversion!

Ange­li­ka Froech


Infor­ma­tio­nen zum Film

Filmti­tel:

Woman Walks Ahead (USA, 2017)
(Deutsch­er Titel: Die Frau, die voraus geht)

Regie:

Susan­na White

Drehbuch: 

Steven Knight

Schaus­piel­er: 

Jes­si­ca Chas­tain, Michael Greyeyes, Sam Rock­well, Chaske Spencer, David Midthunder

Sprache: 

deutsch (im Orig­i­nal englisch), Lakota


Weit­er­führende Links


Buchempfehlung

Eileen Pol­lackWoman Walk­ing Ahead — In Search of Cather­ine Wel­don and Sit­ting Bull (Book­Ba­by, 2018)



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