Begleite mich auf meiner Reise mit zwei Apache-Medizinmännern von San Carlos nach El Paso, hinein in das Herz der Apacheria und in die Apache-Kultur. Erlebe hautnah die Herausforderungen und Wunder, die mir auf diesem Weg begegneten.
In dieser zweiteiligen Serie teile ich persönliche Erlebnisse, kulturelle Einblicke und unvergessliche Begegnungen. Tauche ein in eine Welt voller Geschichten und Traditionen, die weit über das Bekannte hinausgeht.
Start in der San Carlos Apache Reservation
Es ist Mitte Oktober 2019, 8 Uhr morgens als ich pünktlich — wie Tage zuvor vereinbart — zum Vorhof des Hauses einbiege, in dem der Jüngere meiner Reisebegleiter wohnt.
Ich bin in der San Carlos Apache Indian Reservation in Arizona.
Der Jüngere ist Apache-Medizinmann. Gemeinsam mit einem älteren Kollegen wollen beide heute nach El Paso in Texas, von wo aus sie von Freunden um zwei Uhr Nachmittags an der mexikanischen Grenze abgeholt werden. Von El Paso aus haben sie dann noch eine fünfstündige Fahrt vor sich, tief hinein nach Chihuahua in Mexiko.
Ihr gemeinsames Ziel ist das „Apache-Reunion“-Treffen von Apachen aus den USA und aus Mexiko.
Da ich ohnehin vorhatte, in dieser Woche von Arizona nach New Mexico zu fahren, hatte ich ihnen angeboten, sie bis nach El Paso mitzunehmen.
Wir haben eine Fahrt von fünf Stunden und rund 550 Kilometer vor uns. Mit einer Mittagspause dazwischen rechne ich mit sechs Stunden von San Carlos nach El Paso. Wenn wir also um zwei Uhr Nachmittags an der mexikanischen Grenze von El Paso sein wollten, dürfen wir nicht trödeln.
Running on Indian Time
Ich parke meinen Jeep vor dem Trailer-Haus, in dem der Jüngere mit seiner Mutter wohnt. Ein Trailer-Haus ist ein Haus, das fix und fertig geliefert und auf Pfeilern aus Beton gesetzt wird. Also eigentlich ein mobiles Heim, das man auch wieder versetzen könnte. Auch außerhalb der Reservation sieht man am Land viele Häuser dieses Typus‘.
Ich klettere aus dem Jeep und klopfe an der Eingangstür. Nichts rührt sich. Ich warte und klopfe noch einmal. Bevor ich ein weiteres Mal klopfe, öffnet mir mein noch sichtlich verschlafener Freund die Tür. „Ich mache gerade Kaffee, magst du auch einen?“, fragt er.
„Aber es ist jetzt wie abgemacht 8 Uhr, wir müssen los, sonst schaffen wir das nicht! Dein Kollege wird auch schon auf uns warten!“ Er sieht nicht danach aus, als sei er schon im Bad gewesen.
Wozu war ich so früh aufgestanden und hatte mich beim Frühstück so beeilt? Ich hätte Lust auf frische Waffel vom Frühstücksbuffet im Hotel gehabt, aber darauf verzichtet. Ich hatte eine Stunde Fahrt vom Hotel bis zur Reservation vor mir und wollte pünktlich ankommen. Pünktlich, wozu? Keine Waffel zum Frühstück, stattdessen ein weiterer Kaffee — als ob mein Adrenalinspiegel nicht ohnehin schon hoch genug wäre.
„Warum sollte ich überhaupt schon um acht Uhr hier sein?“
Er hantiert am Herd mit dem italienischen Espresso-Kocher, den ich ihm bei einem früheren Besuch mitgebracht hatte, füllt Wasser in den unteren Behälter, Kaffeepulver in den mittleren und schraubt den Espresso-Kocher zu.
Dann stellt er den Espresso-Kocher auf eine der Herdplatten, dreht das Gas auf und dreht sich zu mir um.
Mit einem breiten Grinsen erwidert er: „We are running on indian time, you know? Setz dich nieder und entspann dich, es gibt gleich Kaffee.“
„We are running on Indian time“ / „Wir funktionieren nach Indianer-Zeit“ ist so ein Ausdruck, der das Zeit-Raum-Gefühl der Indianer beschreibt. „Bei uns ist der Raum wichtiger als die Zeit, bei euch ist die Zeit wichtiger als der Raum“, hat mir einmal ein Indianer erklärt. „Bei uns ist es richtig, wenn alles passt, wenn die richtigen Menschen und die richtigen Umstände zusammenkommen“, hatte er ergänzt.
