Juli 6, 2025

Tom Jeffords (Teil 1) – Vom Captain zum Scout im Apachen-Land

In Der gebroch­ene Pfeil reit­et James Stew­art als Tom Jef­fords mutig und allein in das feindliche Lager des Apachen-Häuptlings Cochise. Er wird Bluts­brud­er des leg­endären Kriegers, ver­mit­telt Frieden zwi­schen Apachen und Amerikan­ern, ver­liebt sich in eine Apachin und heiratet sie – um sie bald wieder auf tragis­che Weise zu verlieren.

Der West­ern von Delmer Dav­es aus dem Jahr 1950, mit James Stew­art als Tom Jef­fords, Jeff Chan­dler als Cochise und Debra Paget als Son­seeahray („Mor­gen­stern“), beruht auf dem Buch Blood Broth­er („Bluts­brüder“) und auf wahren Begebenheiten.

Aber was davon ist Mythos, was Leg­ende – und was lässt sich his­torisch wirk­lich belegen?

In diesem Artikel will ich der Per­son Tom Jef­fords auf die Spur kom­men. Ein Mann, der selb­st kaum etwas Schriftlich­es hin­ter­ließ. Was wir über ihn wis­sen, stammt aus den Bericht­en sein­er Zeitgenossen, aus alten Tage­büch­ern, Erin­nerun­gen von Wegge­fährten und weni­gen offiziellen Doku­menten. Es sind seine Tat­en und die Achtung, die ihm selb­st unter seinen Fein­den ent­ge­genge­bracht wurde, die das Bild eines Mannes entste­hen lassen, der zur richti­gen Zeit das Richtige zu tun wusste.

Thomas Jefferson Jeffords, 1895

Thomas Jef­fer­son Jef­fords, 1895

Vor allem aber war da diese außergewöhn­liche Fre­und­schaft: Ein Weißer und ein Apache, die eine enge Verbindung eingin­gen, als ihre bei­den Völ­ker im erbit­terten Krieg miteinan­der standen: Tom Jef­fords, der Pio­nier, Armee-Scout und Prospek­tor, und Cochise, der wahrschein­lich bedeu­tend­ste Häuptling der Apachen. Zwei Män­ner, die einan­der begeg­neten – und beschlossen, sich zu vertrauen.

Ob Tom Jef­fords auch das reale Vor­bild für Karl Mays Old Shat­ter­hand und Cochise das Vor­bild für Win­netou war, ist nicht belegt – aber vieles spricht dafür: Die Fre­und­schaft zwi­schen einem Weißen und einem Apachen-Häuptling wurde zu dieser Zeit auch inter­na­tion­al bekannt.

Wer also war Tom Jef­fords, was prägte ihn, was bewegte ihn und was ist dran an diesem außergewöhn­lichen Mann, der soviel Sym­pa­thie und Respekt den Apachen ent­ge­gen brachte, sodass Cochise ihn als “Brud­er” ansprach?

Inhaltsverze­ich­nis 

  • Kind­heit in Ohio: Ein Leben zwi­schen Docks und Disziplin
  • Frühe Seefahrt – Schule des Lebens
  • Vom Farmkind zum Freigeist
  • Im Bann des Goldes – Col­orado, Kansas, New Mexico
  • Im Herzen des Apachen-Lan­des – Tuc­son und Pinos Altos
  • Der Bürg­erkrieg begin­nt – und Tom wird Scout
  • Tausch, Tabak und Ver­trauen — Jef­fords als Händler
  • Ein Land ohne Straßen – ein Risiko ohne Netz
  • Keine Über­fälle im Apachen-Territorium?
  • Postre­it­er durch Apachen­land – Jef­fords’ riskante Route
  • West­ern­mythos „Bro­ken Arrow“ – wie eine Leg­ende entstand
  • Warum die Apachen kein Inter­esse am Über­fall der Postre­it­er hatten
  • Der Über­fall bei Sonoi­ta – und die Ent­führung von Felix Ward
  • Das miss­lun­gene „Friedens­ge­spräch“ am Apache Pass
  • Aus Felix Ward wurde der Apache-Scout Mick­ey Free
  • Ein ver­häng­nisvoller Fehler — und zehn Jahre Krieg
  • Was man über die erste Begeg­nung weiß
  • Was die Choko­nen über­liefern — Bericht von Asa Daklugie
  • Noch ein Fre­und von Cochise: Hen­ry Clay Hook­er — der gut gek­lei­dete Rancher

