März 21, 2025

Reise nach El Paso (Teil 1) - Start mit Hindernissen in San Carlos

Begleite mich auf mein­er Reise mit zwei Apache-Medi­z­in­män­nern von San Car­los nach El Paso, hinein in das Herz der Apacheria und in die Apache-Kul­tur. Erlebe haut­nah die Her­aus­forderun­gen und Wun­der, die mir auf diesem Weg begegneten. 

In dieser zweit­eili­gen Serie teile ich per­sön­liche Erleb­nisse, kul­turelle Ein­blicke und unvergessliche Begeg­nun­gen. Tauche ein in eine Welt voller Geschicht­en und Tra­di­tio­nen, die weit über das Bekan­nte hinausgeht.

Start in der San Car­los Apache Reservation

Es ist Mitte Okto­ber 2019, 8 Uhr mor­gens als ich pünk­tlich — wie Tage zuvor vere­in­bart — zum Vorhof des Haus­es ein­biege, in dem der Jün­gere mein­er Reise­be­gleit­er wohnt.

Ich bin in der San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion in Arizona.

Der Jün­gere ist Apache-Medi­z­in­mann. Gemein­sam mit einem älteren Kol­le­gen wollen bei­de heute nach El Paso in Texas, von wo aus sie von Fre­un­den um zwei Uhr Nach­mit­tags an der mexikanis­chen Gren­ze abge­holt wer­den. Von El Paso aus haben sie dann noch eine fün­f­stündi­ge Fahrt vor sich, tief hinein nach Chi­huahua in Mexiko.

Ihr gemein­sames Ziel ist das „Apache-Reunion“-Treffen von Apachen aus den USA und aus Mexiko. 

Da ich ohne­hin vorhat­te, in dieser Woche von Ari­zona nach New Mex­i­co zu fahren, hat­te ich ihnen ange­boten, sie bis nach El Paso mitzunehmen.

Wir haben eine Fahrt von fünf Stun­den und rund 550 Kilo­me­ter vor uns. Mit einer Mit­tagspause dazwis­chen rechne ich mit sechs Stun­den von San Car­los nach El Paso. Wenn wir also um zwei Uhr Nach­mit­tags an der mexikanis­chen Gren­ze von El Paso sein woll­ten, dür­fen wir nicht trödeln.

Run­ning on Indi­an Time

Ich parke meinen Jeep vor dem Trail­er-Haus, in dem der Jün­gere mit sein­er Mut­ter wohnt. Ein Trail­er-Haus ist ein Haus, das fix und fer­tig geliefert und auf Pfeil­ern aus Beton geset­zt wird. Also eigentlich ein mobiles Heim, das man auch wieder ver­set­zen kön­nte. Auch außer­halb der Reser­va­tion sieht man am Land viele Häuser dieses Typus‘.

Ich klet­tere aus dem Jeep und klopfe an der Ein­gangstür. Nichts rührt sich. Ich warte und klopfe noch ein­mal. Bevor ich ein weit­eres Mal klopfe, öffnet mir mein noch sichtlich ver­schlafen­er Fre­und die Tür. „Ich mache ger­ade Kaf­fee, magst du auch einen?“, fragt er. 

„Aber es ist jet­zt wie abgemacht 8 Uhr, wir müssen los, son­st schaf­fen wir das nicht! Dein Kol­lege wird auch schon auf uns warten!“ Er sieht nicht danach aus, als sei er schon im Bad gewesen. 

Wozu war ich so früh aufge­s­tanden und hat­te mich beim Früh­stück so beeilt? Ich hätte Lust auf frische Waf­fel vom Früh­stücks­buf­fet im Hotel gehabt, aber darauf verzichtet. Ich hat­te eine Stunde Fahrt vom Hotel bis zur Reser­va­tion vor mir und wollte pünk­tlich ankom­men. Pünk­tlich, wozu? Keine Waf­fel zum Früh­stück, stattdessen ein weit­er­er Kaf­fee — als ob mein Adren­a­lin­spiegel nicht ohne­hin schon hoch genug wäre.

