Juni 17, 2025

San Carlos Apache Reservation - die frühen Jahre 1872 bis 1886

Als die San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion 1872 offiziell gegrün­det wurde, war dies nicht der Beginn, son­dern bere­its ein drama­tis­ch­er Wen­depunkt in einer lan­gen Geschichte von Missver­ständ­nis­sen, Machtver­schiebun­gen und gewalt­samen Auseinan­der­set­zun­gen zwi­schen den Vere­inigten Staat­en und den Apachen.

Dieser Artikel beleuchtet die ersten Jahre dieser Reser­va­tion und ist ein Beispiel dafür, wie die Reser­va­tion­spoli­tik der Vere­inigten Staat­en im 18. Jahrhun­dert anges­tammte Völ­ker unter ihre Kon­trolle brachte. Man kann die heutige Sit­u­a­tion der Reser­vats­be­wohn­er nur dann ver­ste­hen, wenn man auch ihre Geschichte ken­nt, deren Auswirkun­gen bis heute spür­bar sind. Dies ist der Beginn der Geschichte der San Car­los Apachen, ihrer Würde, ihrer Ver­luste und ihrer Überlebenskraft.

Inhaltsverze­ich­nis 

  • Die Apachen und ihr Land
  • Die USA expandieren – und die Apachen ger­at­en unter Druck
  • Die Idee der Reservationen
  • Mil­itär gegen zivile Ver­wal­tung – ein Systemkonflikt
  • Die Zwangskonzen­tra­tion der Stämme
  • „Hell’s 40 Acres“ – die Hölle als Heimat
  • Ein Bruch mit der Lebensweise
  • Anfang eines lan­gen Konflikts
  • Die ersten Ver­suche einer zivilen Verwaltung
  • John Clum: Selb­stver­wal­tung als Gegenentwurf
  • Mas­sak­er von Fort Grant, Umsied­lung der Ara­vaipa- und Pinal-Apachen
  • Auflö­sung der Chiricahua-Reservation
  • Umsied­lung der Yava­pai und Tonto-Apachen
  • Nach Clum: Die Rück­kehr zur Kon­trolle von außen
  • Die Zwang­sum­sied­lung der Warm Springs Apachen
  • Apache Scouts: Dienst zwi­schen zwei Welten
  • Ein frag­iles Gle­ichgewicht — zwi­schen Hoff­nung, Res­ig­na­tion und Widerstand
  • Ein Sys­tem unter Druck
  • Ausweitung der Kon­trolle: Polizei, Schule, Mission
  • Der Druck von außen: Siedler, Gold, poli­tis­che Interessen
  • Geron­i­mo: Der let­zte große Widerstand
  • Die Kapit­u­la­tion von 1886 und die Depor­ta­tion der Chiricahua-Apachen
  • Rück­blick auf eine Eskalation
  • Zwi­schen Vorschriften und Improvisation
  • Wohnen, Ver­sorgung, das tägliche Überleben
  • Der All­t­ag als Akt des Widerstands
  • Nicht alle waren Täter – aber das Sys­tem war brutal
  • Die San-Car­los-Apachen: Ein Volk, das überlebte
  • Warum ich diese Geschichte erzähle
  • Würdi­gung der Dis­ser­ta­tion von William B. Kessel

1. Vorgeschichte und poli­tis­che Rahmenbedingungen

Die Apachen und ihr Land

Die ver­schiede­nen Apachen-Völ­ker lebten über Jahrhun­derte hin­weg in einem riesi­gen Gebi­et, das sich vom heuti­gen Ari­zona, New Mex­i­co und Texas bis weit hinein nach Mexiko erstreck­te. Ihre Welt war geprägt von Mobil­ität, Flex­i­bil­ität und einem tiefen Ver­ständ­nis und Wis­sen über die Natur ihres Landes.

Für die Apachen war das Land nicht nur Leben­sraum, son­dern auch ein lebendi­ger Teil ihrer spir­ituellen Welt. Berge, Flüsse und bes­timmte Orte waren mit Geschicht­en, Ahnen und heili­gen Kräften ver­bun­den. Der Ver­lust dieses Lan­des bedeutete für viele Apachen nicht nur die Vertrei­bung aus der Heimat, son­dern auch aus einem spir­ituellen Gefüge, das sie und ihre Vor­fahren über Gen­er­a­tio­nen hin­weg getra­gen hatte.

Sie jagten, sam­melten und baut­en saison­al Felder an – in einem empfind­lichen Gle­ichgewicht mit kli­ma­tis­chen und geo­graphis­chen Bedin­gun­gen. Der Begriff „halb­no­madisch“ trifft es gut: Sie zogen dor­thin, wo die Jahreszeit es zuließ, und kehrten regelmäßig zu bewährten Orten zurück. Im Som­mer siedel­ten sie im küh­leren Nor­den, im Win­ter im wärmeren Süden.

Es gab nicht „die Apachen“, son­dern viele unter­schiedliche Grup­pen mit eige­nen Dialek­ten, Führungsstruk­turen und Allianzen. Einige der Grup­pen, die später mit San Car­los in Verbindung standen, waren die Chiricahua‑, Mimbreño‑, Pinaleno‑, Arivaipa‑, Ton­to- und White Moun­tain Apachen. Manche lebten in fre­und­schaftlich­er Nähe zueinan­der, andere standen sich feindlich gegenüber – alte Fehden und Ter­ri­to­ri­alkon­flik­te spiel­ten eine Rolle.

Diese Vielfalt wurde von der US-Regierung kaum erkan­nt – oder ignori­ert. Für die Poli­tik in Wash­ing­ton waren die Apachen schlicht „Indi­an­er“, die sich dem Fortschritt in den Weg stellten.

Die USA expandieren – und die Apachen ger­at­en unter Druck

Nach dem Bürg­erkrieg (1861–1865) wandte sich die Aufmerk­samkeit der US-Regierung ver­stärkt dem West­en zu. Mit dem Eisen­bahn­bau, dem Gol­drausch, der soge­nan­nten Home­stead-Bewe­gung und der wirtschaftlichen Erschließung des Süd­west­ens wurde das Land der Apachen zum begehrten Objekt für Siedler, Aben­teur­er und Goldsucher.

Mit dem soge­nan­nten „Home­stead Act“ erhiel­ten weiße Siedler das Recht, Land im West­en zu beanspruchen und zu bewirtschaften – ein staatlich gefördertes Sied­lungsrecht, das oft auf Kosten der indi­ge­nen Bevölkerung durchge­set­zt wurde.

Zunächst begeg­neten sich Siedler und Apachen mit gegen­seit­iger Vor­sicht – doch bald kam es zu Über­grif­f­en, Missver­ständ­nis­sen und Vergel­tungss­chlä­gen. Für die Weißen waren die Apachen „räu­berische Wilde“, die Siedler und Postkutschen angrif­f­en. Für die Apachen waren diese Über­griffe oft Vertei­di­gung – gegen die Ent­eignung, gegen gebroch­ene Ver­sprechen, gegen die Zer­störung ihrer Lebens­grund­lage und oft auch Vergeltungsangriffe.