Mag wohl sein, aber was, wenn auf dich mexikanische Freunde um zwei Uhr Nachmittags an der mexikanischen Grenze warten, um dich mit nach Chihuahua zu nehmen? Und wenn ich auf frische Waffel zum Frühstück verzichte, um das alles pünktlich zu ermöglichen?
„Ich muss dann noch ins Bad und ich muss noch packen.“, ergänzt er.
Ich werfe ihm einen bösen Blick zu, er reicht mir eine große Tasse mit Kaffee und verschwindet im Bad.
San Carlos — „Hell’s fourty Acres“
Mit meiner Tasse setze ich mich auf die Stufen der Veranda.
Die Sonne steht bereits über den Bergen, ein wenig hängt noch der Morgendunst über der Wüstenlandschaft. Das Licht hat bereits vom morgendlichen Lila in ein strahlend helles Azurblau gewechselt. Vögelgezwitscher erfüllt die heute bewegte Luft, die den Sand am Boden hier und da aufwirbelt.
Eine grüne Eidechse huscht unter der Veranda hervor und verschwindet unter dem Trailer-Haus, das auf hüfthohen Pfeilern aus Beton steht. Der Ventilator der Klimaanlage rattert. In der Ferne sehe ich den markanten Berg, der wie ein Hut aussieht.
Wenn wir „Wüstenlandschaft“ hören, denken wir meist an die trostlose Sandwüste der Sahara. Das ist jedoch hier in der Sonora-Wüste nicht der Fall. Neben den unzähligen Kakteen-Arten wachsen kleine Bäume und Sträucher. Am schönsten ist die Sonora-Wüste im Frühjahr, wenn die Kakteen blühen. Aber auch das übrige Jahr wechseln sich blühende Sträucher und Blumen ab.
Der große Teil der Reservation ist karge Landschaft. Einst wurde die Reservation „Hell’s fourty Acres“ genannt — die 40 Hektar Hölle. Die Apachen aus der Umgebung waren im 19. Jahrhundert gezwungen worden, hier eingezwängt zu leben. Die Apachen lebten in den Bergen und mussten nun in dieser malariaverseuchten heißen Ebene ihr Dasein fristen. Sie sollten zu Bauern umerzogen werden. Nur wuchs hier nichts, der Boden war damals und ist heute noch karg und unfruchtbar.

San Carlos Apache Indian Reservation, Arizona: malerische, aber unfruchtbare Landschaft
Heute ist die Reservation 7.300 Quadratkilometer groß, also etwas größer als vergleichsweise das Bundesland Salzburg. „Enrolled“, also eingetragene und damit anerkannte San Carlos-Apachen sind etwa 16.000, wobei rund zwei Drittel davon auf der Reservation leben, ein Drittel außerhalb.
Außer den unfruchtbaren Ebenen gibt es jedoch auch bewaldete Berge, einen See, einen Fluss und einen Stausee.
In den 1960iger Jahren wurde auf dem Gebiet der Reservation Agent Orange getestet — jenes Gift, das im Vietnam-Krieg eingesetzt wurde. Noch immer ist das Wasser und der Boden verseucht, die Rate an Fehlgeburten, Missbildungen und Krebserkrankungen ist hoch.
Um als San Carlos-Apache anerkannt und eingetragen zu werden, muss man ein bestimmtes „Blutquantum“ erfüllen. Wird über mehrere Generationen außerhalb geheiratet, verlieren die Nachkommen das Recht, „enrolled“ zu werden, weil dann das „Blutquantum“ nicht mehr passt.
Ich hänge meinen Gedanken nach, genieße die milden Sonnenstrahlen — selbstverständlich mit Kappe gegen den Sonnenbrand. „Nie ohne Hut aus dem Haus!“ ermahnte mich ein freundlicher Hotelbesitzer in Arizona, als ich das erste Mal hier war. Als Europäer unterschätzt man die kräftigen Sonnenstrahlen in diesen Höhen von meist über 1.500 Meter Höhe.
Wie lange braucht ein Apache-Medizinmann um Kaffee zu kochen, ins Bad zu gehen und für eine Reise von fünf Tagen zu packen? Es ist 15 Minuten vor 9 Uhr, als wir endlich das Haus verlassen.