„Warum sollte ich über­haupt schon um acht Uhr hier sein?“ 

Er hantiert am Herd mit dem ital­ienis­chen Espres­so-Kocher, den ich ihm bei einem früheren Besuch mit­ge­bracht hat­te, füllt Wass­er in den unteren Behäl­ter, Kaf­feep­ul­ver in den mit­tleren und schraubt den Espres­so-Kocher zu.

Dann stellt er den Espres­so-Kocher auf eine der Herd­plat­ten, dreht das Gas auf und dreht sich zu mir um.

Mit einem bre­it­en Grin­sen erwidert er: „We are run­ning on indi­an time, you know? Setz dich nieder und entspann dich, es gibt gle­ich Kaffee.“

„We are run­ning on Indi­an time“ / „Wir funk­tion­ieren nach Indi­an­er-Zeit“ ist so ein Aus­druck, der das Zeit-Raum-Gefühl der Indi­an­er beschreibt. „Bei uns ist der Raum wichtiger als die Zeit, bei euch ist die Zeit wichtiger als der Raum“, hat mir ein­mal ein Indi­an­er erk­lärt. „Bei uns ist es richtig, wenn alles passt, wenn die richti­gen Men­schen und die richti­gen Umstände zusam­menkom­men“, hat­te er ergänzt.
Mag wohl sein, aber was, wenn auf dich mexikanis­che Fre­unde um zwei Uhr Nach­mit­tags an der mexikanis­chen Gren­ze warten, um dich mit nach Chi­huahua zu nehmen? Und wenn ich auf frische Waf­fel zum Früh­stück verzichte, um das alles pünk­tlich zu ermöglichen?

„Ich muss dann noch ins Bad und ich muss noch pack­en.“, ergänzt er.

Ich werfe ihm einen bösen Blick zu, er reicht mir eine große Tasse mit Kaf­fee und ver­schwindet im Bad.

San Car­los — „Hell’s four­ty Acres“

Mit mein­er Tasse set­ze ich mich auf die Stufen der Veranda. 

Die Sonne ste­ht bere­its über den Bergen, ein wenig hängt noch der Mor­gen­dun­st über der Wüsten­land­schaft. Das Licht hat bere­its vom mor­gendlichen Lila in ein strahlend helles Azur­blau gewech­selt. Vögel­gezwitsch­er erfüllt die heute bewegte Luft, die den Sand am Boden hier und da aufwirbelt. 

Eine grüne Eidechse huscht unter der Veran­da her­vor und ver­schwindet unter dem Trail­er-Haus, das auf hüftho­hen Pfeil­ern aus Beton ste­ht. Der Ven­ti­la­tor der Kli­maan­lage rat­tert. In der Ferne sehe ich den markan­ten Berg, der wie ein Hut aussieht.

Wenn wir „Wüsten­land­schaft“ hören, denken wir meist an die trost­lose Sand­wüste der Sahara. Das ist jedoch hier in der Sono­ra-Wüste nicht der Fall. Neben den unzäh­li­gen Kak­teen-Arten wach­sen kleine Bäume und Sträuch­er. Am schön­sten ist die Sono­ra-Wüste im Früh­jahr, wenn die Kak­teen blühen. Aber auch das übrige Jahr wech­seln sich blühende Sträuch­er und Blu­men ab. 

Der große Teil der Reser­va­tion ist karge Land­schaft. Einst wurde die Reser­va­tion „Hell’s four­ty Acres“ genan­nt — die 40 Hek­tar Hölle. Die Apachen aus der Umge­bung waren im 19. Jahrhun­dert gezwun­gen wor­den, hier eingezwängt zu leben. Die Apachen lebten in den Bergen und mussten nun in dieser malar­i­a­verseucht­en heißen Ebene ihr Dasein fris­ten. Sie soll­ten zu Bauern umer­zo­gen wer­den. Nur wuchs hier nichts, der Boden war damals und ist heute noch karg und unfruchtbar. 