1. Die frühen Jahre – Vom Dock­sjun­gen zum Captain

Kind­heit in Ohio: Ein Leben zwi­schen Docks und Disziplin

Thomas Jef­fer­son Jef­fords wurde am 1. Jan­u­ar 1832 im Chau­tauqua Coun­ty im Bun­desstaat New York geboren. Seine Eltern, Eber und Almi­ra Jef­fords, hat­ten jung geheiratet – er war 21, sie erst 16 Jahre alt. Tom war ihr viertes Kind von ins­ge­samt zehn, aufgewach­sen in ein­fachen, aber sta­bilen Verhältnissen.

Im Okto­ber 1825 wurde der Erie-Kanal eröffnet, der den Erie-See mit dem Hud­son Riv­er und das Gebi­et der Großen Seen mit New York City – und damit mit dem Atlantik und die ganze Welt – ver­band. Der Kanal brachte wirtschaftlichen Auf­schwung in die gesamte Region.

Eber Jef­fords sah wohl seine Chance gekom­men, daran teilzuhaben. Als Tom sieben Jahre alt war, zog die Fam­i­lie nach Ashtab­u­la, Ohio, an die Ufer des Erie-Sees.

Vater Eber war ein fleißiger Mann, doch das Einkom­men reichte kaum aus, um die wach­sende Fam­i­lie zu ernähren. Toms Kind­heit war geprägt von Ent­behrung, har­ter Arbeit, Diszi­plin – und der frühen Über­nahme von Ver­ant­wor­tung. Statt Schul­bil­dung hieß es für die Söhne: mitar­beit­en — auf den Docks, auf den Schif­f­en und über­all dort, wo es etwas zu tun gab und man etwas ver­di­enen konnte.

Frühe Seefahrt – Schule des Lebens

Die Bin­nen­schiff­fahrt boomte – und vier der Jef­fords-Söhne heuerten auf Schif­f­en an. Zwei sein­er Brüder waren bere­its in ihren frühen Zwanzigern Kapitäne. Auch Tom ging diesen Weg.

Die Jahre auf dem Wass­er prägten ihn: Er lernte, Entschei­dun­gen zu tre­f­fen, Ver­ant­wor­tung zu tra­gen, mit Men­schen aus unter­schiedlichen Kul­turen zurecht zu kom­men, er lernte zu führen und in kri­tis­chen Momenten Ruhe zu bewahren. Eigen­schaften, die ihm später – als Scout, Postre­it­er, Ver­han­dler – oft zugeschrieben wurden.

Aus sein­er Zeit als Bin­nen­schiff­fahrt-Kapitän blieb ihm der Titel “Cap­tain”.

Vom Farmkind zum Freigeist

1850 hat­te Eber endlich genug Geld ges­part, um eine Farm zu kaufen — in der Nähe von Mor­gan, in Ashtab­u­la Coun­ty. Zu dieser Zeit waren seine älteren Söhne bere­its auf See. 

Vielle­icht war es die harte Real­ität sein­er Kind­heit, die in ihm den Vor­satz weck­te, erst ein selb­st­ständi­ges Leben aufzubauen, bevor er sich dauer­haft binden würde. Er blieb zeitlebens – wie auch drei sein­er Geschwis­ter – unverheiratet.

1862 fiel Eber Jef­fords im Amerikanis­chen Bürg­erkrieg und wurde in Nashville, Ten­nessee begraben. Drei sein­er Söhne kämpften damals an sein­er Seite.

Tom war zu diesem Zeit­punkt längst im West­en – auf der Suche nach Gold, Aben­teuern, und vielle­icht auch nach seinem Platz in dieser Welt.


