In „Der gebrochene Pfeil“ reitet James Stewart als Tom Jeffords mutig und allein in das feindliche Lager des Apachen-Häuptlings Cochise. Er wird Blutsbruder des legendären Kriegers, vermittelt Frieden zwischen Apachen und Amerikanern, verliebt sich in eine Apachin und heiratet sie – um sie bald wieder auf tragische Weise zu verlieren.
Der Western von Delmer Daves aus dem Jahr 1950, mit James Stewart als Tom Jeffords, Jeff Chandler als Cochise und Debra Paget als Sonseeahray („Morgenstern“), beruht auf dem Buch Blood Brother („Blutsbrüder“) und auf wahren Begebenheiten.
Aber was davon ist Mythos, was Legende – und was lässt sich historisch wirklich belegen?
In diesem Artikel will ich der Person Tom Jeffords auf die Spur kommen. Ein Mann, der selbst kaum etwas Schriftliches hinterließ. Was wir über ihn wissen, stammt aus den Berichten seiner Zeitgenossen, aus alten Tagebüchern, Erinnerungen von Weggefährten und wenigen offiziellen Dokumenten. Es sind seine Taten und die Achtung, die ihm selbst unter seinen Feinden entgegengebracht wurde, die das Bild eines Mannes entstehen lassen, der zur richtigen Zeit das Richtige zu tun wusste.

Thomas Jefferson Jeffords, 1895
Vor allem aber war da diese außergewöhnliche Freundschaft: Ein Weißer und ein Apache, die eine enge Verbindung eingingen, als ihre beiden Völker im erbitterten Krieg miteinander standen: Tom Jeffords, der Pionier, Armee-Scout und Prospektor, und Cochise, der wahrscheinlich bedeutendste Häuptling der Apachen. Zwei Männer, die einander begegneten – und beschlossen, sich zu vertrauen.
Ob Tom Jeffords auch das reale Vorbild für Karl Mays Old Shatterhand und Cochise das Vorbild für Winnetou war, ist nicht belegt – aber vieles spricht dafür: Die Freundschaft zwischen einem Weißen und einem Apachen-Häuptling wurde zu dieser Zeit auch international bekannt.
Wer also war Tom Jeffords, was prägte ihn, was bewegte ihn und was ist dran an diesem außergewöhnlichen Mann, der soviel Sympathie und Respekt den Apachen entgegen brachte, sodass Cochise ihn als “Bruder” ansprach?
Inhaltsverzeichnis
- Kindheit in Ohio: Ein Leben zwischen Docks und Disziplin
- Frühe Seefahrt – Schule des Lebens
- Vom Farmkind zum Freigeist
- Im Bann des Goldes – Colorado, Kansas, New Mexico
- Im Herzen des Apachen-Landes – Tucson und Pinos Altos
- Der Bürgerkrieg beginnt – und Tom wird Scout
- Tausch, Tabak und Vertrauen — Jeffords als Händler
- Ein Land ohne Straßen – ein Risiko ohne Netz
- Keine Überfälle im Apachen-Territorium?
- Postreiter durch Apachenland – Jeffords’ riskante Route
- Westernmythos „Broken Arrow“ – wie eine Legende entstand
- Warum die Apachen kein Interesse am Überfall der Postreiter hatten
- Der Überfall bei Sonoita – und die Entführung von Felix Ward
- Das misslungene „Friedensgespräch“ am Apache Pass
- Aus Felix Ward wurde der Apache-Scout Mickey Free
- Ein verhängnisvoller Fehler — und zehn Jahre Krieg
- Was man über die erste Begegnung weiß
- Was die Chokonen überliefern — Bericht von Asa Daklugie
- Noch ein Freund von Cochise: Henry Clay Hooker — der gut gekleidete Rancher
1. Die frühen Jahre – Vom Docksjungen zum Captain
Kindheit in Ohio: Ein Leben zwischen Docks und Disziplin
Thomas Jefferson Jeffords wurde am 1. Januar 1832 im Chautauqua County im Bundesstaat New York geboren. Seine Eltern, Eber und Almira Jeffords, hatten jung geheiratet – er war 21, sie erst 16 Jahre alt. Tom war ihr viertes Kind von insgesamt zehn, aufgewachsen in einfachen, aber stabilen Verhältnissen.