San Carlos Apache Indian Reservation, Arizona

San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion, Ari­zona: malerische, aber unfrucht­bare Landschaft

Heute ist die Reser­va­tion 7.300 Quadratk­ilo­me­ter groß, also etwas größer als ver­gle­ich­sweise das Bun­des­land Salzburg. „Enrolled“, also einge­tra­gene und damit anerkan­nte San Car­los-Apachen sind etwa 16.000, wobei rund zwei Drit­tel davon auf der Reser­va­tion leben, ein Drit­tel außerhalb.

Außer den unfrucht­baren Ebe­nen gibt es jedoch auch bewaldete Berge, einen See, einen Fluss und einen Stausee.

In den 1960iger Jahren wurde auf dem Gebi­et der Reser­va­tion Agent Orange getestet — jenes Gift, das im Viet­nam-Krieg einge­set­zt wurde. Noch immer ist das Wass­er und der Boden verseucht, die Rate an Fehlge­burten, Miss­bil­dun­gen und Kreb­serkrankun­gen ist hoch. 

Um als San Car­los-Apache anerkan­nt und einge­tra­gen zu wer­den, muss man ein bes­timmtes „Blutquan­tum“ erfüllen. Wird über mehrere Gen­er­a­tio­nen außer­halb geheiratet, ver­lieren die Nachkom­men das Recht, „enrolled“ zu wer­den, weil dann das „Blutquan­tum“ nicht mehr passt.

Ich hänge meinen Gedanken nach, genieße die milden Son­nen­strahlen — selb­stver­ständlich mit Kappe gegen den Son­nen­brand. „Nie ohne Hut aus dem Haus!“ ermah­nte mich ein fre­undlich­er Hotelbe­sitzer in Ari­zona, als ich das erste Mal hier war. Als Europäer unter­schätzt man die kräfti­gen Son­nen­strahlen in diesen Höhen von meist über 1.500 Meter Höhe.

Wie lange braucht ein Apache-Medi­z­in­mann um Kaf­fee zu kochen, ins Bad zu gehen und für eine Reise von fünf Tagen zu pack­en? Es ist 15 Minuten vor 9 Uhr, als wir endlich das Haus verlassen.

Mein Begleit­er trägt sein Gepäck nach draußen: einen großen roten Tram­per­ruck­sack, eine zusät­zliche Tasche, seine Trom­mel, Trom­mel­stöcke. Er hat mehr Gepäck für diese Tage mit als ich für den ganzen Monat. Als ich den Kof­fer­raum öffne, damit er sein Gepäck ver­stauen kann, bemerkt er die vie­len Wasserkanis­ter und ganz hin­ten meinen kleinen blauen Koffer. 

„Das ist dein ganzes Gepäck?“ fragt er. „Ich dachte, Frauen haben immer viel Gepäck mit. Da sollte ich dich das näch­ste Mal fra­gen, wie du das machst.“ witzelt er. 

Seine Mut­ter schaut noch zur Türe raus. Sie wün­scht uns eine gute Reise. 

San Car­los

Mein Begleit­er sagt, er müsse noch kurz in ein Reser­vat­samt, um irgen­deine Lizenz abzu­holen. Wir fahren also in die Ortschaft San Car­los. Diese Ortschaft passiert man nor­maler­weise nicht, denn sie liegt nicht an einer Durchzugsstraße. Hier hinein fährt man nur, wenn man dort wohnt oder einen konkreten Ter­min hat. Ich war noch nicht dort und bin also gespannt. 

