April 17, 2025

Reise nach El Paso (Teil 2) - im Land der Verzauberung

Weit­er geht die Reise - über die weit­en Ebe­nen Ari­zonas und New Mex­i­cos bis nach El Paso – mit­ten durch die Apacheria, einer Land­schaft voller Gegen­sätze und Erin­nerun­gen – zwi­schen Kolib­ris, Wirbel­stür­men, Cow­boy-Läden und einer Stadt, die sich urplöt­zlich wie ein Labyrinth vor uns auf­tut. Und am Ende heißt es Abschied nehmen – für zwei Apache-Medi­z­in­män­ner begin­nt in Mexiko eine beson­dere Reise, für mich: der Weg ins Mescalero-Reservat.

Im ersten Teil dieser Reiseerzäh­lung ging es um unseren Start in der San Car­los Apache Reser­va­tion – ein Mor­gen voller Gelassen­heit, Pollen, heiliger Berge und alter Geschichten. 

Du hast Teil 1 der Reise ver­passt? Hier ist der Link:
➪ Reise nach El Paso (Teil 1) — Start mit Hin­dernissen in San Carlos

Im Land der Verzauberung

Die Land­schaft hat sich geän­dert. Die Riesenkak­teen — genan­nt Saguaros — sind ver­schwun­den. Hier dominieren Bäume und Sträuch­er, aber auch viel land­wirtschaftlich bestellte Äck­er sind links und rechts neben der Straße zu sehen.

Diese Gegend von Ari­zona wird „Sky-Islands“ genan­nt, da die Ebene wie das Meer wirkt und die Berge wie Inseln aus der Ebene aufragen.

Steins Peak am Eingang zum Doubtful Canyon

Sky Islands — hier: Steins Peak am Ein­gang zum Doubt­ful Canyon

Häuptling hat kein Alter

Meine zwei Begleit­er tauschen den neuesten Dorf­tratsch aus. Wer ger­ade mit wem, was und warum. Sie lachen und scherzen.

Irgend­wann fragt mich der Jün­gere, wie alt ich eigentlich bin. Ich nenne mein Alter. Dann fragt er den Älteren. Von den Rück­sitzen ertönt eine tiefe, sonore Stimme, der Ältere imi­tiert das abge­hak­te schlechte Indi­an­er-Englisch aus den alten West­ern:
Häuptling spricht nicht über Alter. Häuptling hat kein Alter.“

Wir lachen herzlich.

Willkom­men im Land der Verzauberung

Nach diesem heit­eren Ein­stieg über­queren wir die Gren­ze nach New Mexico.

Ein großes Schild begrüßt uns: „Wel­come to New Mex­i­co – Land of Enchant­ment“ — Willkom­men in New Mex­i­co —  Land der Verzauberung.

Darauf prangt das Zia-Sym­bol – ein rotes Son­nen­ze­ichen mit vier Strahlen in vier Rich­tun­gen. Es stammt vom Pueblo-Volk der Zia und ste­ht für die vier Him­mel­srich­tun­gen, die vier Jahreszeit­en, die vier Tageszeit­en und die vier Leben­sphasen. Heute ist es das Wahrze­ichen auf der Flagge von New Mexico.

Flagge von New Mexico

Flagge von New Mex­i­co — Land of Enchantment

Der Ältere sagt, wir sollen in Lords­burg hal­ten. Dort kenne er ein gutes mexikanis­ches Lokal, per­fekt für unser Mittagessen.

Das kommt mir gele­gen – der Tank ist fast leer. Ich erin­nere mich an die Worte des Mitar­beit­ers der Autover­mi­etung, als ich ihm meine geplante Route zeigte:

„Schau, dass der Tank immer min­destens halb gefüllt ist. Es kann passieren, dass du 100 Meilen lang keine Tankstelle findest.“

Kolib­ris und Burger

Ich parke vor dem Lokal neben mannshohen blühen­den Büschen, steige aus – und sehe im Augen­winkel etwas Buntes flat­tern. Ein blau-grün­er Schmetter­ling? Nein – ein Kolib­ri! Und noch einer. Und noch einer. Winzig wie Schmetter­linge, mit lan­gen spitzen Schnä­beln, schwirren sie blitzschnell von Blüte zu Blüte. Ihre Far­ben schillern met­allisch in der Sonne – grün, blau, rot.