2. Gol­drausch & Gren­z­er­fahrung – Auf der Suche nach Abenteuern

Im Bann des Goldes – Col­orado, Kansas, New Mexico

Um 1858 fol­gte Tom Jef­fords dem Ruf des Goldes – wie so viele Män­ner sein­er Zeit.

Der Pike’s‑Peak-Goldrausch führte ihn nach Col­orado. Dort arbeit­ete er nicht nur als Gold­such­er, son­dern auch als Ver­mess­er. Er war beteiligt am Bau einer Straße von Leav­en­worth, Kansas, nach Den­ver – ein Großpro­jekt in damals kaum erschlossen­em Gebiet.

In dieser Zeit lernte er den Beruf des Prospek­tors und Ver­messers, der ihn sein Leben lang begleit­en sollte.

In Den­ver kan­di­dierte er für ein poli­tis­ches Amt und wurde Teil­haber an einem Berg­bau-Claim. Doch die Stadt war nur eine Zwischenstation.

Bere­its im Herb­st 1859 zog es ihn weit­er nach Taos in New Mex­i­co, wo er den Win­ter ver­brachte, um im Früh­jahr den näch­sten Gol­drausch zu ver­fol­gen – in die San Juan Mountains.

Doch auch dort währte der Boom nicht lange.

Im Herzen des Apachen-Lan­des – Tuc­son und Pinos Altos

1860 erre­ichte Tom – nach eige­nen Angaben – zum ersten Mal das Gebi­et des heuti­gen Ari­zona, das damals noch zum New-Mex­i­co-Ter­ri­to­ri­um gehörte.

Über Tuc­son, das er später als „kleines Nest mit kaum mehr als hun­dert Bewohn­ern“ beschrieb, zog er weit­er nach Gila City, wo zwei Jahre zuvor Gold gefun­den wor­den war. Als er dort ankam, war der Gol­drausch bere­its abgeklungen.

Von dort kehrte er wieder nach Osten zurück – nach Pinos Altos, nahe dem heuti­gen Sil­ver City in New Mex­i­co. Ein abgele­gen­er Ort, hoch gele­gen inmit­ten dichter Wälder – aber mit­ten im Gebi­et der Gila-Apachen unter ihrem Häuptling Man­gas Coloradas.

Pinos Altos, New Mexico

Pinos Altos, New Mexico

Die Gold­gräber, meist raue skru­pel­lose Män­ner, betra­chteten die Apachen als Hin­der­nis, denen man ganz selb­stver­ständlich das Land und auch das Leben nehmen kon­nte. Die Apachen wehrten sich: Sie über­fie­len Gold­gräber­lager und ver­sucht­en, die Ein­drin­glinge zu vertreiben.

Der Bürg­erkrieg begin­nt – und Tom wird Scout

1861 brach der Amerikanis­che Bürg­erkrieg aus – und mit ihm verän­derte sich die Welt im West­en erneut.

Tom Jef­fords stellte sich in den Dienst der Union­strup­pen. 1862 war er als Scout bei der US-Armee gelis­tet, im Gebi­et zwi­schen Las Cruces und Fort Craig am Rio Grande. Fort Craig war zu jen­er Zeit mit rund 2.000 Sol­dat­en das größte Fort der Region.

In sein­er Funk­tion über­nahm Jef­fords einen gefährlichen Auf­trag: Er sollte eine Botschaft an die vor­rück­ende „Cal­i­for­nia Col­umn“ über­brin­gen – rund 500 Meilen weit, durch von Apachen kon­trol­liertes Gebiet.

Er ritt allein, ohne Esko­rte, ohne Rück­endeck­ung. Dass er diese Mis­sion über­lebte, lag wahrschein­lich an seinem Gespür für das Land – und vielle­icht auch an seinem Auftreten.

Tausch, Tabak und Ver­trauen — Jef­fords als Händler

Nach dem Krieg ließ sich Jef­fords dauer­haft im Süd­west­en nieder. Der Osten war nicht mehr seine Welt. Er wurde zu einem Mann zwi­schen den Kul­turen – Gren­zgänger, Prospek­tor, Scout, Händler.