Die US-Regierung antwortete mit Mil­itär – und mit einem poli­tis­chen Instru­ment, das als „Reser­va­tion Pol­i­cy“ in die Geschichte einge­hen sollte.

Bere­its die spanis­chen Kolo­nial­her­ren hat­ten im Süd­west­en soge­nan­nte Pre­sidios oder Establec­imien­tos errichtet – Vor­läufer von Reser­va­tio­nen, in denen sie ver­sucht­en, indi­gene Grup­pen unter Kon­trolle zu brin­gen und zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Chiricahua-Apache-Medizinmann mit Familie vor Wickiup, ca. 1883

Apache-Fam­i­lie vor Wick­i­up, ca. 1883 (Foto: Ran­dall, A. Frank, Pub­lic Domain)

Die Idee der Reservationen

Bere­its die spanis­chen Kolo­nial­her­ren hat­ten im Süd­west­en ab dem 17. Jahrhun­dert soge­nan­nte Pre­sidios oder Establec­imien­tos errichtet – Vor­läufer von Reser­va­tio­nen, in denen sie ver­sucht­en, indi­gene Grup­pen unter Kon­trolle zu brin­gen und zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Die Idee war ein­fach – und bru­tal: Indi­gene Grup­pen soll­ten in abge­gren­zten Gebie­ten unter Kon­trolle gebracht, sesshaft gemacht und an die weiße Lebensweise „herange­führt“ wer­den. Land­wirtschaft, Schul­bil­dung und Mis­sion­ierung soll­ten die „Zivil­isierung“ ermöglichen. Gle­ichzeit­ig sollte die Armee diese Grup­pen aus dem Weg schaf­fen – für die unge­hin­derte Expan­sion der Sied­lerge­sellschaft und für den Zugriff auf die Ressourcen der Gebi­ete – Gold, Sil­ber und Kupfer.

In Ari­zona began­nen die Anglo-Amerikan­er ab den späten 1860er Jahren mit der Ein­rich­tung erster Reser­vate, die jedoch schlecht geplant und kaum überwacht waren. Kon­flik­te mit der Armee, Kor­rup­tion in der Ver­wal­tung und zunehmender Druck durch Minenge­sellschaften und Ranch­er führten zu einer Eskala­tion der Situation.

Mil­itär gegen zivile Ver­wal­tung – ein Systemkonflikt

Ein oft unter­schätzter Aspekt dieser Zeit war der Machtkampf zwi­schen der zivilen Ver­wal­tung (dem soge­nan­nten Indi­an Bureau) und dem Mil­itär. Bei­de beansprucht­en die Zuständigkeit für die „Indi­an­er­frage“. Während das Mil­itär rasche Lösun­gen durch Waf­fenge­walt bevorzugte, set­zten zivile Agen­ten in Wash­ing­ton eher auf langfristige Umerziehung.

In der Prax­is führte das zu einem zer­ris­se­nen, inef­fizien­ten Sys­tem, in dem die Apachen oft Spiel­ball wider­sprüch­lich­er Inter­essen waren:

  • Armee­of­fiziere, die Straf­ex­pe­di­tio­nen gegen Apachen führten
  • soge­nan­nte Mis­sion­s­ge­sellschaften, die ihre eigene kul­turelle Agen­da verfolgten
  • Han­del­sun­ternehmer, die an Rationsverträ­gen verdienten
  • Poli­tik­er, die mit Indi­an­er­poli­tik ihre Kar­riere absich­ern wollten

All das bere­it­ete den Boden für die spätere Ein­rich­tung der San Car­los Reser­va­tion – eines Ortes, der für viele Apachen das Ende ihrer gewohn­ten Welt bedeuten sollte.


2. Die Grün­dung der San Car­los Reser­va­tion (1872)

Ein Ort, den nie­mand frei­willig betrat – und aus dem viele wieder zu fliehen versuchten

Die offizielle Grün­dung der San Car­los Reser­va­tion geht auf zwei Exeku­ti­vanord­nun­gen der US-Regierung zurück. Bere­its im Juni 1870 war ein Großteil des späteren Reser­vats als „für Indi­an­er reserviertes Land“ aus­gewiesen wor­den. Am 9. Novem­ber 1871 wurde dieser Land­streifen im Osten Ari­zonas formell als White Moun­tain Reser­va­tion ein­gerichtet. Der südlich gele­gene Bere­ich ent­lang des Gila Riv­er – ein heißes, trock­enes Flusstal – wurde im Dezem­ber 1872 angegliedert und zur San Car­los-Erweiterung erk­lärt. Dieses Jahr gilt heute als das Grün­dungs­jahr der San Car­los Apache Indi­an Reservation.

Ziel dieser Ein­rich­tung war es, möglichst viele Grup­pen der Apachen zu „konzen­tri­eren“ – ein Begriff, der aus heutiger Sicht erschreck­end tech­nokratisch klingt, aber die dama­lige Strate­gie tre­f­fend beschreibt: Unter­schiedlich­ste Grup­pen, oft mit eigen­er Sprache, Geschichte und Führung, soll­ten auf engem Raum zusam­men­leben, überwacht und „umer­zo­gen“ werden.

Die Zwangskonzen­tra­tion der Stämme

Die Apachen-Grup­pen, die im Zuge dieser Maß­nahme nach San Car­los gebracht wur­den – teils mit leeren Ver­sprechun­gen, teils unter mil­itärischem Zwang – unter­schieden sich stark. Einige von ihnen, wie die Chir­ic­ahua oder die Mim­breño, hat­ten ihre tra­di­tionellen Sied­lungsräume weit ent­fer­nt im Süden oder Osten, etwa im heuti­gen New Mex­i­co oder in Mexiko. Andere lebten bere­its in rel­a­tiv­er Nähe, etwa die White Moun­tain Apachen oder die Pinaleno in den Bergen west­lich des heuti­gen Globe.

Doch gemein­sam war ihnen, dass sie nie ein gemein­sames poli­tis­ches oder kul­turelles Gefüge bilde­ten. Vielmehr waren sie oft Rivalen, teils sog­ar in Fehde miteinan­der. In einem späteren Bericht heißt es sin­ngemäß, man habe Men­schen „zusam­mengepfer­cht, die sich einan­der nie frei­willig genähert hätten“.

Die Fol­gen waren Span­nun­gen, Auf­stände und Aus­brüche aus dem Reser­vat– auch oft verur­sacht, um der man­gel­nden Ver­sorgung zu entkom­men — und eine Ver­wal­tung, die mit all dem über­fordert war.