Mein Begleiter trägt sein Gepäck nach draußen: einen großen roten Tramperrucksack, eine zusätzliche Tasche, seine Trommel, Trommelstöcke. Er hat mehr Gepäck für diese Tage mit als ich für den ganzen Monat. Als ich den Kofferraum öffne, damit er sein Gepäck verstauen kann, bemerkt er die vielen Wasserkanister und ganz hinten meinen kleinen blauen Koffer.
„Das ist dein ganzes Gepäck?“ fragt er. „Ich dachte, Frauen haben immer viel Gepäck mit. Da sollte ich dich das nächste Mal fragen, wie du das machst.“ witzelt er.
Seine Mutter schaut noch zur Türe raus. Sie wünscht uns eine gute Reise.
San Carlos
Mein Begleiter sagt, er müsse noch kurz in ein Reservatsamt, um irgendeine Lizenz abzuholen. Wir fahren also in die Ortschaft San Carlos. Diese Ortschaft passiert man normalerweise nicht, denn sie liegt nicht an einer Durchzugsstraße. Hier hinein fährt man nur, wenn man dort wohnt oder einen konkreten Termin hat. Ich war noch nicht dort und bin also gespannt.
Die Ortschaft ist nicht sehr groß. Hinein führt eine geschotterte Straße. Schilder am Wegesrand weisen darauf hin, dass diese Straße saniert wird und man nur im Schritttempo fahren soll. In der Ortschaft ist die Straße asphaltiert. Mein Begleiter dirigiert mich zum Reservats-Büro. Das ist ein niederes kleines blau-graues Haus, das so gar nicht nach Amt aussieht. Ein großes Schild vor dem Haus zeigt aber, dass wir hier richtig sind.
Er verschwindet im Haus. Ich bleibe im Auto sitzen und sehe mich um. Häuser liegen verstreut neben der Hauptstraße. Das entspricht nicht einem Straßendorf in unserem Sinne: die Häuser liegen hier unregelmäßig weit auseinander. Die meisten Häuser sind Trailer-Häuser, ähnlich dem Haus, in dem der Jüngere mit seiner Mutter wohnt. Einige Häuser sind gemauert.
Bald schon kommt er wieder, er ist verärgert. Die Lizenz war nicht da. Ich verstehe nicht, worum es dabei geht, frage aber auch nicht nach.
Apache-Medizinmänner haben Pollen
Wir fahren weiter zum Haus des älteren Medizinmannes, den wir mitnehmen sollen. Wir biegen in eine sandige schmale Seitenstraße ab. Das Haus liegt in einem holzumzäunten Bereich, in dem Mesquite-Bäume stehen. Diese Bäume liefern erstklassiges robustes Holz, beliebt für Möbelbau und zum Räuchern von Gegrilltem. Ich habe auch gelesen, dass manche von ihnen Früchte haben, die wie Bohnen schmecken und von den Apachen gerne gegessen werden.
Stolze Riesen-Kakteen, hier genannt Saguaros, welche die Sonora-Wüste prägen, stehen neben den Bäumen. Ich sehe zwischen den Bäumen ein gemauertes Haus, aus dem ein älterer Herr kommt. Er gibt mir die Hand auf Apache-Art und bedankt sich, dass ich ihn mitnehme. Er hat nur eine kleine Reisetasche als Gepäck mit und eine Trommel, beides legt er in den Kofferraum. Einen Glas-Behälter mit gelblichem Inhalt trägt er in der Hand und steigt am Rücksitz ein. Der Jüngere sieht den Behälter in seiner Hand und sagt: „Oh, du hast viel Pollen mitgenommen.“ Der Ältere antwortet: „Ja, wir werden viel hádńdín benötigen. Ich habe sehr gutes mitgenommen. Hast du keines dabei?“ Der Jüngere verneint: „Ich bin pollen-frei.“ Wir lachen.
„Pollen“ ist der Samen einer Pflanze, die in sumpfigen Gegenden und am Rand von Gewässern wächst. Der Apache-Name für die Samen ist hádńdín. Auf englisch heißt diese Pflanze „Cattail“, auf deutsch habe ich den Namen „Rohrkolben“ gefunden. Rohrkolben wachsen auch bei uns, zum Beispiel rund um den Neusiedler See. Den Apachen ist der Samen dieser Pflanze heilig, da er mit ihrer Schöpfungsgeschichte in Verbindung gebracht wird. Der gelbe Pollen darf bei keiner Apache-Zeremonie fehlen.
Der Ältere nimmt hinten Platz, der Jüngere setzt sich auf den Beifahrersitz. Endlich geht es los.