Im Oktober 1825 wurde der Erie-Kanal eröffnet, der den Erie-See mit dem Hudson River und das Gebiet der Großen Seen mit New York City – und damit mit dem Atlantik und die ganze Welt – verband. Der Kanal brachte wirtschaftlichen Aufschwung in die gesamte Region.
Eber Jeffords sah wohl seine Chance gekommen, daran teilzuhaben. Als Tom sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Ashtabula, Ohio, an die Ufer des Erie-Sees.
Vater Eber war ein fleißiger Mann, doch das Einkommen reichte kaum aus, um die wachsende Familie zu ernähren. Toms Kindheit war geprägt von Entbehrung, harter Arbeit, Disziplin – und der frühen Übernahme von Verantwortung. Statt Schulbildung hieß es für die Söhne: mitarbeiten — auf den Docks, auf den Schiffen und überall dort, wo es etwas zu tun gab und man etwas verdienen konnte.
Frühe Seefahrt – Schule des Lebens
Die Binnenschifffahrt boomte – und vier der Jeffords-Söhne heuerten auf Schiffen an. Zwei seiner Brüder waren bereits in ihren frühen Zwanzigern Kapitäne. Auch Tom ging diesen Weg.
Die Jahre auf dem Wasser prägten ihn: Er lernte, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu tragen, mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zurecht zu kommen, er lernte zu führen und in kritischen Momenten Ruhe zu bewahren. Eigenschaften, die ihm später – als Scout, Postreiter, Verhandler – oft zugeschrieben wurden.
Aus seiner Zeit als Binnenschifffahrt-Kapitän blieb ihm der Titel “Captain”.
Vom Farmkind zum Freigeist
1850 hatte Eber endlich genug Geld gespart, um eine Farm zu kaufen — in der Nähe von Morgan, in Ashtabula County. Zu dieser Zeit waren seine älteren Söhne bereits auf See.
Vielleicht war es die harte Realität seiner Kindheit, die in ihm den Vorsatz weckte, erst ein selbstständiges Leben aufzubauen, bevor er sich dauerhaft binden würde. Er blieb zeitlebens – wie auch drei seiner Geschwister – unverheiratet.
1862 fiel Eber Jeffords im Amerikanischen Bürgerkrieg und wurde in Nashville, Tennessee begraben. Drei seiner Söhne kämpften damals an seiner Seite.
Tom war zu diesem Zeitpunkt längst im Westen – auf der Suche nach Gold, Abenteuern, und vielleicht auch nach seinem Platz in dieser Welt.
2. Goldrausch & Grenzerfahrung – Auf der Suche nach Abenteuern
Im Bann des Goldes – Colorado, Kansas, New Mexico
Um 1858 folgte Tom Jeffords dem Ruf des Goldes – wie so viele Männer seiner Zeit.
Der Pike’s‑Peak-Goldrausch führte ihn nach Colorado. Dort arbeitete er nicht nur als Goldsucher, sondern auch als Vermesser. Er war beteiligt am Bau einer Straße von Leavenworth, Kansas, nach Denver – ein Großprojekt in damals kaum erschlossenem Gebiet.
In dieser Zeit lernte er den Beruf des Prospektors und Vermessers, der ihn sein Leben lang begleiten sollte.
In Denver kandidierte er für ein politisches Amt und wurde Teilhaber an einem Bergbau-Claim. Doch die Stadt war nur eine Zwischenstation.
Bereits im Herbst 1859 zog es ihn weiter nach Taos in New Mexico, wo er den Winter verbrachte, um im Frühjahr den nächsten Goldrausch zu verfolgen – in die San Juan Mountains.
Doch auch dort währte der Boom nicht lange.