Im Dezem­ber 1869 erhielt sein gemein­sames Unternehmen mit Elias C. Brevoort die Händler­l­izenz in der Cana­da Alam­osa Reser­va­tion, die für die Mim­bres- und Gila-Apachen in New Mex­i­co ein­gerichtet wor­den war. Doch bere­its im Früh­jahr 1870 ver­lor er diese Lizenz wieder – wegen eines Stre­its mit dem zuständi­gen Leit­er des Reservats.

1870 war Jef­fords 34 Jahre alt. Mit seinem Geschäftspart­ner Brevoort betrieb er in Pul­vedero, nördlich von Socor­ro in New Mex­i­co, einen Gemischtwarenladen.


3. Postre­it­er – Zwi­schen Mythos und Wirklichkeit

Ein Land ohne Straßen – ein Risiko ohne Netz

Heute sind Ari­zona und New Mex­i­co immer noch dünn besiedelt – doch im Jahr 1860 war der Süden des Ter­ri­to­ri­ums prak­tisch leer. Östlich von Fort Yuma gab es nur wenige Orte: Tubac, Tuc­son, Pinos Altos, Mesilla.

Dazwis­chen: hun­derte Meilen offenes Land, kaum Wege, keine Infra­struk­tur – und schon gar keinen regelmäßi­gen Nachrichtendienst.

Eine Region ohne reg­ulären Post­be­trieb bedeutet nicht nur keine Nachricht von den weit ent­fer­n­ten lieben Ver­wandten, son­dern: keine Bestel­lun­gen, kein Han­del, keine Verträge, keine Expan­sion — keine Zukunft.

1857 beschloss der US-Kongress den Auf­bau einer südlichen Über­land-Postroute, die auch im Win­ter passier­bar sein sollte. Zunächst brachte die San Antonio–San Diego Mail Line mit dem Spitz­na­men „Jack­ass Mail“ die Post von San Anto­nio in Texas über El Paso, Tuc­son und Mari­co­pa Wells bis nach San Diego in Kalifornien.

Ab 1858 über­nahm die But­ter­field Over­land Mail. 

Ihre Route führte von St. Louis nach San Fran­cis­co — 2.800 Meilen in 23 bis 25 Tagen. 

Die Kutschen waren — anders als in Hol­ly­wood-West­ern — eng und unbe­quem, mit Segel­tuch­pla­nen an den Seit­en. Sie fuhren Tag und Nacht mit nur kurzen Pausen. An den Sta­tio­nen, die alle 15 bis 20 Meilen lagen, wur­den Pferde gewech­selt, schnelle Mahlzeit­en serviert und Fahrer ausgetauscht.

Butterfield Overland Trail, Gedenktafel in Mesilla, New Mexico

But­ter­field Over­land Trail, Gedenk­tafel in Mesil­la, New Mexico

Keine Über­fälle im Apachen-Territorium?

Die Strecke führte direkt durch das Gebi­et der Apachen. Doch zunächst kam es kaum zu Überfällen.

Die But­ter­field Com­pa­ny machte Häuptlin­gen wie Man­gas Col­oradas und Cochise regelmäßig Geschenke – Werkzeuge, Deck­en, Lebens­mit­tel – um ein gutes Auskom­men mit ihnen zu haben. Und es funk­tion­ierte: Die Apachen grif­f­en wed­er Postkutschen noch Sta­tio­nen an.

Erst mit dem Beginn des Bürg­erkriegs änderte sich das. 1861 wurde die südliche Postroute eingestellt, die Forts Buchanan und Breck­en­ridge geräumt. Die weni­gen Siedler waren auf sich allein gestellt – und die Apachen sahen ihre Chance gekom­men, ihr Land zurück­zuer­obern. Tubac wurde über­fall­en, die Bevölkerung floh nach Osten.

Zwi­schen 1864 und 1874 über­nahm die Armee den Post­di­enst. Auch in dieser Zeit blieb die Route weit­ge­hend sich­er. Über­fälle auf die Postre­it­er waren die Ausnahme.

Postre­it­er durch Apachen­land — Jef­fords’ riskante Route

1868 grün­de­ten George W. Cook und John M. Shaw die „South­ern Over­land U.S. Mail and Express Line“ – eine pri­vate Postlin­ie zwi­schen San­ta Fe und Tucson.