Riesenkakteen (Saguaros) in der Sonora-Wüste
Saguaros und Peridot — selten und kostbar
Wir fahren von San Carlos Richtung Westen auf einer Reservats-Straße, begleitet von den Riesenkakteen, die hier wie Wächter in der Landschaft stehen. Saguaros sind gesellig. Wo einer steht, sind meist viele – wie kleine Gemeinschaften inmitten der Weite der Wüste.
Angeblich entwickeln diese riesigen Kakteen erst nach 70 Jahren ihren ersten Arm. Sie können bis über 20 Meter hoch werden. In Arizona ist es bei Strafe verboten, einen Saguaro umzuschneiden oder außer Landes zu bringen.
Der Jüngere erzählt mir, dass es zu einem der mit Saguaros bewachsenen Hügel eine Legende gibt, wonach Soldaten, die Apachen verfolgt hatten, in Saguaros verwandelt worden sind.
Er sagt, dass die vielarmigen stacheligen Riesen mehrere hundert Jahre alt sind. Ich erinnere mich, mal gelesen zu haben, dass sie sehr langsam wachsen und maximal 200 Jahre alt werden. Außerdem habe ich gelesen, dass manche nach 50 Jahren erst einen Meter groß sind. Ich überlege: 20 Meter in 200 Jahren gehen sich da rechnerisch nicht aus.
Wir passieren die Ortschaft Peridot — noch immer innerhalb des Reservats gelegen. Peridot hat den Namen vom gleichnamigen grünen Schmuckstein, der hier zu finden ist. Apache-Künstler machen schönen Schmuck daraus, gefasst in Silber. Apachen mögen kein Gold.
Der Jüngere zeigt mir einen Hügel, bei dem der Stein besonders häufig vorkommt. „Es gibt hier verschiedene Minen. Jeder eingetragene San-Carlos-Apache hat das Recht, hier nach Steinen zu graben.“
Nach Peridot biegen wir auf den Highway 70 — oder U.S. Route 70 — Richtung Süden ab. Die Orientierung nach den Straßen ist in den USA einfach: Alle Straßen, ob Highway — entspricht bei uns einer Bundesstraße — oder Interstate — Autobahn — richten sich nach folgendem Zahlenschema:
Straßen mit geraden Zahlen verlaufen Nord-Süd, Straßen mit ungeraden Zahlen Ost-West. Wenn du auf eine Autobahn auffährst, musst du dir nicht wie bei uns die Ortschaften merken, um die richtige Richtung zu finden. Wenn du auf die Interstate 10 — kurz I‑10 — auffährst, dann musst du wissen, ob dein Ziel Richtung Osten oder Richtung Westen liegt. Auf allen Richtungsschildern ist die Richtung angegeben, also I‑10 West oder I‑10 East. Wie praktisch! Könnte diese Idee nicht auch bei uns aufgegriffen werden?
Wir passieren die Ortschaft Bylas und sind noch immer im Reservat.
Graham County
Geronimo
Bei der Ortschaft Geronimo ist zu lesen: „Sie verlassen die San Carlos Apache Reservation“. Jetzt sind wir außerhalb der Reservation im Bezirk Graham County.
Gäbe es keine Ortstafel, würde man hier keine Ortschaft vermuten — hier stehen nur aus einer Handvoll verstreuter Häuser.
Ob diese Ortschaft nach dem berühmten Chiricahua-Medizinmann benannt wurde? Mein Freund bejaht meine Frage. Der Ältere sagt dazu: „Niemand mochte ihn. Er war grausam, unberechenbar und unbeliebt. Alle waren froh, als er wieder von hier verschwunden ist.“
Der Jüngere ergänzt: „Was wenige wissen: Die Chiricahua-Apachen hatten westlich von hier eine sogenannte Stronghold, ein Rückzugsgebiet in den Bergen. In den Büchern findest du, dass die Chiricahuas nur östlich in Richtung New Mexico und südlich in Richtung Mexiko gelebt hatten. Das ist aber nicht wahr. Die Weißen wissen gar nichts, aber sie fragen uns auch nicht, weißt du?“
„Ich mag Geronimo und ich verstehe ihn“, meint er, „bedenke in welcher verzweifelten aussichtslosen Situation er und seine Leute waren. Wer weiß, wie wir uns da verhalten hätten, wir wissen es nicht.“

Gedenktafel an Geronimo in der gleichnamigen Ortschaft, Arizona (copyright The Wisdom Trail)
Geronimo war – und ist bis heute – unter den Apachen sehr umstritten. Er war nie Häuptling, sondern ein einflussreicher Medizinmann. Ein Häuptling wurde damals gewählt – nur jene kamen dafür in Frage, die weise für das Wohl ihres Stammes eintraten und das eigene Wohl hintanstellten.