Die Ortschaft ist nicht sehr groß. Hinein führt eine geschot­terte Straße. Schilder am Weges­rand weisen darauf hin, dass diese Straße saniert wird und man nur im Schritt­tem­po fahren soll. In der Ortschaft ist die Straße asphaltiert. Mein Begleit­er dirigiert mich zum Reser­vats-Büro. Das ist ein niederes kleines blau-graues Haus, das so gar nicht nach Amt aussieht. Ein großes Schild vor dem Haus zeigt aber, dass wir hier richtig sind.

Er ver­schwindet im Haus. Ich bleibe im Auto sitzen und sehe mich um. Häuser liegen ver­streut neben der Haupt­straße. Das entspricht nicht einem Straßen­dorf in unserem Sinne: die Häuser liegen hier unregelmäßig weit auseinan­der. Die meis­ten Häuser sind Trail­er-Häuser, ähn­lich dem Haus, in dem der Jün­gere mit sein­er Mut­ter wohnt. Einige Häuser sind gemauert.

Bald schon kommt er wieder, er ist verärg­ert. Die Lizenz war nicht da. Ich ver­ste­he nicht, worum es dabei geht, frage aber auch nicht nach.

Apache-Medi­z­in­män­ner haben Pollen

Wir fahren weit­er zum Haus des älteren Medi­z­in­mannes, den wir mit­nehmen sollen. Wir biegen in eine sandi­ge schmale Seit­en­straße ab. Das Haus liegt in einem holzumzäun­ten Bere­ich, in dem Mesquite-Bäume ste­hen. Diese Bäume liefern erstk­las­siges robustes Holz, beliebt für Möbel­bau und zum Räuch­ern von Gegrill­tem. Ich habe auch gele­sen, dass manche von ihnen Früchte haben, die wie Bohnen schmeck­en und von den Apachen gerne gegessen werden.

Stolze Riesen-Kak­teen, hier genan­nt Saguaros, welche die Sono­ra-Wüste prä­gen, ste­hen neben den Bäu­men. Ich sehe zwi­schen den Bäu­men ein gemauertes Haus, aus dem ein älter­er Herr kommt. Er gibt mir die Hand auf Apache-Art und bedankt sich, dass ich ihn mit­nehme. Er hat nur eine kleine Reise­tasche als Gepäck mit und eine Trom­mel, bei­des legt er in den Kof­fer­raum. Einen Glas-Behäl­ter mit gel­blichem Inhalt trägt er in der Hand und steigt am Rück­sitz ein. Der Jün­gere sieht den Behäl­ter in sein­er Hand und sagt: „Oh, du hast viel Pollen mitgenom­men.“ Der Ältere antwortet: „Ja, wir wer­den viel hádńdín benöti­gen. Ich habe sehr gutes mitgenom­men. Hast du keines dabei?“ Der Jün­gere verneint: „Ich bin pollen-frei.“ Wir lachen.

„Pollen“ ist der Samen einer Pflanze, die in sump­fi­gen Gegen­den und am Rand von Gewässern wächst. Der Apache-Name für die Samen ist hádńdín. Auf englisch heißt diese Pflanze „Cat­tail“, auf deutsch habe ich den Namen „Rohrkol­ben“ gefun­den. Rohrkol­ben wach­sen auch bei uns, zum Beispiel rund um den Neusiedler See. Den Apachen ist der Samen dieser Pflanze heilig, da er mit ihrer Schöp­fungs­geschichte in Verbindung gebracht wird. Der gelbe Pollen darf bei kein­er Apache-Zer­e­monie fehlen.

Der Ältere nimmt hin­ten Platz, der Jün­gere set­zt sich auf den Beifahrersitz. Endlich geht es los. 

Riesenkakteen (Saguaros) in der Sonora-Wüste

Riesenkak­teen (Saguaros) in der Sonora-Wüste

Saguaros und Peri­dot — sel­ten und kostbar

Wir fahren von San Car­los Rich­tung West­en auf einer Reser­vats-Straße, begleit­et von den Riesenkak­teen, die hier wie Wächter in der Land­schaft ste­hen. Saguaros sind gesel­lig. Wo einer ste­ht, sind meist viele – wie kleine Gemein­schaften inmit­ten der Weite der Wüste.