Bish­er habe ich Kolib­ris nur in Zoos gese­hen, nie in der freien Natur — ich bin fasziniert von diesen wun­der­hüb­schen winzi­gen emsi­gen Vögelchen.

Der Jün­gere ist aus­gestiegen und sieht, dass ich wie angewurzelt daste­he. „Was ist los?“, fragt er.

Ich zeige auf die flat­tern­den Vögel. „Hum­ming­birds!“, flüstere ich.

Er zuckt mit den Schul­tern. Für ihn sind sie so alltäglich wie bei uns Spatzen. Für mich: ein kleines Wunder.

Schw­eren Herzens reiße ich mich los – meine Begleit­er warten schon vor dem Restaurant.

Das Lokal ist groß, der Ältere wählt einen Tisch in einem Neben­raum. Die Speisekarte bietet – wie fast über­all – eine Vari­a­tion an Burg­ern, einige mexikanis­che Gerichte und eine große Auswahl an Früh­stück­skom­bi­na­tio­nen. Die bei­den nehmen Burg­er, ich bestelle ein Gemüseomelett. Dazu gibt’s haus­gemacht­en Eistee.

Auf die hier uner­lässliche Frage der Kell­ner­in: „Wie möcht­en Sie Ihre Kartof­feln?“ bestelle ich die Rösti-Vari­ante als Beilage.

Das Essen ist gut, frisch und üppig.

Wiedervere­ini­gung der Apachen — nur für Apachen

Der Ältere fragt mich, woher ich komme, wie der Jün­gere und ich uns ken­nen­gel­ernt haben, und was ich noch vorhabe. Der Jün­gere erzählt, dass er mich ein­ge­laden hat­te, mit nach Mexiko zu kom­men, um bei der neuer­lichen Zusam­menkun­ft von Apachen aus den USA und Mexiko dabei zu sein. Er habe das mit Älteren aus der „Mex­i­co-Con­nec­tion“ besprochen – sie hät­ten gemeint, ich sei willkommen.

Ich hat­te lange über­legt: Wollte ich fünf Stun­den südlich der Gren­ze, weitab von jed­er Stadt, auf einer Hazien­da mit 200 Apachen lagern? Was habe ich bei der „Wiedervere­ini­gung der Apachen“ als wohl einzige Weiße zu suchen?

Schließlich hat­te ich mich entsch­ieden: „Ich danke für die Ehre, ein­ge­laden zu sein. Aber ich werde nicht mitkom­men. Das ist nur für Apachen, das ist nicht für mich.“

Der Jün­gere ist über diese Entschei­dung noch immer ein wenig erzürnt. Nach sein­er Rück­kehr wird er mir erzählen, dass die Ältesten meine aus Respekt getrof­fene Entschei­dung zu schätzen wussten.

Dijin — Heilige Män­ner und Heilige Frauen der Apachen

Der Ältere ist seit sein­er Jugend Medi­z­in­mann. Früher war er der Men­tor des Jün­geren, nach­dem dieser seine „Kraft“ – auf Apache: Diji – ent­deckt hat­te.

Diese Kraft ist eine göt­tliche Energie, die in allem wohnt: in Men­schen, Tieren, Pflanzen, Bergen, Flüssen, Steinen. Manche Wesen, Orte oder Erschei­n­un­gen der Natur tra­gen mehr davon in sich als andere – sie gel­ten dann als heilig.

Die Kraft selb­st ist neu­tral — sie kann zum Guten oder zum Bösen genutzt wer­den. Wer mehr von dieser Kraft in sich trägt, kann ein Dijin wer­den – abgeleit­et von Diji. Über­set­zt wird dies meist mit Medi­z­in­mann oder Medi­z­in­frau – doch diese Begriffe erfassen nur einen Teil der Rolle. Passender wäre: Heiliger Mann oder Heilige Frau.