„Hell’s 40 Acres“ – die Hölle als Heimat

Das Gebi­et um San Car­los war trock­en, heiß, steinig – eine der lebens­feindlich­sten Gegen­den des amerikanis­chen Süd­west­ens. Unter Sol­dat­en und Indi­an­er­a­gen­ten wurde es bald zynisch „Hell’s 40 Acres“ genan­nt – die 40 Hek­tar der Hölle. In Wahrheit war das Reser­vats­ge­bi­et wesentlich größer, doch der Spitz­name blieb haften und bringt die Ver­ach­tung zum Aus­druck, mit der nicht nur das Land, son­dern auch die gesamte Idee einer Reser­va­tion behan­delt wurde.

Wass­er war knapp, frucht­bar­er Boden eine Sel­tenheit. Krankheit­en wie Malar­ia bre­it­eten sich rasch aus. In den ersten Jahren war das Gebi­et medi­zinisch kaum ver­sorgt – viele Apachen star­ben an Fieber, ohne jemals Hil­fe zu sehen.

San Carlos Apache Indian Reservation, Arizona

San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion, Arizona

Ein Bruch mit der Lebensweise

Die Apachen soll­ten, so das erk­lärte Ziel der Regierung, zu sesshaften Farmern gemacht wer­den. Doch diese Vorstel­lung ver­fehlte die kul­turelle Real­ität völ­lig. Zwar baut­en die Apachen Feld­früchte an – Mais, Kür­bis, Mel­o­nen und Bohnen, sie baut­en Dämme zur Bewässerung ihrer Felder und hat­ten ihre Vor­ratsspe­ich­er in ver­steck­ten Höhlen. Ihr Leben­srhyth­mus war auf saisonale Bewe­gun­gen abges­timmt: Im heißen Som­mer zogen sie in den Nor­den, in die Berge des heuti­gen Ari­zona und New Mex­i­co, im Win­ter in die südlichen Berge der Sier­ra Madre in Mex­i­co. Die Apachen lebten immer in den Bergen, dort hat­ten sie soge­nan­nte “Strong­holds” — Bergfes­tun­gen, die leicht zu vertei­di­gen waren, mit Wass­er und frucht­barem Land.

Die unfrucht­baren Ebe­nen von San Car­los boten nicht nur schlechte land­wirtschaftliche Bedin­gun­gen, son­dern wider­sprachen auch dem, was für die Apachen lebenswerte und heilige Orte waren. Hier soll­ten sie bleiben – dauer­haft, regle­men­tiert, kon­trol­liert. Für viele war das keine Option. Sie flo­hen – in die umliegen­den Berge, zurück in ihre anges­tammten Gebi­ete, oft über die Gren­ze nach Mexiko. Manche schlossen sich dabei späteren Wider­stands­grup­pen an – wie die von Geron­i­mo oder Victorio.

Gebäude der alten San Carlos Reservats-Verwaltung

Gebäude der alten San Car­los Reser­vats-Ver­wal­tung, ca. 1895; dieser Ort liegt heute unter dem Coolidge Dam, der 1924 gebaut wurde (Foto: Pub­lic Domain)

Anfang eines lan­gen Konflikts

Die Jahre 1872 bis etwa 1876 markieren die erste Phase von San Car­los: eine Zeit des Zusam­men­bruchs tra­di­tioneller Struk­turen, aber auch eine Zeit des impro­visierten Über­lebens. Während sich Wash­ing­ton mit euphemistis­chen Bericht­en über Fortschritte beruhigte, ver­sucht­en die Apachen, sich in einer Umge­bung zurechtzufind­en, die ihnen fremd und feindlich war.

Die mil­itärischen und zivilen Behör­den vor Ort waren mit der Sit­u­a­tion über­fordert. Immer wieder kam es zu Ver­sorgungsen­g­pässen, Auf­stän­den, Rück­führungsak­tio­nen von geflüchteten Fam­i­lien – und zu wach­sender Gewalt­bere­itschaft auf bei­den Seiten.

Was fehlte, war ein durch­dacht­es Konzept – und der Wille, die kul­turelle Wirk­lichkeit der Men­schen zu ver­ste­hen, die man hier zusam­mengepfer­cht hatte.


3. Die ersten Jahre unter zivil­er Ver­wal­tung (1872–1877)

Zwi­schen Ide­al­is­mus und Ohn­macht – die frühen zivilen Agen­ten von San Carlos

Die ersten Ver­suche einer zivilen Verwaltung

Von Beginn der Reser­va­tion an ver­sucht­en mehrere zivile Agen­ten, die gewaltige Auf­gabe zu bewälti­gen, die mit der Ver­wal­tung der San Car­los Reser­va­tion ver­bun­den war. Einer von ihnen war Albert H. Pfeif­fer, ein Vet­er­an mit Erfahrung aus New Mex­i­co, der die Apachen kan­nte und in seinen Bericht­en betonte, dass sie nicht „wild“ oder unbelehrbar seien, son­dern unter den gegebe­nen Umstän­den schlicht keine Per­spek­tive hät­ten. Er set­zte sich mehrfach gegen betrügerische Ver­sorgungsverträge ein – oft vergeblich.

Auch William P. Blake, der unter anderem mit Ver­mes­sungs- und logis­tis­chen Auf­gaben betraut war, ta sein Bestes, die chao­tis­chen Zustände zu ordnen.

Die Agen­ten dieser frühen Jahre wur­den mit einem beschä­mend niedri­gen Gehalt, kaum Per­son­al und wider­sprüch­lichen Befehlen aus Wash­ing­ton kon­fron­tiert. Ihr Hand­lungsspiel­raum war ger­ing – und ihre Ver­ant­wor­tung enorm. Jed­er dieser Män­ner musste vor Ort impro­visieren, ver­han­deln, ver­mit­teln – und geri­et dabei oft zwi­schen alle Fronten.

John Clum: Selb­stver­wal­tung als Gegenentwurf

1874 wurde der damals erst 22-jährige John Philip Clum zum Indi­an­er­a­gen­ten in San Car­los ernan­nt. Er war kein Beruf­spoli­tik­er, kein Sol­dat, son­dern Mete­o­rologe und überzeugter Methodist.  Er war tief religiös, aber auch prag­ma­tisch – und davon überzeugt, dass die Apachen in der Lage seien, ihre Angele­gen­heit­en zumin­d­est teil­weise selb­st zu regeln.

John Clum in der Mitte, mit Diablo (Häuptling der White Mountain Apache) und Eskiminzim (Häuptling der Aravaipa-Apachen), ca. 1875

John Clum in der Mitte, mit Dia­blo (links, Häuptling der Cibecue-Apachen) und Eskim­inz­im (rechts, Häuptling der Ara­vaipa-Apachen), ca. 1875 (Foto: Pub­lic Domain)

Clum trat sein Amt in einer Phase an, in der die Reser­va­tion von Chaos, Mis­strauen und Gewalt geprägt war. Die Ver­sorgung war man­gel­haft, viele Apachen flo­hen, es gab keine ein­heitlichen Regeln oder Ordnung.

Seine Lösung war ein radikaler Ansatz: Selb­stver­wal­tung.