Ange­blich entwick­eln diese riesi­gen Kak­teen erst nach 70 Jahren ihren ersten Arm. Sie kön­nen bis über 20 Meter hoch wer­den. In Ari­zona ist es bei Strafe ver­boten, einen Saguaro umzuschnei­den oder außer Lan­des zu bringen.

Der Jün­gere erzählt mir, dass es zu einem der mit Saguaros bewach­se­nen Hügel eine Leg­ende gibt, wonach Sol­dat­en, die Apachen ver­fol­gt hat­ten, in Saguaros ver­wan­delt wor­den sind.

Er sagt, dass die vielarmi­gen stache­li­gen Riesen mehrere hun­dert Jahre alt sind. Ich erin­nere mich, mal gele­sen zu haben, dass sie sehr langsam wach­sen und max­i­mal 200 Jahre alt wer­den. Außer­dem habe ich gele­sen, dass manche nach 50 Jahren erst einen Meter groß sind. Ich über­lege: 20 Meter in 200 Jahren gehen sich da rech­ner­isch nicht aus.

Wir passieren die Ortschaft Peri­dot — noch immer inner­halb des Reser­vats gele­gen. Peri­dot hat den Namen vom gle­ich­nami­gen grü­nen Schmuck­stein, der hier zu find­en ist. Apache-Kün­stler machen schö­nen Schmuck daraus, gefasst in Sil­ber. Apachen mögen kein Gold.

Der Jün­gere zeigt mir einen Hügel, bei dem der Stein beson­ders häu­fig vorkommt. „Es gibt hier ver­schiedene Minen. Jed­er einge­tra­gene San-Car­los-Apache hat das Recht, hier nach Steinen zu graben.“

Nach Peri­dot biegen wir auf den High­way 70 — oder U.S. Route 70 — Rich­tung Süden ab. Die Ori­en­tierung nach den Straßen ist in den USA ein­fach: Alle Straßen, ob High­way — entspricht bei uns einer Bun­desstraße — oder Inter­state — Auto­bahn — richt­en sich nach fol­gen­dem Zahlenschema:

Straßen mit ger­aden Zahlen ver­laufen Nord-Süd, Straßen mit unger­aden Zahlen Ost-West. Wenn du auf eine Auto­bahn auf­fährst, musst du dir nicht wie bei uns die Ortschaften merken, um die richtige Rich­tung zu find­en. Wenn du auf die Inter­state 10 — kurz I‑10 — auf­fährst, dann musst du wis­sen, ob dein Ziel Rich­tung Osten oder Rich­tung West­en liegt. Auf allen Rich­tungss­childern ist die Rich­tung angegeben, also I‑10 West oder I‑10 East. Wie prak­tisch! Kön­nte diese Idee nicht auch bei uns aufge­grif­f­en werden?

Wir passieren die Ortschaft Bylas und sind noch immer im Reservat.


Gra­ham County

Geron­i­mo

Bei der Ortschaft Geron­i­mo ist zu lesen: „Sie ver­lassen die San Car­los Apache Reser­va­tion“. Jet­zt sind wir außer­halb der Reser­va­tion im Bezirk Gra­ham County.

Gäbe es keine Ort­stafel, würde man hier keine Ortschaft ver­muten — hier ste­hen nur aus einer Hand­voll ver­streuter Häuser.