Im Herzen des Apachen-Landes – Tucson und Pinos Altos
1860 erreichte Tom – nach eigenen Angaben – zum ersten Mal das Gebiet des heutigen Arizona, das damals noch zum New-Mexico-Territorium gehörte.
Über Tucson, das er später als „kleines Nest mit kaum mehr als hundert Bewohnern“ beschrieb, zog er weiter nach Gila City, wo zwei Jahre zuvor Gold gefunden worden war. Als er dort ankam, war der Goldrausch bereits abgeklungen.
Von dort kehrte er wieder nach Osten zurück – nach Pinos Altos, nahe dem heutigen Silver City in New Mexico. Ein abgelegener Ort, hoch gelegen inmitten dichter Wälder – aber mitten im Gebiet der Gila-Apachen unter ihrem Häuptling Mangas Coloradas.

Pinos Altos, New Mexico
Die Goldgräber, meist raue skrupellose Männer, betrachteten die Apachen als Hindernis, denen man ganz selbstverständlich das Land und auch das Leben nehmen konnte. Die Apachen wehrten sich: Sie überfielen Goldgräberlager und versuchten, die Eindringlinge zu vertreiben.
Der Bürgerkrieg beginnt – und Tom wird Scout
1861 brach der Amerikanische Bürgerkrieg aus – und mit ihm veränderte sich die Welt im Westen erneut.
Tom Jeffords stellte sich in den Dienst der Unionstruppen. 1862 war er als Scout bei der US-Armee gelistet, im Gebiet zwischen Las Cruces und Fort Craig am Rio Grande. Fort Craig war zu jener Zeit mit rund 2.000 Soldaten das größte Fort der Region.
In seiner Funktion übernahm Jeffords einen gefährlichen Auftrag: Er sollte eine Botschaft an die vorrückende „California Column“ überbringen – rund 500 Meilen weit, durch von Apachen kontrolliertes Gebiet.
Er ritt allein, ohne Eskorte, ohne Rückendeckung. Dass er diese Mission überlebte, lag wahrscheinlich an seinem Gespür für das Land – und vielleicht auch an seinem Auftreten.
Tausch, Tabak und Vertrauen — Jeffords als Händler
Nach dem Krieg ließ sich Jeffords dauerhaft im Südwesten nieder. Der Osten war nicht mehr seine Welt. Er wurde zu einem Mann zwischen den Kulturen – Grenzgänger, Prospektor, Scout, Händler.
Im Dezember 1869 erhielt sein gemeinsames Unternehmen mit Elias C. Brevoort die Händlerlizenz in der Canada Alamosa Reservation, die für die Mimbres- und Gila-Apachen in New Mexico eingerichtet worden war. Doch bereits im Frühjahr 1870 verlor er diese Lizenz wieder – wegen eines Streits mit dem zuständigen Leiter des Reservats.
1870 war Jeffords 34 Jahre alt. Mit seinem Geschäftspartner Brevoort betrieb er in Pulvedero, nördlich von Socorro in New Mexico, einen Gemischtwarenladen.
3. Postreiter – Zwischen Mythos und Wirklichkeit
Ein Land ohne Straßen – ein Risiko ohne Netz
Heute sind Arizona und New Mexico immer noch dünn besiedelt – doch im Jahr 1860 war der Süden des Territoriums praktisch leer. Östlich von Fort Yuma gab es nur wenige Orte: Tubac, Tucson, Pinos Altos, Mesilla.
Dazwischen: hunderte Meilen offenes Land, kaum Wege, keine Infrastruktur – und schon gar keinen regelmäßigen Nachrichtendienst.
Eine Region ohne regulären Postbetrieb bedeutet nicht nur keine Nachricht von den weit entfernten lieben Verwandten, sondern: keine Bestellungen, kein Handel, keine Verträge, keine Expansion — keine Zukunft.
1857 beschloss der US-Kongress den Aufbau einer südlichen Überland-Postroute, die auch im Winter passierbar sein sollte. Zunächst brachte die San Antonio–San Diego Mail Line mit dem Spitznamen „Jackass Mail“ die Post von San Antonio in Texas über El Paso, Tucson und Maricopa Wells bis nach San Diego in Kalifornien.