John Clum (rechts vorne) mit seiner Indianer-Polizei, Foto vor 1881

John Clum (rechts vorne) mit sein­er Indi­an­er-Polizei, Foto vor 1881 (Foto: Pub­lic Domain)

Clum bildete eine Polizei aus Apachen — eine Neuerung, die damals für Auf­se­hen sorgte. Den „Indi­an Police­men“ übertrug er Ver­ant­wor­tung und Entschei­dungs­befug­nisse. 
Neben der Polizei richtete er ein Gericht ein, eben­falls mit Apachen beset­zt. Diese durften nun – unter Auf­sicht, aber mit real­er Entschei­dungs­ge­walt – über kleinere Verge­hen und soziale Fra­gen in der eige­nen Gemein­schaft urteilen.

In einem Bericht schrieb er: 
„Die Apachen sind keine wilden Tiere, die man einsper­ren und füt­tern muss. Sie sind Men­schen mit Stolz, mit Fam­i­lie, mit einem Bedürf­nis nach Ordnung.“

Dieser neue Weg blieb nicht ohne Geg­n­er. Vor allem das Mil­itär sah in Clums Maß­nah­men eine Bedro­hung der eige­nen Autorität. Die Armee betra­chtete sich weit­er­hin als die eigentliche Ord­nungs­macht im Süd­west­en und war nicht bere­it, Kom­pe­ten­zen an zivile Reser­vat­sagen­ten – geschweige denn an Apachen – abzugeben. 

Clum weigerte sich, Geron­i­mo dem Mil­itär zu über­stellen, als dieser sich in San Car­los aufhielt – ein Akt, der als offen­er Affront gew­ertet wurde. Das Mil­itär reagierte mit wach­sen­dem Druck und wollte Clum von seinem Posten ent­fer­nt sehen. 

1877 trat John Clum schließlich von seinem Amt zurück. Er war zer­mürbt vom poli­tis­chen Druck, von den Intri­gen in Wash­ing­ton, aber auch von den lokalen Kon­flik­ten. Nach sein­er Abreise wurde das von ihm aufge­baute Sys­tem langsam wieder zurück­ge­baut – die Selb­stver­wal­tung eingeschränkt, die Kon­trolle wieder verstärkt.

Sein kurz­er Ver­such, den Apachen mit Respekt zu begeg­nen und ihnen Ver­ant­wor­tung zu über­tra­gen, blieb ein seltenes Beispiel für ein alter­na­tives Ver­wal­tungskonzept – inner­halb eines Sys­tems, das son­st fast auss­chließlich auf Unter­w­er­fung setzte.

Sein Rück­tritt bedeutete nicht das Ende der zivilen Ver­wal­tung – aber das Ende eines Ansatzes, der den Apachen mit Respekt begeg­nen wollte. Viele der Agen­ten, die Clum fol­gten, waren nicht weniger bemüht – aber sie hat­ten weniger Rück­halt. Und weniger Spielraum.

Mas­sak­er von Fort Grant, Umsied­lung der Ara­vaipa- und Pinal-Apachen

Ende April 1871 über­fiel in den Mor­gen­stun­den eine Gruppe von etwa 150 zivilen Per­so­n­en — weißen Amerikan­ern, Mexikan­er und Tohono O’od­ham (damals Papa­go-Indi­an­er genan­nt) — ein Lager von Ara­vaipa- und Pina-Apachen, die friedlich in der Nähe von Camp Grant lebten. Die ermorde­ten, ver­stüm­melten und skalpierten Toten waren haupt­säch­lich Frauen und Kinder, da die Män­ner in den Bergen zum Jagen waren. An die 30 Kinder wur­den ver­schleppt und als Sklaven nach Mexiko verkauft.

Camp Grant wurde bald darauf aufgelöst und die über­leben­den Ara­vaipa- und Pinal-Apachen nach San Car­los über­führt. Ihr Heimat­land wurde somit frei für weiße Siedler.

Auflö­sung der Chiricahua-Reservation

Nach dem Tod von Häuptling Cochise im Jahr 1874 wurde die ursprünglich für die Chir­ic­ahua (genauer: Choko­nen- oder Cochise-Apachen) ein­gerichtete Reser­va­tion im Südosten Ari­zonas aufgelöst. Die Apachen, die dort lebten, soll­ten zwangsweise nach San Car­los ver­legt wer­den – eine Maß­nahme, die auf hefti­gen Wider­stand stieß. 325 Chir­ic­ahua-Apachen kamen nach San Car­los, der Rest floh über die Gren­ze nach Mexiko, wo sie sich den let­zten noch freien Grup­pen anschlossen.

Die Auflö­sung des Chir­ic­ahua-Reser­vats erschüt­terte jeglich­es verbliebene Ver­trauen zwi­schen der US-Regierung und den südöstlichen Apachen­stäm­men – ein Ver­trauens­bruch, der unter anderem zur Radikalisierung von Geron­i­mo beitrug.

Umsied­lung der Yava­pai und Tonto-Apachen

Ein beson­ders tragis­ches Kapi­tel in dieser Zeit war die Zwang­sum­sied­lung der Yava­pai- und Ton­to-Apachen. Im Jahr 1875 ord­nete die US-Regierung die Schließung ihrer kleinen Reser­va­tio­nen rund um das heutige Fort Verde (nördlich­es Ari­zona) an. Über 1.400 Men­schen – Män­ner, Frauen, Kinder und Alte – wur­den gezwun­gen, im Win­ter einen Marsch von über 180 Meilen (ca. 290 Kilo­me­ter) nach San Car­los anzutreten.

Die Umstände waren katas­trophal: Viele waren unzure­ichend gek­lei­det, die Ver­sorgung auf dem Marsch man­gel­haft, ein Bliz­zard erschw­erte das Vorankom­men.  Hun­derte star­ben unter­wegs an Erkäl­tung, Hunger und Erschöp­fung. Zeitzeu­gen­berichte sprechen von einem der düster­sten Kapi­tel der Zwang­sum­sied­lungspoli­tik im Südwesten.

Erst Jahrzehnte später durften einige über­lebende Grup­pen in ihre alte Heimat zurück­kehren. Heute erin­nert die Camp Verde Yava­pai-Apache Nation an das Über­leben dieser Men­schen und an ihren lan­gen Weg zurück zu einem eige­nen Reservatsgebiet.


4. Mil­i­tarisierung und Wider­stand (1877–1881)

Zwi­schen erzwun­gener Ord­nung und dem Ruf der Freiheit

Nach Clum: Die Rück­kehr zur Kon­trolle von außen

Mit dem Rück­tritt John Clums im Jahr 1877 begann für San Car­los eine Phase, in der die zivilen Bemühun­gen um eine koop­er­a­tive Ver­wal­tung zunehmend durch mil­itärische Kon­trolle über­lagert wur­den. Die Armee betra­chtete San Car­los als poten­ziellen Unruhe­herd – und die dort leben­den Apachen als latente Bedrohung.