Ob diese Ortschaft nach dem berühmten Chir­ic­ahua-Medi­z­in­mann benan­nt wurde? Mein Fre­und bejaht meine Frage. Der Ältere sagt dazu: „Nie­mand mochte ihn. Er war grausam, unberechen­bar und unbe­liebt. Alle waren froh, als er wieder von hier ver­schwun­den ist.“

Der Jün­gere ergänzt: „Was wenige wis­sen: Die Chir­ic­ahua-Apachen hat­ten west­lich von hier eine soge­nan­nte Strong­hold, ein Rück­zugs­ge­bi­et in den Bergen. In den Büch­ern find­est du, dass die Chir­ic­ahuas nur östlich in Rich­tung New Mex­i­co und südlich in Rich­tung Mexiko gelebt hat­ten. Das ist aber nicht wahr. Die Weißen wis­sen gar nichts, aber sie fra­gen uns auch nicht, weißt du?“ 

„Ich mag Geron­i­mo und ich ver­ste­he ihn“, meint er, „bedenke in welch­er verzweifel­ten aus­sicht­slosen Sit­u­a­tion er und seine Leute waren. Wer weiß, wie wir uns da ver­hal­ten hät­ten, wir wis­sen es nicht.“

Gedenktafel an Geronimo in der gleichnamigen Ortschaft, Arizona

Gedenk­tafel an Geron­i­mo in der gle­ich­nami­gen Ortschaft, Ari­zona (copy­right The Wis­dom Trail)

Geron­i­mo war – und ist bis heute – unter den Apachen sehr umstrit­ten. Er war nie Häuptling, son­dern ein ein­flussre­ich­er Medi­z­in­mann. Ein Häuptling wurde damals gewählt – nur jene kamen dafür in Frage, die weise für das Wohl ihres Stammes ein­trat­en und das eigene Wohl hin­tanstell­ten.
Er galt als zu impul­siv, unberechen­bar und manch­mal auch grausam.

Geronimo, Chiricahua-Apache

Geron­i­mo, Chiricahua-Apache

In den 1880er Jahren wurde er mehrfach zwangsweise mit anderen Chir­ic­ahua-Grup­pen im San Car­los-Reser­vat unterge­bracht. Die Chir­ic­ahuas waren es gewohnt, frei in den Bergen zu leben – im Som­mer im küh­leren Nor­den, im Win­ter im wärmeren Süden.
In San Car­los mussten sie Erken­nungs­marken tra­gen, durften keine Waf­fen besitzen, nicht jagen und das Reser­vat nicht verlassen.

Von Beginn an star­ben viele an Malar­ia und anderen Krankheit­en. Sie waren auf Lebens­mit­tel­liefer­un­gen der Regierung angewiesen. Oft war das Getrei­de ver­schim­melt, die geliefer­ten Kühe wur­den vor der Aus­liefer­ung mit Wass­er voll­gepumpt, damit sie mehr auf die Waage bracht­en, Beamte waren kor­rupt, und viele Liefer­un­gen erre­icht­en das Reser­vat nie.

Geron­i­mo fürchtete mehrfach um sein Leben – also floh er mehrfach. Der let­zte Aus­bruch war der drama­tis­chste: Er kam zurück und zwang die Gruppe um Häuptling Loco unter Andro­hung von Gewalt, ihn zu begleit­en. Das endete blutig — in Mexiko geri­et die Gruppe in einen Hin­ter­halt. Weil der Großteil der aus­ge­broch­enen Apachen unbe­waffnet war, hat­ten die Mexikan­er leicht­es Spiel. Über 60 Apachen star­ben – meist Frauen und Kinder.

Mount Gra­ham — heiliger Berg der Apachen

Rechts sehen wir einen lan­gen, mächti­gen Gebirgszug: Mount Gra­ham – einer der heili­gen Berge der Apachen. Um 1990 begann man auf der höch­sten Spitze mit dem Bau eines Obser­va­to­ri­ums — einer der Betreiber ist der Vatikan.