Ab 1858 übernahm die Butterfield Overland Mail.
Ihre Route führte von St. Louis nach San Francisco — 2.800 Meilen in 23 bis 25 Tagen.
Die Kutschen waren — anders als in Hollywood-Western — eng und unbequem, mit Segeltuchplanen an den Seiten. Sie fuhren Tag und Nacht mit nur kurzen Pausen. An den Stationen, die alle 15 bis 20 Meilen lagen, wurden Pferde gewechselt, schnelle Mahlzeiten serviert und Fahrer ausgetauscht.

Butterfield Overland Trail, Gedenktafel in Mesilla, New Mexico
Keine Überfälle im Apachen-Territorium?
Die Strecke führte direkt durch das Gebiet der Apachen. Doch zunächst kam es kaum zu Überfällen.
Die Butterfield Company machte Häuptlingen wie Mangas Coloradas und Cochise regelmäßig Geschenke – Werkzeuge, Decken, Lebensmittel – um ein gutes Auskommen mit ihnen zu haben. Und es funktionierte: Die Apachen griffen weder Postkutschen noch Stationen an.
Erst mit dem Beginn des Bürgerkriegs änderte sich das. 1861 wurde die südliche Postroute eingestellt, die Forts Buchanan und Breckenridge geräumt. Die wenigen Siedler waren auf sich allein gestellt – und die Apachen sahen ihre Chance gekommen, ihr Land zurückzuerobern. Tubac wurde überfallen, die Bevölkerung floh nach Osten.
Zwischen 1864 und 1874 übernahm die Armee den Postdienst. Auch in dieser Zeit blieb die Route weitgehend sicher. Überfälle auf die Postreiter waren die Ausnahme.
Postreiter durch Apachenland — Jeffords’ riskante Route
1868 gründeten George W. Cook und John M. Shaw die „Southern Overland U.S. Mail and Express Line“ – eine private Postlinie zwischen Santa Fe und Tucson.
Tom Jeffords übernahm die Leitung des Abschnitts von Socorro bis Tucson. Zweimal pro Woche ritten Postboten durch Apachengebiet – unter Jeffords’ Verantwortung.
Später hieß es oft, dass dabei 20 bis 22 Postreiter ums Leben kamen und Jeffords große Mühe hatte, neue Reiter zu finden.
Doch: Zeitungen berichteten damals über jeden Überfall und ss gibt Berichte oder sonstigen Belege für solche Zahlen. Eine so gefährliche Route wäre zudem längst eingestellt worden.
Die Tatsachen widersprechen der Legende. Aber wie kam es zu dieser Legendenbildung?
Westernmythos „Broken Arrow“ – wie eine Legende entstand
Der Roman Blood Brother von Elliott Arnold, erschienen 1947, erzählte die Geschichte von Tom Jeffords und Cochise – stark ausgeschmückt und literarisch verdichtet.
1950 wurde daraus der Film Der gebrochene Pfeil mit James Stewart. In einer ikonischen Szene reitet Jeffords allein und unbewaffnet in das Lager von Cochise, um ihn zu bitten, seine Postreiter nicht mehr anzugreifen.
Es ist ein starkes Bild, aber historisch sehr zweifelhaft.
Auch ein Interview aus dem Jahr 1914, das Robert Forbes mit dem alten Jeffords führte, befeuerte die Legende. Jeffords brach das Gespräch ab – ging wortlos und kehrte nicht zurück. Dennoch veröffentlichte Forbes später seine eigene Version: Jeffords habe ihm erzählt, dass er allein in das Camp der überraschten Apachen geritten sei.

Broken Arrow / Der gebrochene Pfeil — Filmplakat
Warum die Apachen kein Interesse am Überfall der Postreiter hatten
Wer heute weiß, wo das Lager von Cochise lag – tief in den Dragoon Mountains –, erkennt sofort, wie absurd diese Legende ist. Ein Lager der Apachen hoch in den Bergen wurden aus gutem Grund als “Stronghold”, also als “Festung” bezeichnet.