Zwar blieb das Indi­an Bureau for­mal zuständig, doch in der Prax­is war die mil­itärische Präsenz wieder bes­tim­mend. Die neu einge­set­zten zivilen Agen­ten hat­ten wenig Autorität – und wur­den oft zwi­schen den Inter­essen des Mil­itärs, den wirtschaftlichen Begehrlichkeit­en von außen und den Bedürfnis­sen der Apachen zerrieben.

Einer von ihnen war S. P. Smith, der um 1880 das Amt des Reser­vat­sagen­ten über­nahm. In einem inter­nen Bericht schreibt er:
“Die Posi­tion des Agen­ten in San Car­los ist nicht die einer Autorität, son­dern die einer ständi­gen Entschuldigung — bei der Armee, bei Wash­ing­ton, bei den Men­schen hier.”

Smith ver­suchte, die Ord­nung zu wahren, set­zte sich für bessere Ver­sorgung ein, kämpfte gegen Missstände – doch seine Lage war aus­sicht­s­los. Die Ver­wal­tung war per­son­ell unterbe­set­zt, die geliefer­ten Ratio­nen waren oft ver­dor­ben, ver­spätet oder unzure­ichend, es gab zuwenig Bek­lei­dung oder Deck­en im Win­ter, die Apachen hungerten und froren. Krankheit­en wie Malar­ia bre­it­eten sich erneut aus. Smiths Berichte zeigen einen Mann, der wusste, dass er zu wenig bewirken kon­nte – aber den­noch nicht aufgab.

Die wirtschaftliche Per­spek­tivlosigkeit wuchs – und mit ihr die Frus­tra­tion vie­ler Apachen.

Die Zwang­sum­sied­lung der Warm Springs Apachen

In diese Zeit fiel auch die fol­gen­schwere Entschei­dung, die Warm Springs Apachen (auch Mim­reño-Apachen genan­nt, Eigen­beze­ich­nung Chi­henne) unter Häuptling Vic­to­rio von ihrem anges­tammten Gebi­et in Ojo Caliente nach San Car­los zu verlegen.

Zuvor gab es für die Warm Springs Apachen zwei Reser­vate in ihrem Heimat­land, in der Nähe der heuti­gen Gila Wilder­ness in New Mex­i­co: Tularosa (1872–74, heute Aragon / NM) und Caña­da Alam­osa bzw. Ojo Caliente (1874–1877). Die Warn Springs Apachen waren vie­len Jahre bemüht gewe­sen, ein halb­wegs sta­biles Ver­hält­nis zur US-Regierung zu bewahren.

Doch die Entschei­dung, sie gewalt­sam in das über­füllte und kul­turell fremde San Car­los zu ver­legen, wurde zum Aus­lös­er eines neuen Auf­s­tandes. Vic­to­rio weigerte sich, seine Gruppe der Kon­trolle zu unter­w­er­fen, floh mit rund 150 Kriegern und ihren Fam­i­lien in die Sier­ra Madre – und begann einen Gueril­lakrieg, bekan­nt als “Victorio’s War”, der mehrere Jahre andauerte.

Für Vic­to­rio war das ein Bruch aller Zusagen – er floh mit sein­er Gruppe in die Sier­ra Madre nach Mex­i­co und begann einen Gueril­lakrieg, der jahre­lang andauerte, bekan­nt als “Victorio’s War”.

Vic­to­rio wurde 1880 in Mexiko getötet, doch sein Wider­stand hallte lange nach. Für viele Apachen war er ein Sym­bol für den Kampf gegen Entwurzelung und Entmündigung.

Apache Scouts: Dienst zwi­schen zwei Welten

Die Armee inten­sivierte in dieser Phase den Ein­satz der Apache Scouts – Män­ner, die im Dienst der US-Armee Jagd auf andere Apachen macht­en. Die Armee begriff bald, dass es nahezu unmöglich war, flüchtige Apachen aus­find­ig zu machen ohne Ein­satz der Apachen-Scouts, welche die örtlichen Gegeben­heit­en und die Lebensweise der Apachen gut kannten. 

Apachen-Scouts in Fort Wingate, New Mexico, ca. 1880

Apachen-Scouts in Fort Wingate, New Mex­i­co, ca. 1880 (Foto: Pub­lic Domain)

Die Rekru­tierung der Apachen-Scouts erfol­gte teils frei­willig, teils unter Druck – nicht sel­ten war der Dienst bei der Armee die einzige Möglichkeit, die Ver­sorgung für die eigene Fam­i­lie zu sich­ern. Manche Scouts waren mit jenen ver­wandt, die sie jagen soll­ten – eine zutief­st wider­sprüch­liche Rolle, die für viele zur seel­is­chen Belas­tung wurde.

Im August 1881 beim “Bat­tle of Cibecue” im Gebi­et der White Moun­tain Apache, wurde die Loy­al­ität der Apache-Scouts auf eine harte Probe gestellt. Nach­dem die Sol­dat­en einen Medi­z­in­mann getötet hat­ten, wurde von den Apachen-Scouts ver­langt, gegen ihre eige­nen Leute zu kämpfen. Jene, die sich gegen die Armee stell­ten, wur­den später vor Gericht gestellt und gehängt.

Ein frag­iles Gle­ichgewicht — zwi­schen Hoff­nung, Res­ig­na­tion und Widerstand

Die Jahre 1877 bis 1881 ste­hen exem­plar­isch für den insta­bilen Charak­ter der US-Indi­an­er­poli­tik: Ein Wech­sel­spiel aus Repres­sion, halb­herzi­gen Refor­men, struk­tureller Gewalt und punk­tuellen Akten der Men­schlichkeit. Agen­ten wie Smith ver­sucht­en, das Beste aus wenig zu machen – zwi­schen Loy­al­ität, Hil­flosigkeit und Erschöpfung.

Für die Apachen bedeutete diese Zeit eine per­ma­nente Span­nung zwi­schen Anpas­sung, Hoff­nung und dem ständi­gen Drang zur Flucht oder zum Wider­stand. Während einzelne Grup­pen flüchteten oder sich in den Bergen ver­steck­ten, ver­sucht­en andere, inner­halb der Reser­va­tion ein Stück Kon­trolle zurück­zugewin­nen. Es gab kleine Akte des Wider­stands: Ver­weigerung von Arbeit, geheime Zer­e­monien, Flucht aus Schulen, das Weit­ergeben ver­boten­er Geschicht­en und Heilmethoden.

Doch es gab auch größere Auf­stände: Zwi­schen 1879 und 1881 kam es wieder­holt zu Unruhen, vor allem unter jenen Grup­pen, die erst kurz zuvor nach San Car­los ver­legt wor­den waren.

Ein Regierungs­bericht aus dem Jahr 1880 fasst die Sit­u­a­tion nüchtern zusam­men:
„Das Reser­vat bleibt insta­bil. Die Ein­heimis­chen sind unzufrieden, ges­pal­ten und zunehmend unruhig.“ 

Die Ver­wal­tung hat­te das Ver­trauen vie­ler ver­loren. Und im Hin­ter­grund zeich­nete sich bere­its der näch­ste große Kon­flikt ab – einer, der bald das ganze Land in Atem hal­ten sollte: die let­zte Flucht und der let­zte Wider­stand von Geron­i­mo, dem bekan­ntesten Apache-Führer sein­er Zeit.