Mount Graham (Arizona), heiliger Berg der Apachen, von der Ostseite aus gesehen

Mount Gra­ham (Ari­zona), heiliger Berg der Apachen, von der Ost­seite aus gese­hen; man sieht das von der Sonne beleuchtete Observatorium

Die Apachen erhoben Ein­spruch und reicht­en mehrere Peti­tio­nen ein. Der Bau eines Obser­va­to­ri­ums auf ihrem heili­gen Berg war für sie ein Sakri­leg. Doch der Vatikan wies die Ein­wände zurück mit der Begrün­dung, die Apachen hät­ten keine eigene Religion.

Heute ste­ht dort ein riesiges Obser­va­to­ri­um. Der Zutritt ist weiträu­mig ges­per­rt – auch für die Apachen.

„Es gibt hier viele UFO-Sich­tun­gen. Wahrschein­lich hat der Vatikan deshalb das Obser­va­to­ri­um hier oben gebaut – damit sie ganz vorne sind, um die Aliens zu bekehren“, witzelt der Jüngere.

Er erzählt, es gäbe von Mount Gra­ham aus alte unterirdis­che Verbindun­gen, die weit nach New Mex­i­co und Texas führen. Eine dieser Verbindun­gen soll in den großen Höhlen in Nord­texas enden. Diese Gänge seien von den „Alten“ gebaut wor­den. Ich hat­te früher schon gefragt, wer denn diese „Alten“ seien. Seine Antwort war damals:
„Das sind die ganz alten Völ­ker, die noch immer in der Erde wohnen. Die Apachen ken­nen sie – sie waren bei ihnen, als die große Flut kam. Damals lebten die Apachen für eine Zeit tief unter der Erde. Als die Flut vorüber war, kehrten sie an die Ober­fläche zurück – vor langer, langer Zeit.“ 

Fort Thomas

Wir passieren die Ortschaft Fort Thomas. Es war ein­mal ein Fort, jet­zt ist davon nichts mehr zu sehen. Die Forts hier im Süd­west­en hat­ten keine Pal­isaden rund­herum, wie man sie aus West­ern­fil­men ken­nt – meist nicht ein­mal einen Zaun. In den Forts waren gut bewaffnete Ein­heit­en sta­tion­iert. Es wäre keinem Indi­an­er einge­fall­en, ein Fort zu überfallen.

Das größte Prob­lem für die meis­ten Sol­dat­en war die Bekämp­fung der Langeweile. Viele von ihnen erlebten während ihres Ein­satzes keinen einzi­gen Kampf mit feindlichen Indi­an­ern. Was machte man wohl in diesen lan­gen Jahren draußen in der Ein­samkeit der Wild­nis? An den Nach­mit­ta­gen und Aben­den, wenn die Uni­form gestriegelt und die Schlaf­baracke gekehrt war – außer Karten­spie­len und Briefe nach Hause zu schreiben?

40 Äck­er der Hölle und die Kirche des Satans

Es fol­gen die Ortschaften Eden, Pima, Thatch­er und Safford.

Bei Saf­ford sehe ich rechts eine auf­fäl­lige große, schneeweiße Kirche. „Siehst du diese Kirche?“, fragt der Jün­gere. „Das ist die Kirche des Satans. Ja, du hast richtig gehört. Hier wurde die Kirche des Satans gegrün­det, von hier aus ist diese Bewe­gung ges­tartet. Heute ist sie weltweit ver­bre­it­et. Viele Kün­stler sollen dazuge­hören. Du musst dir nur mal ihre Videos anse­hen.“
Dann fügt er lachend hinzu: „Du kennst doch die alte Beze­ich­nung für das Gebi­et um San Car­los: ‚Hell’s 40 Acres‘ – die 40 Äck­er der Hölle? Wie du siehst, hat das hier wohl mehr als eine Bedeu­tung – und ist manch­mal sog­ar wörtlich zu nehmen.“

Apache-Zer­e­monie für eine gute Reise

Der Ältere sagt, dass wir bei einer Stelle hal­ten sollen, an der ein Mon­u­ment ste­ht. Er möchte uns und das Auto für die Reise seg­nen. Der Jün­gere ken­nt die Stelle. links neben der Straße liegt ein klein­er run­der Hal­teplatz mit einem Mah­n­mal. Er weist mich an, das Auto hin­ter dem Mah­n­mal mit der Vorder­seite Rich­tung Osten zu parken.