Am Anfang ste­ht meist ein Erweck­ungser­leb­nis. Der Jün­gere wurde vom Blitz getrof­fen – ein Ereig­nis, das bei den Apachen oft als Aus­lös­er dieser spir­ituellen Kraft gilt.

Spürt jemand, dass er mehr von dieser Kraft in sich trägt, wird er getestet. Fällt der Test pos­i­tiv aus, dann lehrt ein erfahren­er Dijin ihn oder sie, diese Gabe im Sinne der Apache-Tra­di­tio­nen einzuset­zen. Jed­er Dijin hat dabei seinen ganz eige­nen Mix an Fähigkeit­en. Er ver­wen­det die ihm gegebene Kraft selb­st­los – zum Wohl von Men­schen, Tieren oder der Natur.

Wer sie zum Neg­a­tiv­en nutzt, wird als „Witch“ beze­ich­net – oder mit dem spanis­chen Begriff Bruxo, was bei­des so viel wie Hexe oder Hex­er bedeutet. Solche Men­schen kön­nen mit ihrer Energie Flüche aussprechen, Men­schen oder Tiere manip­ulieren, sie krank machen oder sog­ar töten.

Es gibt keine „Apache-Medi­z­in­mann-Schule“, die du absolvierst und nach bestanden­er Abschluss-Prü­fung die Lizenz zum Medi­z­in­mann hast. Wenn du die Gabe hast, dann melden sich Lehrer und Men­toren, um dich zu lehren und zu begleit­en. Wenn du die Gabe nicht hast, ist dir dieser Weg verschlossen.

Disku­tiere nicht mit Häuptling

Der Ältere tritt als Erster an die Kasse. Mit sein­er leisen Stimme sagt er: „Alles zusammen.“

Der Jün­gere protestiert sofort: „Das ist doch nicht nötig! Du musst wirk­lich nicht alles zahlen – das ist mir gar nicht recht.“ Dann schaut er hil­fe­suchend zu mir.

Ich lege meine Stimme tiefer, kneife die Augen zusam­men und ahme den Älteren mit gebroch­en­em Englisch nach, wie in einem West­ern: „Disku­tiere nicht mit Häuptling!“

Bei­de lachen her­zlich und der Ältere begle­icht die Rechnung.

Natur, die über­wältigt – oder auch nicht

Wir biegen auf die Inter­state 10 ab – genauer gesagt: auf die I‑10 East, Rich­tung Osten.

Meine bei­den Begleit­er sind still. Ich höre gle­ich­mäßiges Atmen – sie scheinen ein Nick­erchen zu machen.

In der Ferne erscheint eine riesige weiß-orange­far­bene Wolke. Oder ist das Nebel? Ungewöhn­lich – bish­er war das Wet­ter klar und sonnig.

Warum ist der Nebel orange – obwohl rund­herum die Sonne scheint? Im Rück­spiegel sehe ich, dass der Ältere schläft. Auch der Jün­gere hat die Augen geschlossen.

Ich fahre weit­er – allein mit diesem selt­samen Anblick.

Die Land­schaft hat sich verän­dert: karge Büsche, ver­schiedene Yuc­cas, Kak­teen mit großen teller­ar­ti­gen Trieben, und Cholla-Kakteen.

Eine Chol­la-Art heißt „Ted­dy­bär-Chol­la“, weil die Triebe an kusche­lige Ted­dy­bären erin­nern. Die Chol­las sind jedoch heimtück­ische Biester: hast du eine davon verse­hentlich berührt, bekommt du die feinen Stacheln schw­er wieder los.

Blühende Cholla-Kakteen

Blühende Chol­la-Kak­teen

Der selt­same Nebel ist nun auf mein­er linken Seite. Das Weiß-Orange ist in ein Weiß-Rot überge­gan­gen – und er bewegt sich. Es wirkt, als würde sich die Luft selb­st verfärben.

Ich höre leis­es Schnarchen.

Auf der I‑10 sind nur wenige Autos unter­wegs. Und nie­mand scheint sich über das Schaus­piel zu wun­dern. Das beruhigt mich – und macht mich zugle­ich noch neugieriger.

Der Nebel kommt näher. Das Rot wird inten­siv­er. Die Luft um uns färbt sich ein, der Him­mel wirkt wie durch ein rotes Glas gesehen.