Das Camp von Cochise war eine natürliche Bergfestung, geschützt durch Felsformationen und Ausläufer, mit freiem Blick auf das Umland. Cochise und seine Späher konnten Bewegungen auf der Route von Fort Bowie nach Tucson und herannahende Soldaten aus Fort Bowie im Osten und Fort Buchanan im Westen zwei Tagesritte im Voraus beobachten.
Im Jahr 1872, während der Friedensverhandlungen mit General Howard, führte Cochise dessen Adjutanten Joseph Sladen auf einen dieser Aussichtspunkte. Sladen sah Reiter weit unten auf der Straße – und Cochise sagte ruhig: „Ich hätte sie jederzeit überfallen können – aber ich habe es nicht getan.“
Die Apachen hatten kein Interesse daran, die Postkutschen anzugreifen. Sie waren kein lohnendes Ziel – und zu gut bewacht. Cochise antwortete Joseph Sladen auf dessen Frage, warum die Postreiter kein lohnendes Ziel waren: Ein Überfall auf Regierungsboten hätte unnötigen Ärger mit der Armee verursacht.
Die Legende vom heldenhaften Einzelritt blieb haften – vielleicht, weil sie so gut in Hollywood passte. Aber die Wahrheit ist, wie so oft, stiller – und vielleicht gerade deshalb beeindruckender.
4. Bascom-Affäre & Felix Ward – Der Funke, der ein Jahrzehnt Krieg entfachte
Der Überfall bei Sonoita – und die Entführung von Felix Ward
Im Januar 1861 wurde die Ranch von Johnny Ward am Sonoita Creek überfallen – südlich der heutigen Ortschaft Patagonia, nahe der mexikanischen Grenze. Eine Gruppe Apachen stahl Vieh und nahm den Stiefsohn des Ranchers mit, den zehn- bis zwölfjährigen Felix Ward.
Lieutenant George Bascom, ein junger Offizier aus Fort Buchanan, rückte mit 54 Soldaten aus, um die Täter zu finden. Ohne klare Beweise verdächtigte er die Apachen von Cochise und machte sich mit seinen Soldaten auf in die Chiricahua Mountains.
Zu dieser Zeit lebten Cochise und seine Leute relativ friedlich mit den Weißen im Süden Arizonas. Die Apachen-Frauen verkauften Feuerholz, Heu und andere Vorräte an die Soldaten in den Forts. Überfälle führten sie, wenn überhaupt, in Mexiko durch – nicht auf US-amerikanischem Gebiet.
Das misslungene „Friedensgespräch“ am Apache Pass
Anfang Februar schlug Bascom sein Lager am Apache Pass auf und ließ nach Cochise schicken, angeblich zu einem freundschaftlichen Gespräch. Cochise, arglos, kam mit seiner Frau, zwei Jungen — vermutlich sein Sohn und ein Neffe — sowie drei weiteren Apachen, darunter sein Bruder Coyuntura.
Der Lieutenant lud zu einem Essen in sein Zelt. Dort konfrontierte er Cochise mit der Forderung, das gestohlene Vieh und den Jungen herauszugeben. Cochise bestritt jede Beteiligung. Er bot an, zehn Tage Zeit zu bekommen, um Nachforschungen anzustellen – er habe eine Ahnung, welche Gruppe verantwortlich sein könnte.
Bascom willigte ein, erklärte jedoch, Cochise müsse bis dahin als “Gast” im Lager bleiben – was bedeutete: als Gefangener.
Ihn der Lüge zu bezichtigen, war für einen Apachen-Häuptling eine grobe Beleidigung – und eine ernsthafte Gefahr. Cochise wusste wie solche Gespräche mit Weißen ausgehen konnten: Sein Vater war bei einem angeblichen Friedensgespräch ermordet worden. Cochise griff zum Messer, schnitt die Zeltwand auf – und entkam unter den Schüssen der Soldaten.