Tom Jef­fords über­nahm die Leitung des Abschnitts von Socor­ro bis Tuc­son. Zweimal pro Woche rit­ten Post­boten durch Apachenge­bi­et – unter Jef­fords’ Verantwortung.

Später hieß es oft, dass dabei 20 bis 22 Postre­it­er ums Leben kamen und Jef­fords große Mühe hat­te, neue Reit­er zu finden.

Doch: Zeitun­gen berichteten damals über jeden Über­fall und ss gibt Berichte oder son­sti­gen Belege für solche Zahlen. Eine so gefährliche Route wäre zudem längst eingestellt worden.

Die Tat­sachen wider­sprechen der Leg­ende. Aber wie kam es zu dieser Legendenbildung?

West­ern­mythos „Bro­ken Arrow“ – wie eine Leg­ende entstand

Der Roman Blood Broth­er von Elliott Arnold, erschienen 1947, erzählte die Geschichte von Tom Jef­fords und Cochise – stark aus­geschmückt und lit­er­arisch verdichtet.

1950 wurde daraus der Film Der gebroch­ene Pfeil mit James Stew­art. In einer ikonis­chen Szene reit­et Jef­fords allein und unbe­waffnet in das Lager von Cochise, um ihn zu bit­ten, seine Postre­it­er nicht mehr anzugreifen.

Es ist ein starkes Bild, aber his­torisch sehr zweifelhaft.

Auch ein Inter­view aus dem Jahr 1914, das Robert Forbes mit dem alten Jef­fords führte, befeuerte die Leg­ende. Jef­fords brach das Gespräch ab – ging wort­los und kehrte nicht zurück. Den­noch veröf­fentlichte Forbes später seine eigene Ver­sion: Jef­fords habe ihm erzählt, dass er allein in das Camp der über­rascht­en Apachen gerit­ten sei.

Broken Arrow / Der gebrochene Pfeil - Filmplakat

Bro­ken Arrow / Der gebroch­ene Pfeil — Filmplakat

Warum die Apachen kein Inter­esse am Über­fall der Postre­it­er hatten

Wer heute weiß, wo das Lager von Cochise lag – tief in den Dra­goon Moun­tains –, erken­nt sofort, wie absurd diese Leg­ende ist. Ein Lager der Apachen hoch in den Bergen wur­den aus gutem Grund als “Strong­hold”, also als “Fes­tung” bezeichnet.

Das Camp von Cochise war eine natür­liche Bergfes­tung, geschützt durch Fels­for­ma­tio­nen und Aus­läufer, mit freiem Blick auf das Umland. Cochise und seine Späher kon­nten Bewe­gun­gen auf der Route von Fort Bowie nach Tuc­son und her­an­na­hende Sol­dat­en aus Fort Bowie im Osten und Fort Buchanan im West­en zwei Tages­ritte im Voraus beobachten.

Im Jahr 1872, während der Friedensver­hand­lun­gen mit Gen­er­al Howard, führte Cochise dessen Adju­tan­ten Joseph Sladen auf einen dieser Aus­sicht­spunk­te. Sladen sah Reit­er weit unten auf der Straße – und Cochise sagte ruhig: „Ich hätte sie jed­erzeit über­fall­en kön­nen – aber ich habe es nicht getan.“

Die Apachen hat­ten kein Inter­esse daran, die Postkutschen anzu­greifen. Sie waren kein lohnen­des Ziel – und zu gut bewacht. Cochise antwortete Joseph Sladen auf dessen Frage, warum die Postre­it­er kein lohnen­des Ziel waren: Ein Über­fall auf Regierungs­boten hätte unnöti­gen Ärg­er mit der Armee verursacht.

Die Leg­ende vom helden­haften Einzel­ritt blieb haften – vielle­icht, weil sie so gut in Hol­ly­wood passte. Aber die Wahrheit ist, wie so oft, stiller – und vielle­icht ger­ade deshalb beeindruckender.