Er galt als zu impulsiv, unberechenbar und manchmal auch grausam.

Geronimo, Chiricahua-Apache
In den 1880er Jahren wurde er mehrfach zwangsweise mit anderen Chiricahua-Gruppen im San Carlos-Reservat untergebracht. Die Chiricahuas waren es gewohnt, frei in den Bergen zu leben – im Sommer im kühleren Norden, im Winter im wärmeren Süden.
In San Carlos mussten sie Erkennungsmarken tragen, durften keine Waffen besitzen, nicht jagen und das Reservat nicht verlassen.
Von Beginn an starben viele an Malaria und anderen Krankheiten. Sie waren auf Lebensmittellieferungen der Regierung angewiesen. Oft war das Getreide verschimmelt, die gelieferten Kühe wurden vor der Auslieferung mit Wasser vollgepumpt, damit sie mehr auf die Waage brachten, Beamte waren korrupt, und viele Lieferungen erreichten das Reservat nie.
Geronimo fürchtete mehrfach um sein Leben – also floh er mehrfach. Der letzte Ausbruch war der dramatischste: Er kam zurück und zwang die Gruppe um Häuptling Loco unter Androhung von Gewalt, ihn zu begleiten. Das endete blutig — in Mexiko geriet die Gruppe in einen Hinterhalt. Weil der Großteil der ausgebrochenen Apachen unbewaffnet war, hatten die Mexikaner leichtes Spiel. Über 60 Apachen starben – meist Frauen und Kinder.
Mount Graham — heiliger Berg der Apachen
Rechts sehen wir einen langen, mächtigen Gebirgszug: Mount Graham – einer der heiligen Berge der Apachen. Um 1990 begann man auf der höchsten Spitze mit dem Bau eines Observatoriums — einer der Betreiber ist der Vatikan.

Mount Graham (Arizona), heiliger Berg der Apachen, von der Ostseite aus gesehen; man sieht das von der Sonne beleuchtete Observatorium
Die Apachen erhoben Einspruch und reichten mehrere Petitionen ein. Der Bau eines Observatoriums auf ihrem heiligen Berg war für sie ein Sakrileg. Doch der Vatikan wies die Einwände zurück mit der Begründung, die Apachen hätten keine eigene Religion.
Heute steht dort ein riesiges Observatorium. Der Zutritt ist weiträumig gesperrt – auch für die Apachen.
„Es gibt hier viele UFO-Sichtungen. Wahrscheinlich hat der Vatikan deshalb das Observatorium hier oben gebaut – damit sie ganz vorne sind, um die Aliens zu bekehren“, witzelt der Jüngere.
Er erzählt, es gäbe von Mount Graham aus alte unterirdische Verbindungen, die weit nach New Mexico und Texas führen. Eine dieser Verbindungen soll in den großen Höhlen in Nordtexas enden. Diese Gänge seien von den „Alten“ gebaut worden. Ich hatte früher schon gefragt, wer denn diese „Alten“ seien. Seine Antwort war damals:
„Das sind die ganz alten Völker, die noch immer in der Erde wohnen. Die Apachen kennen sie – sie waren bei ihnen, als die große Flut kam. Damals lebten die Apachen für eine Zeit tief unter der Erde. Als die Flut vorüber war, kehrten sie an die Oberfläche zurück – vor langer, langer Zeit.“
Fort Thomas
Wir passieren die Ortschaft Fort Thomas. Es war einmal ein Fort, jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Die Forts hier im Südwesten hatten keine Palisaden rundherum, wie man sie aus Westernfilmen kennt – meist nicht einmal einen Zaun. In den Forts waren gut bewaffnete Einheiten stationiert. Es wäre keinem Indianer eingefallen, ein Fort zu überfallen.
Das größte Problem für die meisten Soldaten war die Bekämpfung der Langeweile. Viele von ihnen erlebten während ihres Einsatzes keinen einzigen Kampf mit feindlichen Indianern. Was machte man wohl in diesen langen Jahren draußen in der Einsamkeit der Wildnis? An den Nachmittagen und Abenden, wenn die Uniform gestriegelt und die Schlafbaracke gekehrt war – außer Kartenspielen und Briefe nach Hause zu schreiben?