5. Der Höhep­unkt der Span­nun­gen (1881–1886)

Kon­trolle, Flucht – und der let­zte offene Wider­stand

Ein Sys­tem unter Druck

Ab 1881 ver­schärfte sich die Lage in San Car­los nochmals deut­lich. Die Zahl der in der Reser­va­tion leben­den Apachen stieg durch weit­ere Umsied­lun­gen, doch die Infra­struk­tur blieb unzure­ichend. Die Ver­wal­tung – nun wieder fest in der Hand extern­er Agen­ten – hat­te Mühe, Ord­nung zu hal­ten. Gle­ichzeit­ig wurde der äußere Druck durch Siedler, Mine­nun­ternehmen und Ranch­er immer größer.

Die Region war reich an Boden­schätzen. Gold, Sil­ber und Kupfer lock­ten Inve­storen – und viele hat­ten es auf Land abge­se­hen, das nominell den Apachen zuge­sprochen wor­den war. Doch die exak­te Grenzziehung der Reser­va­tion war oft unklar – ein Umstand, der sys­tem­a­tisch aus­genutzt wurde.

Ein Agent schrieb 1883 resig­niert:
„Ich kämpfe nicht nur gegen den Hunger, die Krankheit­en und das Mis­strauen der Men­schen hier – ich kämpfe gegen Speku­lanten, die mit jedem Geset­zeskniff ver­suchen, dieses Land zu entwenden.“

Ausweitung der Kon­trolle: Polizei, Schule, Mission

Um dem wach­senden Unmut in San Car­los zu begeg­nen, inten­sivierte die Regierung ihre Kon­troll­maß­nah­men. Die bere­its existierende Apachen-Polizei wurde aufge­stockt, ihre Befug­nisse erweit­ert. Sie war nun für die Durch­set­zung von Arbeit­sanord­nun­gen, Schulbe­suchen und Aus­gangsver­boten zuständig.

Zugle­ich wur­den mehrere Schulen errichtet – meist in Zusam­me­nar­beit mit protes­tantis­chen Mis­sion­s­ge­sellschaften. Offizielles Ziel war die Bil­dung, in der Prax­is bedeutete es jedoch kul­turelle Umerziehung: Die Kinder mussten Englisch sprechen, christliche Namen annehmen und ihre Mut­ter­sprache und Bräuche ablegen.

Viele Fam­i­lien schick­ten ihre Kinder den­noch in die Schule– nicht sel­ten aus Hoff­nung auf eine bessere Zukun­ft, manch­mal auch aus Angst vor Sanktionen.

Der Druck von außen: Siedler, Gold, poli­tis­che Interessen

Par­al­lel zu diesen Entwick­lun­gen stieg der Druck von außen. Weiße Siedler forderten Zugang zu Land und Ressourcen, Minenge­sellschaften trieben Tun­nel in die Erde nahe der Reser­vats­gren­ze. Immer häu­figer drangen sie in das Reser­vats­ge­bi­et ein – teils ille­gal, teils durch poli­tis­che Gefäl­ligkeit­en gedeckt.

Ein bekan­nter Kon­flik­therd war Globe, eine boomende Minen­stadt west­lich der Reser­va­tion. Immer wieder kam es zu Kon­flik­ten zwi­schen Apache-Fam­i­lien, die außer­halb der offiziellen Gren­zen ihre Felder bestell­ten, und bewaffneten Siedlern.

Die poli­tis­chen Ver­hält­nisse in Ari­zona und Wash­ing­ton macht­en die Lage zusät­zlich unüber­sichtlich. Lokale Abge­ord­nete nutzten anti­ndi­gene Rhetorik, um sich zu pro­fil­ieren. Die Armee drängte auf „schnelle Lösun­gen“. Die zivile Ver­wal­tung war zwi­schen allen Fron­ten zerrieben.

Geron­i­mo: Der let­zte große Widerstand

Inmit­ten dieser Span­nun­gen wuchs der Ein­fluss eines Mannes, der bis heute als Sym­bol für den Wider­stand der Apachen gilt: Geron­i­mo (Goy­aałé), Ange­höriger der Bedonko­he-Chir­ic­ahua. Geron­i­mo war nie Häuptling, aber er war ein ein­flussre­ich­er, redege­wandter Medi­z­in­mann. Er galt als zu impul­siv, zu wenig beson­nen und zu rach­süchtig, alles Eigen­schaften, die ihm das Amt eines Häuptlings verwehrten. 

Geron­i­mo hat­te sich in den 1870er Jahren mehrfach frei­willig nach San Car­los begeben, war jedoch zunehmend ent­täuscht von den gebroch­enen Ver­sprechen, der Enge, der Kon­trolle. Immer wieder floh er – mit kleinen Grup­pen in die Sier­ra Madre, oft begleit­et von Ver­wandten und Kriegern, darunter auch Frauen und Kinder.

Die Armee sah ihn als „unberechen­baren Unruh­es­tifter“, die Apachen hinge­gen als Über­leben­den eines Sys­tems, das sie zer­mal­men wollte. 

Zwi­schen 1883 und 1886 floh Geron­i­mo mehrmals aus San Car­los, lieferte sich mit der US-Armee und ihren Apache-Scouts ein Katz-und-Maus-Spiel in den Bergen Nord­mexikos. Seine Gruppe wurde immer klein­er – aber seine Sym­bol­kraft wuchs.

Die Kapit­u­la­tion von 1886 und die Depor­ta­tion der Chiricahua-Apachen

Im Sep­tem­ber 1886, nach monate­lan­gen Ver­hand­lun­gen und Ver­fol­gun­gen, kapit­ulierte Geron­i­mo mit seinen let­zten Getreuen bei Skele­ton Canyon in Mex­i­co. Damit war der let­zte offizielle mil­itärische Feldzug gegen einen bewaffneten indi­ge­nen Wider­stands in den USA beendet.

aufgenommen während der Kapitualitionsverhandlungen 1886; von links nach rechts: Fun, Chappo (Sohn von Geronimo), Yanozha, Geronimo

aufgenom­men während der Kapitu­ali­tionsver­hand­lun­gen 1886; von links nach rechts: Fun, Chap­po (Sohn von Geron­i­mo), Yanozha, Geronimo

Geron­i­mo und seine Gefol­gsleute wur­den nicht nach San Car­los zurück­ge­bracht, son­dern als Kriegs­ge­fan­gene nach Flori­da, später nach Alaba­ma und schließlich nach Okla­homa deportiert.
Aber nicht nur jene Chir­ic­ahuas, die aktiv beim let­zten Wider­stand dabei waren, son­dern auch jene, die seit Jahren friedlich in Reser­va­tio­nen lebten und sog­ar die loyalen Apachen-Scouts wur­den deportiert.