4. Bas­com-Affäre & Felix Ward – Der Funke, der ein Jahrzehnt Krieg entfachte

Der Über­fall bei Sonoi­ta – und die Ent­führung von Felix Ward

Im Jan­u­ar 1861 wurde die Ranch von John­ny Ward am Sonoi­ta Creek über­fall­en – südlich der heuti­gen Ortschaft Patag­o­nia, nahe der mexikanis­chen Gren­ze. Eine Gruppe Apachen stahl Vieh und nahm den Stief­sohn des Ranch­ers mit, den zehn- bis zwölfjähri­gen Felix Ward.

Lieu­tenant George Bas­com, ein junger Offizier aus Fort Buchanan, rück­te mit 54 Sol­dat­en aus, um die Täter zu find­en. Ohne klare Beweise verdächtigte er die Apachen von Cochise und machte sich mit seinen Sol­dat­en auf in die Chir­ic­ahua Mountains.

Zu dieser Zeit lebten Cochise und seine Leute rel­a­tiv friedlich mit den Weißen im Süden Ari­zonas. Die Apachen-Frauen verkauften Feuer­holz, Heu und andere Vor­räte an die Sol­dat­en in den Forts. Über­fälle führten sie, wenn über­haupt, in Mexiko durch – nicht auf US-amerikanis­chem Gebiet.

Das miss­lun­gene „Friedens­ge­spräch“ am Apache Pass

Anfang Feb­ru­ar schlug Bas­com sein Lager am Apache Pass auf und ließ nach Cochise schick­en, ange­blich zu einem fre­und­schaftlichen Gespräch. Cochise, arg­los, kam mit sein­er Frau, zwei Jun­gen — ver­mut­lich sein Sohn und ein Neffe — sowie drei weit­eren Apachen, darunter sein Brud­er Coyuntura.

Der Lieu­tenant lud zu einem Essen in sein Zelt. Dort kon­fron­tierte er Cochise mit der Forderung, das gestoh­lene Vieh und den Jun­gen her­auszugeben. Cochise bestritt jede Beteili­gung. Er bot an, zehn Tage Zeit zu bekom­men, um Nach­forschun­gen anzustellen – er habe eine Ahnung, welche Gruppe ver­ant­wortlich sein könnte.

Bas­com willigte ein, erk­lärte jedoch, Cochise müsse bis dahin als “Gast” im Lager bleiben – was bedeutete: als Gefangener. 

Ihn der Lüge zu bezichti­gen, war für einen Apachen-Häuptling eine grobe Belei­di­gung – und eine ern­sthafte Gefahr. Cochise wusste wie solche Gespräche mit Weißen aus­ge­hen kon­nten: Sein Vater war bei einem ange­blichen Friedens­ge­spräch ermordet wor­den. Cochise griff zum Mess­er, schnitt die Zelt­wand auf – und entkam unter den Schüssen der Soldaten.

Hier - in der Nähe von Apache Pass - hatte Lt. Bascom sein Camp, Cochise entkam zwischen

Hier — in der Nähe von Apache Pass — hat­te Lt. Bas­com sein Camp, Cochise entkam zwi­schen den 2 Hügeln links

Bas­com hielt Cochis­es Ange­hörige gefan­gen. Cochise nahm im Gegen­zug einige Weiße fest, um sie auszu­tauschen. Doch der Aus­tausch kam nicht zus­tande. Schließlich ließ Cochise seine Gefan­genen töten – und Bas­com ließ drei der gefan­genen Apachen, darunter Coyun­tu­ra, am Apache Pass hängen.

Die Frau von Cochise und die bei­den Jun­gen wur­den später freige­lassen. Doch das Ver­trauen war zerstört.

Aus Felix Ward wurde der Apache-Scout Mick­ey Free

Tat­säch­lich hat­te Cochise die Wahrheit gesprochen: Seine Leute waren nicht am Über­fall beteiligt. 

White Moun­tain Apachen waren für den Über­fall ver­ant­wortlich, sie hat­ten den Jun­gen mitgenommen.