Dann sehe ich im Zen­trum des Nebels so etwas wie eine rot­glühende Feuer­säule, die sich spi­ralför­mig in den Him­mel schraubt.

Mein Begleit­er rührt sich, ich bin erle­ichtert. „Schau – was ist das? Ein riesiges Feuer?“

Er beugt sich vor. „Wirbel­wind“, sagt er lakonisch.
„Warum ist er so rot?“
„Die rote Erde. Sie wird aufgewirbelt.“

„Ist das gefährlich?“ Ich denke an Filme, in denen Autos und Häuser durch die Luft fliegen.
Er zuckt die Schul­tern.
„Manch­mal. Aber meist nicht.“

Die Sonne ver­dunkelt sich, die Luft leuchtet orange-rot. Ich erkenne das Zen­trum des Wirbel­sturms: eine sich drehende Säule aus rot­er Erde – lodernd wie Feuer. Was für ein Schaus­piel! Wäre ich allein unter­wegs, ich wäre längst aus­gestiegen und hätte Fotos gemacht.

Aber mein Begleit­er scrollt auf seinem Mobil­tele­fon. Wir fahren weit­er – durch den rot schim­mern­den Nebel, bis er sich auflöst und die Sonne wieder klar am Him­mel steht.

Nichts ver­rät, dass es in der Nähe einen Wirbel­sturm gibt, der vielle­icht Autos oder Häuser durch die Luft trägt.

Aber vielle­icht auch nicht.

Blick auf die Überreste von Fort Bowie am Apache Pass

Blick auf die Über­reste von Fort Bowie am Apache Pass

Cochise Strong­hold, Fort Bowie und mein „Doubt­ful Canyon“

Wir queren den Texas Canyon, zur Recht­en ragen die Aus­läufer der Dra­goon Moun­tains empor. Ihren Namen ver­danken sie den Drag­onern, die im nahen Fort Huachu­ca sta­tion­iert waren.

Ich berichte meinem Begleit­er von meinem Besuch im Amerind-Muse­um am Fuße der Berge. Ein sehenswertes pri­vates Muse­um in einer beein­druck­enden Land­schaft — in dieser Gegend wur­den viele West­ern gedreht.

„Ja, das Amerind ist ein inter­es­santes Muse­um“, sagt er. „Aber sie haben auch Arte­fak­te, die sie bei uns aus­ge­graben haben – ohne unsere Erlaubnis.“

Später erzäh­le ich von meinem Besuch der Cochise Strong­hold inmit­ten der Dra­goon Moun­tains. Während im Tal die Erde karg und wie ver­bran­nt wirkt und nur wider­stands­fähi­gen Sträuch­ern und Kak­teen ein Gedei­hen ermöglicht, fährst du mit dem Auto kaum zehn Minuten hin­auf in die Berge, es wird schla­gar­tig küh­ler, du siehst Wälder und es gibt Quellen und Bäche. 

Hoch oben in den Chriricahua Mountains

In den Bergen ist es küh­ler, da gibt es Wälder und Wass­er (hier: Chir­ic­ahua Mountains)

Kein Wun­der, dass die Apachen lieber in den Bergen lebten.

„Ja“, sagt er, „ich kenne diese Gegend gut, das war alles Chiricahua-Land.“

Etwas weit­er passieren wir die Chir­ic­ahua Moun­tains und das kleine Dorf Bowie. Die Ortschaft wurde gegrün­det, als Fort Bowie aufgegeben wurde. Das Fort lag im Herzen der Chir­ic­ahua-Berge, am strate­gisch wichti­gen Apache Pass und an einer ergiebi­gen Quelle, dem Apache Spring.

Ram­bo – dargestellt von Sylvester Stal­lone – stammt in der Filmhand­lung aus Bowie. Am Ende von „Ram­bo III“ kehrt er heim und man sieht im Hin­ter­grund die Aus­läufer der Chir­ic­ahua-Berge. An der Tankstelle an der I‑10 erin­nert ein über­lebens­großes Gemälde an ihn: „No Place like Home“.