Ein ganzes Volk war 27 Jahre lang in Kriegs­ge­fan­gen­schaft — weil sie Chir­ic­ahua-Apachen waren. Sie soll­ten nie wieder in ihre Heimat zurück kehren, bis heute haben die Chir­ic­ahuas offiziell kein Stück ihrer Heimat zurück erhalten.

Viele in San Car­los reagierten mit Trauer – aber auch mit Erle­ichterung. Der Krieg war vor­bei. Doch der Preis war hoch: Die Kon­trolle über ihr Leben hat­ten die Apachen nicht zurück­ge­won­nen. Sie waren nun voll­ständig Teil eines Sys­tems, das sie von außen bestimmte.

Rück­blick auf eine Eskalation

Die Jahre 1881 bis 1886 ste­hen für das endgültige Scheit­ern eines möglichen Miteinan­ders. Selb­stver­wal­tungsver­suche waren abge­baut, die mil­itärische Dom­i­nanz gestärkt, kul­turelle Eigen­ständigkeit sys­tem­a­tisch unter­drückt worden.

San Car­los war kein Über­gang­spro­jekt mehr, keine „Zivil­isierungs­maß­nahme“, son­dern ein dauer­haftes Regime der Kon­trolle. Und zugle­ich war es ein Ort des Über­lebens – weil viele Apachen, trotz allem, nicht aufgaben.

Sie bewahrten ihre Sprache, ihre Zer­e­monien, ihre Geschicht­en – oft im Ver­bor­ge­nen, aber ungebrochen.


6. All­t­agsleben in der Reservation

Über­leben, Anpassen, Bewahren

Zwi­schen Vorschriften und Improvisation

Das tägliche Leben in der San Car­los Reser­va­tion war von Beginn an geprägt von Kon­trolle – und gle­ichzeit­ig von Man­gel. Die Ver­wal­tung stellte Regeln auf, doch kon­nte sie vieles davon kaum umset­zen. Die Agen­ten forderten Ord­nung, hat­ten aber wed­er Mit­tel noch Per­son­al. Was auf dem Papi­er wie eine „zivil­isatorische Maß­nahme“ aus­sah, war für viele Apachen der Ver­such, unter schwierig­sten Bedin­gun­gen irgend­wie zu überleben.

Ratio­nen – meist aus Mehl, Speck, Kaf­fee, Zuck­er – kamen zu spät, waren ver­dor­ben oder reicht­en nicht aus. Die Böden waren unfrucht­bar, das Wass­er knapp. Der Anbau von Mais, Bohnen oder Kür­bis­sen blieb vie­len Fam­i­lien vor­be­hal­ten, die sich eigene kleine Gärten anlegten – meist ohne staatliche Unterstützung. 

Wohnen, Ver­sorgung, das tägliche Überleben

Viele Apachen lebten in ein­fachen Hüt­ten oder tra­di­tionellen Behausun­gen wie Wick­i­ups – aus Ästen, Schlamm, Deck­en gebaut. Manche ver­sucht­en, die Lager nach ihren früheren Lebens­mustern zu struk­turi­eren: mit Rück­zugsräu­men, Rit­u­alplätzen, Kochstellen, Vor­rats­gruben. Doch die räum­liche Enge und die man­gel­nde Pri­vat­sphäre macht­en vieles unmöglich.

Jagen war den Reser­va­tions-Bewohn­ern ver­boten, Manche Agen­ten erlaubten es den­noch hin und wieder, damit die Apachen nicht ver­hungerten. Dies führte wiederum zu Kon­flik­ten mit Siedlern und Minenbetreibern.

Einige Agen­ten set­zten durch, dass Rinder als Start einer Rinder­herde eingekauft wur­den, damit die Apachen durch Viehzucht die Eigen­ver­sorgung mit Fleisch sich­er­stellen kon­nten. Da die Apachen hungerten und die Jagd ver­boten war, blieb nichts anderes übrig, als die Rinder zu schlachten. 

Die medi­zinis­che Ver­sorgung war dürftig. Malar­ia, Tuberku­lose und Unter­ernährung forderten viele Tote. 

Apachen kon­nten etwas Geld ver­di­enen durch den Verkauf von Korbflechtereien und Han­dar­beit­en an Händler und Mis­sion­are oder durch das Ern­ten von Heu für die Ver­sorgung der Armee-Pferde. 

Apache-Camp in San Carlos; Apachen bei einem beliebten Spiel, bei dem Stäbe durch einen rollenden Reifen geworfen werden (Foto: Public Domain)

Apache-Camp in San Car­los; Apachen bei einem beliebten Spiel, bei dem Stäbe durch einen rol­len­den Reifen gewor­fen wer­den (Foto: Pub­lic Domain)

Der All­t­ag als Akt des Widerstands

Inmit­ten von Kon­trolle, Man­gel und erzwun­gener Anpas­sung war jed­er gelun­gene Tag, jede bewahrte Geschichte, jedes über­lebte Rit­u­al ein klein­er Akt des Wider­stands.

Trotz aller Ver­bote über­lebten viele kul­turelle Prak­tiken: Die Sprache, das Erzählen von MythenZer­e­monien – sie wur­den oft im Ver­bor­ge­nen weit­ergegeben. Beson­ders ältere Frauen und Män­ner waren Träger dieses Wis­sens. Sie unter­richteten nicht in Schulz­im­mern, son­dern im Schat­ten der Bäume, im Flüster­ton beim Feuer­ma­chen, mit Liedern in der Dämmerung.

Und trotz allem: Die Apachen lebten weit­er. Sie gaben nicht auf. Sie passten sich an, ohne sich zu ver­lieren. In der San Car­los Reser­va­tion über­lebte nicht nur eine Gruppe – son­dern eine Geschichte, eine Kul­tur, ein tiefes Gefühl für das, was heilig ist.


7. Faz­it: Was bleibt von dieser Geschichte?

Ein Ort des Schmerzes – und der Stärke

Die Geschichte der San Car­los Reser­va­tion zwi­schen 1872 und 1886 ist keine Geschichte mit ein­fachem Anfang und klarem Ende. Sie ist ein Geflecht aus Wider­sprüchen, Stim­men und Schick­salen – aus verord­netem Fortschritt und ver­loren­em Land, aus staatlich­er Kon­trolle und inner­er Würde, aus Bürokratie, Gewalt, Anpas­sung und Überleben.

San Car­los war kein „friedlich­er Ort der Zivil­isierung“, wie es offizielle Berichte damals beschönigten. Es war ein Ort der Zwangskonzen­tra­tion, der Iso­la­tion, ein Raum zwi­schen den Wel­ten – zwi­schen zer­störter Ver­gan­gen­heit und ungek­lärter Zukun­ft. Und doch: Für viele Apachen wurde San Car­los nicht nur zum Sym­bol der Entrech­tung, son­dern auch zum Ort der Stand­haftigkeit.