Felix Ward wuchs bei sein­er Apachen-Fam­i­lie auf und blieb zeitlebens in Fort Apache, der Reser­va­tion der White Moun­tain Apache. Er wurde ein bekan­nter Apache-Scout mit dem Namen Mick­ey Free. Er heiratete und hat­te Kinder. 

Später hat­te er Kon­takt mit seinem leib­lichen Brud­er, kehrte jedoch nie wieder in die Welt der Weißen zurück. 

Mickey Free, Apache-Scout

Mick­ey Free, Apache-Scout

Ein ver­häng­nisvoller Fehler — und zehn Jahre Krieg

Mit der soge­nan­nten “Bas­com-Affäre” begann ein erbit­tert­er, zehn­jähriger Krieg zwi­schen Cochise und den Weißen. Die Apachen führten einen Gueril­lakrieg. Sie schlu­gen zu, zogen sich zurück, ver­schwan­den im Land, das sie kan­nten wie ihre eige­nen Handflächen.

Als der Bürg­erkrieg aus­brach und viele Mil­itär­posten in Ari­zona aufgegeben wur­den, glaubten die Apachen eine Zeit lang, sie kön­nten die weißen Siedler vertreiben und ihr Land zurückgewinnen.

Doch was als Vertei­di­gung begonnen hat­te, wurde bald zur end­losen Spi­rale aus Gewalt, Vergel­tung, Ver­rat – und wach­sen­dem Hass.

Die Bas­com-Affäre war ein tragis­ches Missver­ständ­nis – und ein Wen­depunkt. Sie wurde zum Aus­lös­er eines Krieges, der hätte ver­mieden wer­den kön­nen. Aus Arro­ganz, aus kul­turellem Unver­ständ­nis, aus einem falschen Gefühl der Überlegenheit.

Und sie erk­lärt, warum es so bedeut­sam war, dass Cochise zehn Jahre später einem Weißen sein Ver­trauen schenk­te: Tom Jeffords.


5. Tom Jef­fords und Cochise schließen Freundschaft

Was man über die erste Begeg­nung weiß

Wann genau sich Tom Jef­fords und Cochise zum ersten Mal begeg­neten, ist nicht ein­deutig über­liefert. Es gibt Hin­weise auf das Jahr 1869 – vielle­icht auch 1870. Jef­fords selb­st erwäh­nte 1872 gegenüber Gou­verneur Anson Saf­ford, dass er Cochise „seit etwa drei Jahren“ kenne..

Einige His­torik­er ver­muten, dass Jef­fords bere­its zuvor – möglicher­weise während sein­er Zeit als Händler bei Cana­da Alam­osa – erste Kon­tak­te zu Apachen aus dem Umfeld von Cochise hat­te. Denkbar ist auch, dass er nach­dem Ver­lust der Han­dels-Lizenz in der Cana­da Alam­osa-Reser­va­tion den­noch weit­er­hin Han­del mit den Apachen betrieb und dabei Cochise getrof­fen hatte.

Was die Choko­nen über­liefern — Bericht von Asa Daklugie

Häuptling Naiche, Sohn von Cochise

Häuptling Naiche, Sohn von Cochise; nach Zeitzeu­gen soll er seinem Vater sehr ähn­lich gese­hen haben

Asa Dak­lugie, der Nef­fen von Geron­i­mo und Sohn des Häuptlings Juh, erzählte Eve Ball  in den 1950er-Jahren jene Ver­sion, die von den Choko­nen selb­st über­liefert wurde.

Dem­nach sei Jef­fords von Apachen etwa zehn Jahre nach der Bas­com-Affäre aufge­grif­f­en wor­den, während er allein im Land der Choko­nen unter­wegs war.

Sie seien von sein­er Ruhe, seinem Mut und seinem Auftreten beein­druckt gewesen.

Statt ihn zu töten – was in diesen kriegerischen Zeit­en dur­chaus üblich gewe­sen wäre – hät­ten sie ihn zu Cochise gebracht.