Der Ältere steigt mit seinem Pollen-Behäl­ter aus. Wir öff­nen alle Türen. Der Jün­gere und ich stellen uns vor das Auto, mit dem Gesicht in Rich­tung Sonne, also nach Osten. Wir streck­en die Unter­arme aus und öff­nen bei­de Hände nach oben. Der Ältere stellt sich vor uns und spricht ein Gebet auf Apache. Dann taucht er seine Fin­ger in das Pollen-Glas und tippt den gel­ben Staub auf unsere Schul­tern, auf die Stirn und auf unsere Füße. Der Jün­gere dreht sich ein­mal im Uhrzeigersinn – ich mache es ihm nach. Als der Ältere sein Gebet been­det, bedanken wir uns auf Apache mit „Ahi­hi­je“.

Der Ältere spricht ein weit­eres Gebet und geht dabei rechts um das Auto herum. Im Inneren des Autos seg­net er das Lenkrad mit dem Pollen und die Arma­turen, den Schalthebel und die Sitze. Als ich zwei Wochen später das Mietau­to abgebe, sind noch immer Spuren des gel­ben, heili­gen Pol­lens im Auto zu sehen. 

Kein Mah­n­mal für Apachen

Monument für Lorenz und Seth Wright, Arizona, 1885

Mon­u­ment für Lorenz und Seth Wright, Ari­zona, 1885

Das Mah­n­mal beste­ht aus einem Stein mit ein­ge­lassen Bronzetafel. Darauf ist zu lesen, dass eine Meile nördlich Lorenz und Seth Wright von Indi­an­ern am 1. Dezem­ber 1885 in einem Hin­ter­halt getötet wur­den. Die Indi­an­er hat­ten zuvor 45 Pferde von umliegen­den Siedlern gestohlen, und Lorenz und Seth Wright hat­ten sie deshalb verfolgt.

Darüber ste­ht: „In Erin­nerung an zwei der vie­len Pio­niere, die Gesetz, Ord­nung und Sicher­heit in das Gila Val­ley brachten.“

Ich sehe keinen Hin­weis darauf, dass das Gila Val­ley einst Sied­lungs­ge­bi­et der Apachen war – und dass diese sie wohl kaum um Gesetz, Ord­nung und Sicher­heit durch die weißen Ein­drin­glinge gebeten hatten.

Meine Begleit­er witzeln: „Wer wohl diese Indi­an­er gewe­sen sein mocht­en?“ Dann sieht der Jün­gere mich ernst an und sagt: „Wo gibt es eigentlich Mon­u­mente, die darüber bericht­en, dass Apachen getötet wur­den? Es wur­den mehr Apachen als Weiße getötet – oft sehr grausam. Kein einziges Mon­u­ment erzählt von den toten Apachen.“

Es geht weiter.

Nach Zer­e­monie und Gedenkstein erwarten uns Dorf­tratsch, Kolib­ris, gutes Essen – und ein Natur­phänomen, das mich kurz glauben lässt, wir fahren direkt in ein Feuer hinein.
Und ich lerne: Apachen haben’s nicht eilig.

Weit­er geht es mit dem 2. Teil der Reise:
Reise nach El Paso (Teil 2) — im Land der Verzauberung

Weit­er­führende Links:

Du möcht­est wis­sen, wie die Apachen heute leben? Dann wird dich dieser Artikel inter­essieren:
Apachen heute

Zur Geschichte der Anfangs­jahre der San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion:
➪ San Car­los Apache Reser­va­tion – die frühen Jahre 1872 bis 1886


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Apachen


Weitere Artikel:

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