40 Äcker der Hölle und die Kirche des Satans
Es folgen die Ortschaften Eden, Pima, Thatcher und Safford.
Bei Safford sehe ich rechts eine auffällige große, schneeweiße Kirche. „Siehst du diese Kirche?“, fragt der Jüngere. „Das ist die Kirche des Satans. Ja, du hast richtig gehört. Hier wurde die Kirche des Satans gegründet, von hier aus ist diese Bewegung gestartet. Heute ist sie weltweit verbreitet. Viele Künstler sollen dazugehören. Du musst dir nur mal ihre Videos ansehen.“
Dann fügt er lachend hinzu: „Du kennst doch die alte Bezeichnung für das Gebiet um San Carlos: ‚Hell’s 40 Acres‘ – die 40 Äcker der Hölle? Wie du siehst, hat das hier wohl mehr als eine Bedeutung – und ist manchmal sogar wörtlich zu nehmen.“
Apache-Zeremonie für eine gute Reise
Der Ältere sagt, dass wir bei einer Stelle halten sollen, an der ein Monument steht. Er möchte uns und das Auto für die Reise segnen. Der Jüngere kennt die Stelle. links neben der Straße liegt ein kleiner runder Halteplatz mit einem Mahnmal. Er weist mich an, das Auto hinter dem Mahnmal mit der Vorderseite Richtung Osten zu parken.
Der Ältere steigt mit seinem Pollen-Behälter aus. Wir öffnen alle Türen. Der Jüngere und ich stellen uns vor das Auto, mit dem Gesicht in Richtung Sonne, also nach Osten. Wir strecken die Unterarme aus und öffnen beide Hände nach oben. Der Ältere stellt sich vor uns und spricht ein Gebet auf Apache. Dann taucht er seine Finger in das Pollen-Glas und tippt den gelben Staub auf unsere Schultern, auf die Stirn und auf unsere Füße. Der Jüngere dreht sich einmal im Uhrzeigersinn – ich mache es ihm nach. Als der Ältere sein Gebet beendet, bedanken wir uns auf Apache mit „Ahihije“.
Der Ältere spricht ein weiteres Gebet und geht dabei rechts um das Auto herum. Im Inneren des Autos segnet er das Lenkrad mit dem Pollen und die Armaturen, den Schalthebel und die Sitze. Als ich zwei Wochen später das Mietauto abgebe, sind noch immer Spuren des gelben, heiligen Pollens im Auto zu sehen.
Kein Mahnmal für Apachen

Monument für Lorenz und Seth Wright, Arizona, 1885
Das Mahnmal besteht aus einem Stein mit eingelassen Bronzetafel. Darauf ist zu lesen, dass eine Meile nördlich Lorenz und Seth Wright von Indianern am 1. Dezember 1885 in einem Hinterhalt getötet wurden. Die Indianer hatten zuvor 45 Pferde von umliegenden Siedlern gestohlen, und Lorenz und Seth Wright hatten sie deshalb verfolgt.
Darüber steht: „In Erinnerung an zwei der vielen Pioniere, die Gesetz, Ordnung und Sicherheit in das Gila Valley brachten.“
Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass das Gila Valley einst Siedlungsgebiet der Apachen war – und dass diese sie wohl kaum um Gesetz, Ordnung und Sicherheit durch die weißen Eindringlinge gebeten hatten.
Meine Begleiter witzeln: „Wer wohl diese Indianer gewesen sein mochten?“ Dann sieht der Jüngere mich ernst an und sagt: „Wo gibt es eigentlich Monumente, die darüber berichten, dass Apachen getötet wurden? Es wurden mehr Apachen als Weiße getötet – oft sehr grausam. Kein einziges Monument erzählt von den toten Apachen.“
Es geht weiter.
Nach Zeremonie und Gedenkstein erwarten uns Dorftratsch, Kolibris, gutes Essen – und ein Naturphänomen, das mich kurz glauben lässt, wir fahren direkt in ein Feuer hinein.
Und ich lerne: Apachen haben’s nicht eilig.
Weiter geht es mit dem 2. Teil der Reise:
➪ Reise nach El Paso (Teil 2) — im Land der Verzauberung
Weiterführende Links:
Du möchtest wissen, wie die Apachen heute leben? Dann wird dich dieser Artikel interessieren:
➪ Apachen heute
Zur Geschichte der Anfangsjahre der San Carlos Apache Indian Reservation:
➪ San Carlos Apache Reservation – die frühen Jahre 1872 bis 1886