Nicht alle waren Täter – aber das Sys­tem war brutal

Die Geschichte zeigt auch, dass es zu kurz greift, alle Indi­an­er­a­gen­ten pauschal als kor­rupt oder gewis­sen­los zu verurteilen. Män­ner wie Albert Pfeif­ferS. P. Smith oder John Clum ver­sucht­en, unter schwierig­sten Bedin­gun­gen einen Weg zu find­en, der den Apachen etwas Würde ließ. Sie kämpften gegen Vet­tern­wirtschaft, gegen Armeein­ter­essen, gegen poli­tis­chen Oppor­tunis­mus – und oft auch gegen ihre eigene Ohnmacht.

Sie wur­den, wie die Apachen selb­st, zu Opfern eines Sys­tems, das auf Kon­trolle, Unter­w­er­fung und Expan­sion aus­gelegt war – nicht auf Dia­log oder Men­schlichkeit. Ihre Namen sind fast vergessen. Doch ihre ehrlichen Bemühun­gen und ihre Men­schlichkeit ver­di­enen Erinnerung.

Die San-Car­los-Apachen: Ein Volk, das überlebte

Die Apachen passten sich an, wo sie mussten – und hiel­ten fest, wo sie konnten.

Sie flüsterten Geschicht­en weit­er, obwohl ihnen die Sprache ver­boten war. Sie hiel­ten Zer­e­monien im Schat­ten ab, obwohl man sie für hei­d­nisch erk­lärte. Sie baut­en Gärten auf unfrucht­barem Boden. Und sie lebten weit­er – in ihrer eige­nen Zeit, mit ihrer eige­nen Kraft.

Die Fol­gen dieser Anfangs­jahre wirken bis heute nach. Noch immer kämpfen viele indi­gene Gemein­schaften – nicht nur in San Car­los – mit den Langzeit­fol­gen von Ent­eignung, Iso­la­tion, Trau­ma und sys­tem­a­tis­ch­er Ent­mach­tung. Doch genau­so leben dort auch Tra­di­tio­nenStolz und eine tiefe spir­ituelle Verbindung zur Erde, die nie ganz ver­loren gingen.

Wer heute über San Car­los spricht, spricht nicht nur über ein Kapi­tel der US-Geschichte – son­dern über die Mech­a­nis­men, mit denen Men­schen ihrer Heimat, ihrer Sprache, ihrer Stimme beraubt wer­den. Und zugle­ich über jene Kraft, die sich nicht aus­löschen lässt.

San Car­los war ein Ver­such, ein Volk zu brechen.
Was blieb, ist ein Volk, das nicht aufgab.


Nach­wort

Warum ich diese Geschichte erzähle

Die Geschichte der San Car­los Reser­va­tion gehört zu jenen Kapiteln, über die man kaum etwas erfährt. Und doch ist sie zen­tral, wenn man das heutige Leben und die Her­aus­forderun­gen der Nachkom­men jen­er ersten Bewohn­er der San Car­los Reser­va­tion ver­ste­hen will. Und diese Geschichte ist auch ein Beispiel für die kolo­nialen Poli­tik Nor­damerikas und ganz beson­ders für die bru­tale Reser­va­tion­spoli­tik, welche Ein­wohn­er eines Lan­des dazu zwan­gen, eine fremde Lebensweise anzunehmen und die eige­nen Tra­di­tio­nen und Werte zu ver­leug­nen — und das auf beschränk­tem Raum und unter fremder Kontrolle. 

Ich habe diese Geschichte nicht aus der Ferne recher­chiert, son­dern durfte Zeit in San Car­los ver­brin­gen, Gespräche führen, Spuren suchen, Fra­gen stellen. Und ich habe gespürt, wie tief die Ereignisse jen­er Jahre bis heute in das Leben der Men­schen reichen.

Was mich beson­ders bewegt hat: In den Büch­ern wird haupt­säch­lich der kriegerische Wider­stand der Apachen gegen das über­mächtige Sys­tem der Vere­inigten Staat­en sicht­bar, nicht aber das tägliche Über­leben inner­halb dieses Sys­tems. Die Namen der großen Anführer sind bekan­nt – aber die Namen der Müt­ter, der Kinder, der alten Frauen und Män­ner, die in San Car­los aushar­rten, fehlen.

Ich möchte mit diesem Artikel ein Stück dazu beitra­gen, dass diese Geschichte sicht­bar wird – so fundiert wie möglich, mit tiefem Respekt gegenüber den Nachkom­men jen­er, deren Geschichte hier nur erzählt wird.

Würdi­gung der Dis­ser­ta­tion von William B. Kessel

Der vor­liegende Artikel basiert in weit­en Teilen auf der Dis­ser­ta­tion von William B. KesselA His­to­ry of the San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion, 1872–1886, ein­gere­icht 1972 an der Uni­ver­si­ty of Arizona.

Diese über 800 Seit­en umfassende Arbeit ist ein Meilen­stein his­torisch­er Forschung. Kessel hat darin nicht nur eine Fülle an offiziellen Doku­menten, Agen­ten­bericht­en, Armeep­ro­tokollen, Karten und Regierungsak­ten aus­gew­ertet – son­dern auch eine viel­stim­mige, kom­plexe Geschichte rekon­stru­iert, die in der Öffentlichkeit bis heute kaum bekan­nt ist.

Seine Dis­ser­ta­tion ist keine ober­fläch­liche Chronolo­gie von Dat­en und Ereignis­sen. Sie bietet tiefe Ein­blicke in die sozialen, poli­tis­chen und wirtschaftlichen Dynamiken, die zur Grün­dung und Entwick­lung der San Car­los Reser­va­tion führten. Beson­ders beein­druck­end ist die Genauigkeit, mit der Kessel die Span­nun­gen zwi­schen Mil­itär und zivil­er Ver­wal­tung, die Rolle einzel­ner Akteure sowie die struk­turelle Gewalt des Reser­va­tion­ssys­tems dokumentiert.

Ohne diese Forschungsar­beit wäre vieles von dem, was in diesem Artikel erzählt wird, nicht zugänglich – oder längst in Vergessen­heit geraten.

Mit großem Respekt vor der Arbeit dieses Autors und His­torik­ers sei sie hier aus­drück­lich gewürdigt.


Weit­er­führende Links


Lit­er­aturverze­ich­nis

Bret Harte, John:  The San Car­los Indi­an Reser­va­tion, 1872–1886: An Admin­is­tra­tive His­to­ry
      The Uni­ver­si­ty of Ari­zona., 1972

Thrapp, Dan L: The Con­quest of Apacheria,
      Uni­ver­si­ty of Okla­homa Press, 1967

Good­win, Greenville, Bas­so, Kei­th H.: West­ern Apache Raid­ing & War­fare,
      The Uni­ver­si­ty of Ari­zona Press, 1971

Sweeney, Edwin R.: From Cochise to Geron­i­mo — The Chir­ic­ahua-Apach­es 1874–1886
      The Uni­ver­si­ty of Ari­zona Press, 2010


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Apachen


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