Rambo-Gemälde an der Tankstelle bei Bowie: No Place Like Home

Ram­bo-Gemälde an der Tankstelle bei Bowie: No Place Like Home

Wenige Kilo­me­ter weit­er liegt die kleine Geis­ter­stadt „Steins“.

Ich erzäh­le von mein­er früheren Fahrt zum markan­ten Steins Peak – und wie ich dabei beina­he nicht mehr aus dem Doubt­ful Canyon her­aus­gekom­men wäre. Ich war mit dem Auto an einer Eng­stelle zwi­schen der abfal­l­en­den Felsen­wand und den Sträuch­ern steck­en geblieben – kein Tele­fon­netz, beschädigter Wagen, Schreck-Momente.

Ich habe gele­sen, dass der Canyon seinen Namen der alten Postkutschen­route ver­dankt: Es war zweifel­haft, ob man heil durchkam – oder ob einem die Apachen vorher auflauerten.

Der Jün­gere lacht. „Ja, das ist eine gefährliche Strecke für Weiße. Du hättest auf den Namen hören sollen.“

Cashews, Cow­boy-Out­fit und Coffee-to-go

Nach Dem­ing hal­ten wir an einer Rast­stätte – eher ein riesiger Sou­venir­laden mit angeschlossen­em Minimarkt.

Im vorderen Bere­ich stapeln sich lokale Pro­duk­te, viele davon aus den umliegen­den Reser­vat­en: Schmuck, geschnitzte Skulp­turen, gewebte Deck­en, getöpferte Gefäße, geflocht­ene Körbe und Teller.

Daneben: Klei­dung, die aus jedem Europäer einen Cow­boy machen kön­nte. Cow­boy­hüte, Cow­boy­jack­en, Cow­boystiefel (ja, sog­ar mit Sporen!), Jeans – und das Ganze auch für Cowgirls.

Außer­dem: Pon­chos — aus Mexiko. Ich muss an die Ita­lo-West­ern der 1960er-Jahre denken. Vielle­icht hat sich Clint East­wood hier eingedeckt.

Beson­ders ziehen mich die Stände mit unter­schiedlich großen Säck­en voller Cashews, Erd­nüssen, Paranüssen und Pis­tazien an – von lokalen Far­men. Ich liebe diese Nüsse und nehme je eine mit­tel­große Pack­ung von jed­er Sorte.

Ich suche nach Cof­fee-to-go. Es gibt nur dün­nen Fil­terkaf­fee – ich verzichte. Im Kühlre­gal finde ich Star­bucks-Kaf­fee in Dosen, ein Sech­ser­pack, das muss reichen.

Apachen haben’s nicht eilig

Der Jün­gere tele­foniert mit einem der mexikanis­chen Fre­unde. „Wir brauchen noch etwa eine Stunde“, sagt er. Der Anrufer meint nur: „Kein Prob­lem, lasst euch Zeit!“

Ich werfe dem Jün­geren einen Seit­en­blick zu. Er grinst: „Siehst du? Die haben kein Prob­lem mit Indi­an Time – es sind ja auch Apachen.“

Meine bei­den Begleit­er reden über ver­gan­gene Zeit­en. Wie alles einst Apachen­land war. Heute gehören ihnen nur mehr kleine Fleck­en – meist genau dort, wo die Weißen ohne­hin kein Inter­esse hat­ten. Sie erzählen Geschicht­en, die sie von ihren Großel­tern gehört haben – vom Leben in Frei­heit, in den Bergen.

Bei Las Cruces über­queren wir den Rio Grande.

Der Fluss wirkt hier so gar nicht „grande“, er ist eher ein unbe­deu­ten­des Rinnsal. Ich habe gele­sen, dass ein Großteil seines Wassers zur Bewässerung abgezweigt wird.

Wir fahren weit­er Rich­tung Süden. Wir passieren Mesil­la – einst Haupt­stadt von „Nue­vo Méx­i­co“, als das Land noch mexikanisch war. Heute ist es ein Stadt­teil von Las Cruces. Ich erin­nere mich an meinen früheren Besuch: der Haupt­platz, die kolo­niale Basi­li­ka, aus­geze­ich­nete mexikanis­che Küche.