Dak­lugie sagte über die Fre­und­schaft von Tom Jef­fords und Cochise:

„Cochise hat­te sich seit der Bas­com-Affäre von den Weißau­gen abgeschot­tet, und die Annahme eines weißen Mannes als Fre­und war ein Trib­ut an einen tapfer­en Mann. Es gab kein größeres Lob für Jef­fords, als zu sagen, dass er die Fre­und­schaft von Cochise gewon­nen hatte.“

In der Welt der Apachen galt Mut, Beson­nen­heit, Fre­und­schaft und Ehrlichkeit als hohe Tugen­den. Dass Jef­fords in dieser Welt respek­tiert wurde, war keine Selb­stver­ständlichkeit, son­dern eine Würdi­gung und Anerken­nung seines Charakters. 

Noch ein Fre­und von Cochise: Hen­ry Clay Hook­er — der gut gek­lei­dete Rancher

Die Leg­ende besagt, dass Jef­fords der einzige weiße Fre­und von Cochise war.

Es ist jedoch über­liefert, dass Cochise und seine Apachen auch während der Zeit des zehn­jähri­gen Krieges zwi­schen Apachen und Weißen noch zumin­d­est einen weit­eren weißen Fre­und hat­ten: Hen­ry Clay Hooker.

Hook­er war Ranch­er und Besitzer der Sier­ra Boni­ta Ranch, die noch heute im Fam­i­lienbe­sitz ist.

Er war bekan­nt dafür, dass er stets ele­gant gek­lei­det war, mit Anzug und Fliege — sog­ar wenn er wie üblich anstatt auf dem Pfer­derück­en mit sein­er Kutsche sein Vieh beaufsichtigte.

Dabei sah er sich eines Tages von Apachen umzin­gelt. Sein ungewöhn­lich­es Äußeres und zudem seine Ruhe und Beson­nen­heit beein­druck­ten die Apachen. Und so  bracht­en ihn zu Cochise.

Henry Clay Hooker

Hen­ry Clay Hooker

Dort blieb es als Gast über Nacht und revanchierte sich mit einem Ange­bot im Gegen­zug für die Erlaub­nis, sein Vieh auf Apachen­land wei­den zu lassen: Er würde die Apachen dafür regelmäßig mit Rindern beliefern.

So wur­den auch Hook­er und Cochise Fre­unde. Die Leg­ende besagt, dass Cochise in sein­er Lieblings­decke eingewick­elt begraben wurde. Die Decke war ein Geschenk von Hen­ry Clay Hooker.


Was weit­er geschah — Aus­blick auf Teil 2

Zehn Jahre Krieg hat­ten das Land ver­wun­det. Weiß und Rot schenk­ten einan­der kein Ver­trauen mehr – und keine Gnade.

Doch dann traf ein ungewöhn­lich­er Gen­er­al in Ari­zona ein: Oliv­er Otis Howard, der ein­armige christliche Gen­er­al, mit direk­tem Auf­trag vom Präsidenten.

Er suchte verge­blich den Weg zu Cochise – bis er auf  Tom Jef­fords traf.

Was dann geschah, war so nicht geplant. Es gab einen Ver­trag, der nie schriftlich fest­ge­hal­ten, nie unterze­ich­net wurde.

Aber es verän­derte die Geschichte des amerikanis­chen Südwestens.


Weit­er­führende Links:

Zur Geschichte der Anfangs­jahre der San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion:
➪ San Car­los Apache Reser­va­tion – die frühen Jahre 1872 bis 1886

Du möcht­est wis­sen, wie die Apachen heute leben? Dann wird dich dieser Artikel inter­essieren:
Apachen heute

Lit­er­aturverze­ich­nis:

Arnold, Elliot: Blood Broth­er; New York: Hawthorne Books, 1947

Ball, Eve: Indeh: An Apache Odyssey; Pro­vo, Utah: Brigham Young Uni­ver­si­ty, 1980

Hock­ing, Doug: Tom Jef­fords — Friend of Cochise; TwoDot, 2017

Sweeney, Edwin R.: From Cochise to Geron­i­mo: The Chir­ic­ahua Apach­es, 1874–1886; Uni­ver­si­ty of Okla­homa Press, 2012

Thrapp, Dan L.: The Con­quest of the Apacheria; Nor­man: Uni­ver­si­ty of Okla­homa Press, 1988


Rubrik:

Apache


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