Hier — in der Nähe von Apache Pass — hatte Lt. Bascom sein Camp, Cochise entkam zwischen den 2 Hügeln links
Bascom hielt Cochises Angehörige gefangen. Cochise nahm im Gegenzug einige Weiße fest, um sie auszutauschen. Doch der Austausch kam nicht zustande. Schließlich ließ Cochise seine Gefangenen töten – und Bascom ließ drei der gefangenen Apachen, darunter Coyuntura, am Apache Pass hängen.
Die Frau von Cochise und die beiden Jungen wurden später freigelassen. Doch das Vertrauen war zerstört.
Aus Felix Ward wurde der Apache-Scout Mickey Free
Tatsächlich hatte Cochise die Wahrheit gesprochen: Seine Leute waren nicht am Überfall beteiligt.
White Mountain Apachen waren für den Überfall verantwortlich, sie hatten den Jungen mitgenommen.
Felix Ward wuchs bei seiner Apachen-Familie auf und blieb zeitlebens in Fort Apache, der Reservation der White Mountain Apache. Er wurde ein bekannter Apache-Scout mit dem Namen Mickey Free. Er heiratete und hatte Kinder.
Später hatte er Kontakt mit seinem leiblichen Bruder, kehrte jedoch nie wieder in die Welt der Weißen zurück.

Mickey Free, Apache-Scout
Ein verhängnisvoller Fehler — und zehn Jahre Krieg
Mit der sogenannten “Bascom-Affäre” begann ein erbitterter, zehnjähriger Krieg zwischen Cochise und den Weißen. Die Apachen führten einen Guerillakrieg. Sie schlugen zu, zogen sich zurück, verschwanden im Land, das sie kannten wie ihre eigenen Handflächen.
Als der Bürgerkrieg ausbrach und viele Militärposten in Arizona aufgegeben wurden, glaubten die Apachen eine Zeit lang, sie könnten die weißen Siedler vertreiben und ihr Land zurückgewinnen.
Doch was als Verteidigung begonnen hatte, wurde bald zur endlosen Spirale aus Gewalt, Vergeltung, Verrat – und wachsendem Hass.
Die Bascom-Affäre war ein tragisches Missverständnis – und ein Wendepunkt. Sie wurde zum Auslöser eines Krieges, der hätte vermieden werden können. Aus Arroganz, aus kulturellem Unverständnis, aus einem falschen Gefühl der Überlegenheit.
Und sie erklärt, warum es so bedeutsam war, dass Cochise zehn Jahre später einem Weißen sein Vertrauen schenkte: Tom Jeffords.
5. Tom Jeffords und Cochise schließen Freundschaft
Was man über die erste Begegnung weiß
Wann genau sich Tom Jeffords und Cochise zum ersten Mal begegneten, ist nicht eindeutig überliefert. Es gibt Hinweise auf das Jahr 1869 – vielleicht auch 1870. Jeffords selbst erwähnte 1872 gegenüber Gouverneur Anson Safford, dass er Cochise „seit etwa drei Jahren“ kenne..
Einige Historiker vermuten, dass Jeffords bereits zuvor – möglicherweise während seiner Zeit als Händler bei Canada Alamosa – erste Kontakte zu Apachen aus dem Umfeld von Cochise hatte. Denkbar ist auch, dass er nachdem Verlust der Handels-Lizenz in der Canada Alamosa-Reservation dennoch weiterhin Handel mit den Apachen betrieb und dabei Cochise getroffen hatte.
Was die Chokonen überliefern — Bericht von Asa Daklugie

Häuptling Naiche, Sohn von Cochise; nach Zeitzeugen soll er seinem Vater sehr ähnlich gesehen haben
Asa Daklugie, der Neffen von Geronimo und Sohn des Häuptlings Juh, erzählte Eve Ball in den 1950er-Jahren jene Version, die von den Chokonen selbst überliefert wurde.
Demnach sei Jeffords von Apachen etwa zehn Jahre nach der Bascom-Affäre aufgegriffen worden, während er allein im Land der Chokonen unterwegs war.