Mesilla - ehemalige Hauptstadt von Nuevo México

Mesil­la — ehe­ma­lige Haupt­stadt von Nue­vo México

El Paso — der Abschied

Kurz vor El Paso über­queren wir die Gren­ze nach Texas. „Wel­come to Texas – The Lone Star State“, ste­ht auf dem Schild. Der Stern bezieht sich auf die Texas-Flagge: ein weißer Stern im blauen Feld, daneben ein weißer und ein rot­er Streifen.

El Paso – früher El Paso del Norte genan­nt, der „Nord-Pass“ – macht seinem Namen alle Ehre: Die Stadt liegt eingezwängt zwi­schen zwei kahlen Bergen, durch die sich ein natür­lich­er Durch­gang zieht.

Flagge von Texas – The Lone Star State

Flagge von Texas – The Lone Star State

Als ich die Sono­ra-Wüste zum ersten Mal gese­hen habe, war ich über­rascht. Ich hat­te mir „Wüste“ immer als trost­lose, leere Fläche vorgestellt. So ganz anders ist die Sono­ra-Wüste:  Saguaros und hun­derte andere Arten von Kak­teen, Yuc­cas, Sträuch­er, Mesquite-Bäume – beson­ders im Früh­jahr ver­wan­delt sich die Wüste in ein Farbenmeer.

Doch hier, im äußer­sten West­en von Texas, ändert sich das Bild. Die Land­schaft rund um El Paso wirkt leb­los, öde, wie ver­bran­nt. Kein Strauch, kein Kak­tus, nur hügelige, staubige Leere – wie eine Mondlandschaft.

Und dann begin­nt El Paso – ganz plöt­zlich, ohne Vororte oder Über­gang. Die Stadt liegt uns zu Füßen – und über der Stadt wölbt sich ein Autobahngeflecht.

Die Stad­tau­to­bahn schwebt auf mehreren Ebe­nen über der Stadt. Mehrspurige Fahrbah­nen überkreuzen sich, führen zusam­men, tren­nen sich wieder. Acht, zehn, vielle­icht sog­ar zwölf Spuren – in alle Richtungen.

Der Ältere dirigiert mich mit ruhiger Stimme durch das Labyrinth: „Rechts – ja, rechts. Noch mehr rechts. Jet­zt links – aber nicht zu viel. Ger­adeaus… weit­er… Achtung, schnell wieder links – und dann rechts… nein, nicht ganz…“

Und schon bin ich auf einer Aus­fahrt, auf der ich nicht sein sollte.

Umdrehen? Unmöglich. Die Aus­fahrt führt mich unter der Auto­bahn hin­durch auf die andere Seite. Ich finde die näch­ste Auf­fahrt – und lande wieder auf der richti­gen Spur.

Schließlich erre­ichen wir den Tre­ff­punkt. Ein Park­platz mit Blick auf eine Autobahnbrücke.

„Dort drüben ist Mexiko“, sagt der Ältere. „Sie holen uns von dort ab.“

Bei­de holen ihr Gepäck aus dem Kof­fer­raum. Der Jün­gere umarmt mich. Der Ältere gibt mir die Hand – auf Apache-Art. Dann schul­tern sie ihre Taschen und machen sich auf den Weg.

Mein näch­stes Ziel ist das Mescalero-Reservat.

Ich tippe es ins Navi ein und hoffe, dass ich das über El Paso schwebende Labyrinth auf dem Rück­weg bess­er meistere.

Ich öffne eine Dose Star­bucks-Kaf­fee, nehme ein paar kräftige Schlucke, schließe die Autotür – und fahre los.

Weit­er­führende Links:

Teil 1 der Reise von San Car­los bis nach El Paso:
Reise nach El Paso (Teil 1) — Start mit Hin­dernissen in San Carlos

Du möcht­est wis­sen, wie die Apachen heute leben? Dann wird dich dieser Artikel inter­essieren:
Apachen heute

Zur Geschichte der Anfangs­jahre der San Car­los Apache Indi­an Reser­va­tion:
➪ San Car­los Apache Reser­va­tion – die frühen Jahre 1872 bis 1886


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