Sie seien von seiner Ruhe, seinem Mut und seinem Auftreten beeindruckt gewesen.
Statt ihn zu töten – was in diesen kriegerischen Zeiten durchaus üblich gewesen wäre – hätten sie ihn zu Cochise gebracht.
Daklugie sagte über die Freundschaft von Tom Jeffords und Cochise:
„Cochise hatte sich seit der Bascom-Affäre von den Weißaugen abgeschottet, und die Annahme eines weißen Mannes als Freund war ein Tribut an einen tapferen Mann. Es gab kein größeres Lob für Jeffords, als zu sagen, dass er die Freundschaft von Cochise gewonnen hatte.“
In der Welt der Apachen galt Mut, Besonnenheit, Freundschaft und Ehrlichkeit als hohe Tugenden. Dass Jeffords in dieser Welt respektiert wurde, war keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Würdigung und Anerkennung seines Charakters.
Noch ein Freund von Cochise: Henry Clay Hooker — der gut gekleidete Rancher
Die Legende besagt, dass Jeffords der einzige weiße Freund von Cochise war.
Es ist jedoch überliefert, dass Cochise und seine Apachen auch während der Zeit des zehnjährigen Krieges zwischen Apachen und Weißen noch zumindest einen weiteren weißen Freund hatten: Henry Clay Hooker.
Hooker war Rancher und Besitzer der Sierra Bonita Ranch, die noch heute im Familienbesitz ist.
Er war bekannt dafür, dass er stets elegant gekleidet war, mit Anzug und Fliege — sogar wenn er wie üblich anstatt auf dem Pferderücken mit seiner Kutsche sein Vieh beaufsichtigte.
Dabei sah er sich eines Tages von Apachen umzingelt. Sein ungewöhnliches Äußeres und zudem seine Ruhe und Besonnenheit beeindruckten die Apachen. Und so brachten ihn zu Cochise.

Henry Clay Hooker
Dort blieb es als Gast über Nacht und revanchierte sich mit einem Angebot im Gegenzug für die Erlaubnis, sein Vieh auf Apachenland weiden zu lassen: Er würde die Apachen dafür regelmäßig mit Rindern beliefern.
So wurden auch Hooker und Cochise Freunde. Die Legende besagt, dass Cochise in seiner Lieblingsdecke eingewickelt begraben wurde. Die Decke war ein Geschenk von Henry Clay Hooker.
Was weiter geschah — Ausblick auf Teil 2
Zehn Jahre Krieg hatten das Land verwundet. Weiß und Rot schenkten einander kein Vertrauen mehr – und keine Gnade.
Doch dann traf ein ungewöhnlicher General in Arizona ein: Oliver Otis Howard, der einarmige christliche General, mit direktem Auftrag vom Präsidenten.
Er suchte vergeblich den Weg zu Cochise – bis er auf Tom Jeffords traf.
Was dann geschah, war so nicht geplant. Es gab einen Vertrag, der nie schriftlich festgehalten, nie unterzeichnet wurde.
Aber es veränderte die Geschichte des amerikanischen Südwestens.
➪ Weiterlesen Teil 2: Tom Jeffords (Teil 2) – Freundschaft und Frieden mit Cochise
Weiterführende Links:
Zur Geschichte der Anfangsjahre der San Carlos Apache Indian Reservation:
➪ San Carlos Apache Reservation – die frühen Jahre 1872 bis 1886
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Literaturverzeichnis:
Arnold, Elliot: Blood Brother; New York: Hawthorne Books, 1947
Ball, Eve: Indeh: An Apache Odyssey; Provo, Utah: Brigham Young University, 1980
Hocking, Doug: Tom Jeffords — Friend of Cochise; TwoDot, 2017
Sweeney, Edwin R.: From Cochise to Geronimo: The Chiricahua Apaches, 1874–1886; University of Oklahoma Press, 2012
Thrapp, Dan L.: The Conquest of the Apacheria; Norman: University of Oklahoma Press, 1988